Schaffhausen ja, Biel ja, Genf ja – aber das Zugerland? Nein, in Baar, da stellt man doch keine Uhren her! Diesen Ausspruch hat Martin Bärtsch (46) in der Vergangenheit nicht bloss einmal gehört. Von seinem Vorhaben abhalten liess er sich allerdings nicht: Vor eineinhalb Jahren ist er mit Cimier aus der Stadt Zug – auch nicht gerade die Hochburg helvetischer Horlogerie ... – in die alte Spinnerei an der Lorze gezogen. Wo bis vor 20 Jahren Baumwolle gesponnen wurde, spinnen Bärtsch und sein Team nunmehr an ihrer Vision der perfekten Uhr.

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Cimier? Den reiferen Uhren-Liebhabern klingelt es in den Ohren, wenn sie den Namen hören. Bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein produzierte das damals im Baselbiet beheimatete Unternehmen mit bis zu 500 Angestellten jährlich rund 1,5 Millionen Uhren, erlangte mit den sogenannten Roskopf-Werken Berühmtheit und war mit seinen Plastikmodellen letztlich so etwas wie die Vorgängerin der Günstiguhr Swatch. Uneinigkeit über die inskünftige Ausrichtung und ein Erbstreit läuteten 1985 den Niedergang der traditionsreichen Firma ein und liessen die Marke in der Versenkung verschwinden. Bis sie 2003 durch Martin Bärtsch wach geküsst wurde.

«Für mich war die Übernahme eine einmalige Chance, meine Faszination für Uhren und meinen Drang nach Selbstständigkeit unter einen Hut zu bringen», erklärt der Cimier-Mitinhaber. Für ihn, der seine branchenspezifischen Sporen als Geschäftsleitungsmitglied von Maurice Lacroix in Zürich abverdient hat, ist klar: «Cimier besitzt die besten Chancen, an die alte Erfolgsgeschichte anzuknüpfen.»
In ihrem Vorhaben setzen Bärtsch und sein Uhrmachermeister Martin Eugster weder auf Extravaganz noch auf Luxus, sondern auf die bewährte Verbindung von Technik und Design. «Beste Schweizer Qualität zu mittleren Preisen eben», sagt Bärtsch und verweist auf die Werke von ETA. Die Bemerkung, dass doch gerade im Mittelpreisbereich – also zwischen etwa 1000 und 4000 Franken – der Verdrängungswettkampf am grössten und die Zukunftsaussichten am schlechtesten seien, löst bei Bärtsch lediglich Kopfschütteln aus. «Wer konkret sagt das? Genau, all jene, die im Hochpreis- und im Billigsegment ansässig sind. Ich glaube, wir beweisen mit unserer Kollektion genau das Gegenteil.» Ein Blick in die Auftragsbücher zeigt: Im letzten Jahr hat Cimier 30 000 Uhren verkauft – vor sieben Jahren waren es erst deren 8000. «Auch die als so spendabel verschrieenen Russen merken halt langsam, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Und sie wollen ein faires Verhältnis von Preis und Leistung. Das spielt uns in die Hände», so Bärtsch.
 

Der Coup mit Sarah Meier

Nicht die Hände, sondern die Füsse haben Bärtsch den jüngsten Coup beschert. Jene mit Kufen bestückten von Sarah Meier nämlich. Zwei Wochen vor ihrem sensationellen Europameister-Titel im Eiskunstlauf Ende Januar 2011 in Bern hat die Bülacher Eisprinzessin bei Cimier einen Vertrag als Botschafterin unterschrieben. «Auch hier haben mir viele Fachleute abgeraten: Was willst du denn mit der als Ambassadorin? Die war lange verletzt und tritt ja eh zurück!» Auch Meier selbst habe an jenem Meeting nicht gerade die Zuversicht einer Siegerin ausgestrahlt. Bärtsch: «Dass es dann trotzdem mit dem Titel geklappt hat, ist eine tolle Sache auch für uns.»

Zwar seien die Absatzzahlen bisher nicht unmittelbar in die Höhe geschnellt, doch gehe es primär auch gar nicht darum, bemerkt Bärtsch, der als Leistungssportler einst modernen Fünfkampf betrieben hat und mit den früheren Schwimm-Cracks Dano Halsall und Stéphane Volery um die Wette geschwommen ist. «Viel wichtiger ist die Botschaft, die wir übermitteln konnten: Nicht jeder Weg besteht nur aus Geraden. Manchmal muss man Rückschläge hinnehmen und einen Umweg einschlagen, um ans Ziel zu gelangen.» Das sei bei Sarah Meier genauso der Fall gewesen wie bei Schiedsrichter Massimo Busacca, Fussball-Torhüter Jörg Stiel und Snowboarderin Tanja Frieden, drei weiteren Ambassadoren von Cimier. «Und auch die Marke Cimier musste ja ziemlich dunkle Zeiten überstehen, bevor sie wieder in neuem Glanz erstrahlen konnte und kann», ergänzt Bärtsch.

Trotz guter Geschäftsgänge, einer breiten Kollektion mit über 200 Referenzen und einem glücklichen Händchen in Sachen Marketing ist der Ostschweizer mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben. «Wir sind in erster Linie ein Produktionsbetrieb. Da muss man sich nichts vormachen. Wir haben gar nicht die Werbemöglichkeiten, die den grossen Häusern zur Verfügung stehen.» So setzt er lieber auf ungewöhnliche Mittel der Kundenpflege, als für viel Geld Kampagnen zu reiten. Ein solches Instrument ist beispielsweise die Watch Academy, in der Interessenten binnen vier Stunden ihre eigene Uhr fertigen können. Inzwischen reisen Aficionados aus halb Europa nach Baar, um unter Anleitung von Uhrmachermeister Martin Eugster mit Lupe, Pinzette und Schraubenzieher kleine Meisterwerke zu erschaffen.

«Auch das hat viel mit Imagepflege zu tun», betont Bärtsch. «Wer weiss, wie viel Arbeit im Produkt steckt, der schätzt seine Uhr noch viel mehr.» Ehrensache, dass sich auch der ehemalige IT-Fachmann und Vertriebsprofi, der bei Maurice Lacroix unter anderem das Produktentwicklungsteam leitete, immer mal wieder an die Werkbank setzt, um seine Fingerfertigkeit unter Beweis zu stellen. «Mit einem Uhrmacher kann ich es nicht aufnehmen. Aber als Unternehmer sehe ich mich in der Rolle des Patrons. Als solcher sollte man schon wissen, wovon man spricht und mit was sich seine Mitarbeitenden tagtäglich beschäftigen.»
Seine Affinität zu Uhren hat Bärtsch in frühen Jugendjahren entdeckt. Auch er sei wie all seine Kollegen dem Hype um die bunten, schrillen Swatch-Uhren erlegen. «Damals schon wurde mir bewusst, dass nicht nur die Technik einer Uhr zählt, sondern auch die Emotionen, die diese bei ihrem Träger auszulösen vermag.» Bärtsch umschreibt das, was von Zeiger und Zifferblatt ausgeht, als «Faszination der Zeit». Ein Slogan, den er auch gleich dem Firmenlogo beigestellt hat. Was fasziniert ihn ganz persönlich an der Materie Zeit? Bärtsch schmunzelt: «Da sagt Ihnen wahrscheinlich jeder, der eine Firma hat, in etwa dasselbe: Man hat davon eindeutig zu wenig.» Als ungeduldiger Mensch, wie er einer sei, messe man der Zeit gleich doppelt Bedeutung bei. «Denn wenn man etwas aus Überzeugung und mit Leidenschaft macht, dann nimmt man die Zeit einerseits viel intensiver wahr, anderseits zerrinnt sie aber auch viel schneller.»
 

Die Erinnerung an den Stierenmarkt

Viel ist in den letzten acht Jahren passiert, seit Cimier zu neuem Leben erweckt worden ist. Nichts erinnert mehr an den Neuanfang am Zuger Stierenmarkt, wo Bärtsch von den bodenständigen Räumlichkeiten des Schweizer Braunviehzuchtverbands aus mit künftigen Lieferanten telefoniert und Uhren eigenhändig zum Versand eingepackt hat. Zwar packt der Firmenchef auch am neuen Standort immer noch tatkräftig mit an, wenn Not am Mann ist, allerdings passiert dies in hellen, topmodernen Räumlichkeiten, die die Eleganz einer exklusiven Loftwohnung besitzen. Bärtsch schreitet zwischen den Werkbänken hindurch, schaut den Uhrmachern über die Schulter und zieht hier und da Schubladen voller Kleinteile aus mannshohen Schränken.
«Einerseits hätte ich Cimier nicht wiederbeleben können, wären nicht all die Zulieferer gewesen, die mir eine Chance gegeben haben», betont Bärtsch. Wisse man um die gute Auslastung derselben, sei dies umso bemerkenswerter. Er schüttelt das Handgelenk, an dem eine Seven Seas Barracuda glänzt. «Auf der anderen Seite denke ich, dass wir als Mitbewerber der Schweizer Uhrenbranche direkt etwas bringen: Denn frisches Blut tut allen gut.»