Die Oscar-Bühne war immer wieder Plattform für politische Proteste. Das dürfte heuer ganz besonders der Fall sein. Denn der Inhalt der Dankesreden ist frei - nur die Länge ist auf 45 Sekunden begrenzt. Dokumentarfilmer Michael Moore kritisierte 2003 während des Irakkrieges in scharfer Form den damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Auch Susan Sarandon, Vanessa Redgrave und Marlon Brando nutzten das Rampenlicht schon für politische Angriffe.

Anfang Januar legte Meryl Streep bei der Verleihung der Golden Globes einen Oscar-reifen Auftritt als Aktivistin hin. Ihr minutenlanges, mahnendes Plädoyer gegen Diskriminierung und Beschneidung der Pressefreiheit war eine unmissverständliche Schelte für Donald Trump. Streep war nicht zu bremsen - als Gewinnerin einer Ehrenauszeichnung lagen Inhalt und Länge der ungewöhnlichen Dankesrede ganz in ihrer Hand.

Auf der Oscar-Bühne haben die Gewinner nur 45 Sekunden Zeit, doch was sie in ihrer Dankesrede sagen, «bleibt völlig ihnen überlassen», betonte Show-Produzent Mike De Luca kürzlich im Branchenportal «Deadline.com». «Das ist der Teil der Show, den wir nicht bestimmen können.» Jedes Jahr legt die Filmakademie den Nominierten nahe, von Herzen zu sprechen, statt lange Namenslisten von einem Zettel abzulesen.

Erstmals Jimmy Kimmel

Und was darf Jimmy Kimmel (49), der Komiker und Talkshow-Gastgeber der Late-Night-Show «Jimmy Kimmel Live!», der nun erstmals die Oscars moderieren wird? «Ich weiss, dass am Ende irgendjemand enttäuscht sein wird. Ich weiss nur noch nicht recht, wer es sein wird», witzelte er im Interview der «New York Times».

Im liberalen Hollywood ist Trump ständig unter Beschuss, doch kann die Academy Millionen Menschen an den Bildschirmen vergraulen, die auf das Oscar-Spektakel und zugleich auf Trump stehen? Für Kimmel wird das eine Gratwanderung. Amerika erlebe derzeit wilde Gefühlsschwankungen, meint der Komiker. «Wir wissen einfach nicht, in welcher Stimmung unser Land am Sonntag sein wird.»

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Iraner boykottieren die Show

Fest steht jetzt schon, dass Filmemacher aus Protest gegen den neuen Kurs in Washington der Show fernbleiben, darunter der vielfach ausgezeichnete iranische Regisseur Asghar Farhadi und seine Hauptdarstellerin Taraneh Alidoosti. Ihr Film «The Salesman» ist für den Auslands-Oscar nominiert. Auslöser für ihren Rückzug war Trumps Einreisestopp für Menschen aus sieben überwiegend islamischen Ländern. Zwar schritt ein US-Gericht inzwischen dagegen ein, doch bei dem Boykott soll es bleiben.

Ob auf der Bühne, Backstage vor der Presse oder auf dem roten Teppich - engagierte Stars werden das Rampenlicht für eine politische Kampfansage nutzen. Daran gibt es in Hollywood nach einer Preissaison mit emotionalen Reden und scharfen Seitenhieben keine Zweifel. «Wir müssen gegen Ungerechtigkeit kämpfen und Arschtritte verteilen», sagte «La La Land»-Star Emma Stone kürzlich am Rande der SAG-Awards. Sie könnte am Sonntag den Oscars als beste Hauptdarstellerin gewinnen.

DiCaprios Appell 2016

Im vorigen Jahr nutzte Leonardo DiCaprio («The Revenant») die Dankesrede nach seinem ersten Oscar-Gewinn für einen politischen Appell. Mit der Trophäe in der Hand warnte der Schauspieler vor dem Klimawandel. «Er ist unsere grösste Bedrohung. Lasst uns diesen Planeten nicht als selbstverständlich ansehen.» Da war ein Wahlsieg von Donald Trump noch in weiter Ferne. Auch diesmal könnte DiCaprio wieder das Wort ergreifen, wenn er als «Presenter» beim Verteilen der Trophäen mithilft.

(sda/gku)