Der Schweizer Autor Urs Widmer ist tot. Er verstarb am Mittwoch nach längerer Krankheit, wie der Diogenes Verlag bekanntgabe. Widmer gehörte zu den bekanntesten Gegenwartsautoren im deutschsprachigen Raum. Seine Schriftstellerkarriere begann mit der Erzählung «Alois» 1968, der Durchbruch beim Publikum gelang ihm mit «Der Geliebte der Mutter» im Jahr 2000. Zusammen mit «Das Buch des Vaters» (2004) und «Ein Leben als Zwerg» (2006) bildet das Werk eine autobiografisch gefärbte Trilogie. Darin verknüpfte Widmer individuelle Schicksale mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Im vergangenen Herbst legte er mit «Reise an den Rand des Universums» eine eigentliche Autobiographie vor, zu der er aber sagte: «Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie. Denn eine Autobiographie ist das letzte Buch.» Für das Werk erhielt Widmer den Schweizer Literaturpreis 2014. Und es sollte das letzte Buch werden.

Viele Preise gewonnen

Der Diogenes-Verlag nennt Widmer einen «der vielseitigsten und erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller der Generation nach Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch». Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete ihn 1992 als «Weltliteraten».

Für sein Werk mit um die 80 Prosastücken, Dramen, Hörspielen und Essays erhielt Widmer 2007 den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Seinen Stil zeichne «der Wechsel der Töne aus: Ironie und Satire stehen neben surrealer und realistischer Präzision», urteilte die Jury damals. Ausgezeichnet wurde er unter anderem auch mit der Anerkennungsgabe der Stadt Zürich und dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth, den er am kommenden 18. Mai, kurz nach seinem 76. Geburtstag, hätte in Empfang nehmen sollen.

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Stück über Manager als «Milchkuh»

Einen Riesenerfolg als Dramatiker erlebte er 1997 mit «Top Dogs», einem Theaterstück über den Absturz von Spitzenmanagern. Der Autor nannte das Stück, das allein in den ersten beiden Jahren weltweit über 50 Mal aufgeführt wurde, seine «Milchkuh». Zu seinem 75. Geburtstag im Mai 2013 erschienen seine «Gesammelten Erzählungen».

Geboren wurde Urs Widmer am 21. Mai 1938 in Basel als Sohn des Übersetzers, Literaturkritikers und Gymnasiallehrers Walter Widmer. Im Elternhaus herrschte eine intellektuell inspirierende Atmosphäre, Leute wie Heinrich Böll gingen ein und aus. Nach dem Studium der Germanistik und Romanistik in Basel, Montpellier und Paris arbeitete Widmer zunächst als Lektor beim Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Mit Kollegen gründete er den heute noch bestehenden genossenschaftlichen Verlag der Autoren.

Öffentliche Trauerfeier

Die Beerdigung finde im engsten Familienkreis statt, heisst es im Communiqué des Verlags Diogenes. In Zürich sei eine öffentliche Trauerfeier geplant. Wann diese stattfindet, ist noch nicht bekannt.

(sda/se)