Auf dem jüngsten G7-Gipfel lud US-Präsident Donald Trump die versammelten Staats- und Regierungschefs in seinen Doral Country Club in der Nähe von Miami für das nächste G7-Treffen im kommenden Jahr ein. Es sei eine märchenhafte Welt mit «prachtvollen Bauten», dessen «Festsäle zu den grössten und besten in Florida» gehören. Es war ein weiteres Beispiel der Trumpschen Erzählung – sein Narrativ, das er seit Jahrzehnten verfolgt.

Beobachten lässt sich das, indem man Trumps Namen in digitalen Nachrichtenportalen etwa bei Google Ngrams sucht. Sein Narrativ verbreitete sich langsam, aber über lange Zeit, so dass seine Dominanz im öffentlichen Diskurs der Vereinigten Staaten beinahe unglaubwürdig erscheint.

Trumps Strategie

Tumps Begabung besteht teilweise darin, dass er ein Leben lang Dinge tat, welche die Verbreitung dieses Narrativs unterstützten: glamouröse Auftritte, umgeben von schönen Frauen, die ihn scheinbar anhimmelten. Dabei erweckte er immer wieder den Anschein enormen Einflusses.

Diese Strategie hatte Trump bereits bis 1983 entschlossen verfolgt, als die «New York Times» unter dem Titel «The Empire and Ego of Donald Trump» schrieb, dass er in diesem Jahr schon ein «international anerkanntes Symbol für New York City als Mekka der Superreichen dieser Welt» war.

Man denke an sein Interesse am Profi-Wrestling – eine der Unterhaltungsformen, bei der das Publikum aufgrund einer sonderbaren menschlichen Eigenart an die Authentizität einer offensichtlich inszenierten Darbietung glauben will. Trump beherrscht den Kayfabe-Stil der Branche und setzt ihn auch überall wirksam ein, um sein Narrativ schneller zu verbreiten. 2007 ging er sogar so weit und nahm an einem inszenierten Schaukampf teil.

Präsenz in der Öffentlichkeit

Im Jahr 2004 hatte Trump das Glück, als Moderator für die Reality-TV-Show «The Apprentice» eingeladen zu werden, in der es um realitätsnahen wirtschaftlichen Wettbewerb ging. Sofort erkannte er die einmalige Chance, seine öffentliche Person noch stärker in den Vordergrund zu rücken und wurde mit einem Narrativ der liebevollen Strenge berühmt. «Sie sind gefeuert!» blaffte er die Verlierer in seiner Show an, während er Siegern und Verlierern gleichermassen durchaus auch Freundlichkeit entgegenbrachte.

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Nun, da Trump ein sich ausbreitendes Narrativ etabliert hat, lebt er weiterhin seine TV-Show-Persönlichkeit aus. Nachdem er die USA auf dem Parteitag der Republikanischen Partei im Jahr 2016 als eine Macht im Niedergang dargestellt hatte, erklärte er: «Ich allein kann das ändern».

Er entliess hochrangige Regierungsvertreter in beispielloser Geschwindigkeit, um sicherzustellen, dass bloss niemand mit dem Anschein der Unabhängigkeit Teil seiner Administration bleibt.

Mit diese Vorgehensweise begründete eine neue Form der Willkür in der US-Regierung, die angesichts der Verflechtungen der USA und der Weltwirtschaft die ganze Welt betreffen könnten.

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Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Yale. Er wurde 2013 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Quelle: Keystone

Rednerkunst aus dem 2. Jahrhundert

Doch nichts davon ist neu. Trump verfolgt eine Spielart eines wiederkehrenden Narrativs, das bereits seit tausenden Jahren existiert. Der antike Satiriker Lukian von Samosata beschreibt in einem aus dem 2. Jahrhundert stammenden Aufsatz «Die Rednerschule» für angehende Führungspersönlichkeiten, wie man ein Machtnarrativ nutzen kann, indem man es selbst auslebt:

«(...) Im Privatleben magst du alles treiben, was dir gefällt, spielen, saufen, huren, ehebrechen, oder dich dessen wenigstens gegen alles und jeden rühmen, auch wenn du es nicht tust, und Liebesbriefchen vorweisen, die von Weibern an dich geschrieben sein sollen. Denn es muss dir daran liegen, für einen liebenswürdigen Mann zu gelten, um den sich alle schönen Frauen Mühe geben. Der gemeine Haufen wird dies auf die Rechnung deiner Rednerkunst schreiben, deren Ruhm sogar schon in die Gemächer der Weiber gedrungen sei.»

Bei Lukian beschreibt dieses Narrativ nicht die Wirklichkeit, sondern es schafft diese erst. Es kommt nicht auf die Substanz an, sondern auf Stimmigkeit:

«Das Erste nun und Wichtigste, was du mitzubringen hast, ist Unwissenheit und Keckheit, nicht minder auch Frechheit und Unverschämtheit. Alles anständige, bescheidene und verschämte Wesen hingegen lass mir ja zu Hause; dies würde zu deiner Absicht nicht nur nichts nützen, sondern sogar entgegenwirken. (…) Entwischt dir ein Sprachschnitzer oder gar ein Barbarismus, so ist Unverschämtheit das beste Mittel.»

Zu einer Zeit, da die Menschen in der Regel nicht so lange lebten wie heute, konnte sich Lukian freilich nicht vorstellen, dass man die Aufrechterhaltung eines stimmigen Narrativs über 50 Jahre planen kann. Aber ebenso wenig kann ein derartiges Narrativ ewig bestehen.

Trumps Narrativ führt in die Rezession

Das Ende des Vertrauens in Trumps Narrativ wird wohl mit einer Rezession verbunden sein.

Während einer Rezession ziehen sich die Menschen zurück und überdenken ihre Sicht der Dinge. Die Konsumenten geben weniger aus und vermeiden Anschaffungen, die aufgeschoben werden können: ein neues Auto, Renovierungen zu Hause und teure Urlaube.

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Unternehmen geben weniger für neue Produktionsstätten und Anlagen aus und stellen keine neuen Mitarbeiter ein. Sie müssen ihre Gründe dafür nicht darlegen. Dafür können ihr Bauchgefühl und ihre Emotionen schon reichen.

Bislang war Trump mit seinem protzigen Lebensstil für viele Konsumenten und Anleger ein massgebender Impuls. Die US-Wirtschaft war aussergewöhnlich «stark» und verlängerte die Erholung von der grossen Rezession, die ihren Tiefpunkt erreichte, als Barack Obama 2009 die US-Präsidentschaft übernahm.

Die darauf folgende Expansion ist die längste, die seit den 1850er Jahren verzeichnet wurde. Im Grunde ist ein starkes Narrativ die Ursache für die Stärke der amerikanischen Wirtschaft.

Das Vertrauen in Trumps Narrativ schwindet

Doch motivierende Redner stossen letztendlich oft genau die Menschen ab, die sie einst inspirierten. Man denke an die Reaktionen der Studierenden an der Trump University, jener auf Betrug aufgebauten Ausbildungsstätte, die ihr Namensgeber 2005 gründete und die fünf Jahre später nach mehrfachen Gerichtsprozessen geschlossen wurde.

Oder man erinnere sich an den abrupten politischen Fall von US-Senator Joe McCarthy im Jahr 1954, nachdem er seine antikommunistische Rhetorik zu weit getrieben hatte.

In der Art und Weise, wie Trump seine Präsidentschaft gestaltet, herrschen zu viele Unwägbarkeiten, um überzeugende Vorhersagen treffen zu können. Er wird sicherlich versuchen, an seinem öffentlichen Narrativ festzuhalten, das so lange gut funktioniert hat.

Doch eine schwere Rezession könnte sein Verderben sein. Und womöglich wird die Öffentlichkeit noch vor Eintritt der wirtschaftlichen Katastrophe beginnen, seinen Verirrungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken – ebenso jenen neuen Gegennarrativen, welche das Trumpsche Narrativ verdrängen werden.

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