Am Samstag um 12 Uhr ist es wieder so weit: Zum 180. Mal heisst es «o'zapft is» – und das wohl grösste Volksfest der Welt öffnet seine Pforten. Nach einem schwächeren Jahr 2012 können die Münchner Wiesn-Wirte bei der diesjährigen Auflage des Oktoberfests wieder auf mehr Umsätze hoffen.

Nach dem Rekordjahr 2011 brach der Bierausschank 2012 von 7,9 auf 7,4 Millionen Liter regelrecht ein. «Das war jedoch keineswegs auf eine geringere Bierkonsumneigung der Besucher zurückzuführen», haben die in München ansässigen Ökonomen der Grossbank Unicredit in einer Studie herausgearbeitet. Das knappere Angebot war Schuld: Erstens gab es wegen der nur alle zwei Jahre stattfindenden traditionellen Wiesn weniger Zelte auf dem Oktoberfestgelände. Zweitens war das Fest kürzer: Immer wenn der Tag der Deutschen Einheit – der Nationalfeiertag am 3. Oktober – auf den Beginn der Woche nach den regulären zwei Festwochen fällt, wird die Wiesn verlängert. Das geschah zum Beispiel 2011. Vergangenes und dieses Jahr ist das nicht der Fall.

Bierverbrauch pro Kopf steigt

Bereinigt um diese Sondereffekte war das letzte Oktoberfest sogar ein weiterer grosser Erfolg, sagt Unicredit-Ökonom Alexander Koch. Das lasse sich am Pro-Kopf-Bierverbrauch ablesen, der entgegen den reinen Besucherzahlen weiter nach oben zeigte: bei durchschnittlich 1,16 Mass Bier pro Besucher.

Begünstigt wird die positive Umsatzerwartung für dieses Jahr zudem durch die Herkunftsstruktur der Festbesucher. Gemäss einer Umfrage der Stadt München kommen rund 80 Prozent von ihnen aus Deutschland, über 70 Prozent sogar aus Bayern. Und die wirtschaftliche Lage der deutschen Privathaushalte stellt sich trotz der weiter schwelenden Euro-Krise robust dar. Die Beschäftigung steht auf Rekordhoch, die Löhnerhöhungen fallen in diesem Jahr ebenfalls ordentlich aus.

Bierpreis steuert steil auf 10-Euro-Marke zu

An der guten Ausgangssituation für die Festwirte dürfte denn auch der hohe Bierpreis nichts ändern, der wie nahezu jedes Jahr abermals zulegt. Der Durchschnittspreis für einen Liter Bier steht nun bei 9.66 Euro – ein Anstieg von 3,6 Prozent zum Vorjahr, wie Unicredit-Ökonom Koch berechnete. Damit liegt diese Bierinflation deutlich über dem Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland insgesamt. Im August lag die Quote bei lediglich 1,5 Prozent.

Und der von Unicredit-Ökonom Koch entwickelte Wiesnbesucherpreisindex weist für 2013 das gleiche Wachstumstempo auf. Darin werden die Kosten eines Wiesnbesuchs vereinfachend folgendermassen zusammengefasst: eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr, der Genuss von zwei Mass Bier sowie der Verzehr eines halben Brathähnchens. Seit 1985 sind die Wiesnbesucherpreise sogar um mehr als doppelt so stark wie die durchschnittlichen Verbraucherpreise gestiegen: Einem Wiesnplus von jährlich 4,0 Prozent steht eine reguläre Inflation von 1,9 Prozent gegenüber.

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Oktoberfestbier ist kein «normales» Gut

Normalerweise sorgen steigende Preise für eine geringere Nachfrage. Das gilt laut Koch zwar nachweislich für Flaschenbier – nicht jedoch fürs Oktoberfest. Auf Basis der Daten seit 1980 lässt sich sogar feststellen: Trotz spürbar steigender Masspreise ist der Pro-Kopf-Verbrauch im Trend kontinuierlich angestiegen.

Dieses Jahr bleibt der Bierpreis fast überall noch unter der 10 Euro-Schwelle. Das wird sich aber bald nicht mehr vermeiden lassen. Gut möglich, dass die Wiesbesucher sich unbeeindruckt zeigen, sollte der Bierpreis diese psychologisch wichtige Marke überspringen, glaubt Koch. Seine Einschätzung stützt er auf die Erfahrung Mitte der 1990er Jahre, als der Bierpreis die Schwelle von 10 D-Mark (5.10 Euro) durchbrach. Zwar gab es 1995 noch einen Rückgang beim Pro-Kopf-Verbrauch. Der schien allerdings vor allem eine Folge der konjunkturellen Abkühlung nach dem Wiedervereinigungsboom Anfang der 1990er gewesen zu sein, so Koch. Denn auch in den Jahren zuvor stagnierte der Bierkonsum pro Kopf.

«Eine Mass Bier dämpft Inflationsängste»

Bereits ab 1996 war die Schwächephase wieder überwunden, und die Delle war bald mehr als wettgemacht. «Einem sprudelnden Bierausschank am Oktoberfest steht also nach derzeitigem Kenntnisstand auf absehbare Zeit nichts entgegen», sagt Koch. «Offensichtlich macht das Betreten des Oktoberfestgeländes und der Genuss einer Mass Bier die Deutschen weniger preissensitiv und dämpft ihre Inflationsängste.» Na denn: Prost!