«Radikale Veränderung durch das Internet der Dinge»

Technologie auf dem Vormarsch: «Die Schweiz digitalisiert viel.» Keystone
Caroline Freigang

Bei Technologie-Themen ist die Schweiz weit vorne dabei. Nicht so beim Megatrend Internet der Dinge, sagt Cisco-Manager Michael Ganser.

50 Milliarden Geräte sind im Jahr 2020 weltweit mit dem Internet verbunden. Das sagt der IT-Konzern Cisco voraus. Dazu gehören smarte Umkleidekabinen, die dem Shoppenden bei der Auswahl von Kleidungsstücken helfen, Autos, die mit Strassen und Ampeln kommunizieren oder landwirtschaftliche Maschinen, die wissen, wie sie ein Feld bewirtschaften müssen.

Beim Internet der Dinge, also der Vernetzung von elektronischen Geräten, mischen immer mehr Tech-Giganten mit. Darunter auch Cisco. Eigentlich bekannt für Hardware wie Router und Switches, wandelt sich der Konzern immer mehr zum Software-Unternehmen, das sich auf Bereiche wie dem Internet der Dinge und Cyber Security fokussiert.

Herr Ganser, als Senior Vice President von Cisco für Zentraleuropa sind Sie verantwortlich für 28 Ländern. Wie weit ist die Schweiz im Bereich Internet der Dinge («Internet of Things», IoT)?
Michael Ganser*: Schweizer Unternehmen waren bei Technologie-Themen oder Prozessveränderungen immer vorne mit dabei. In der IoT-Welt sind sie es nicht.

Warum nicht?
Die Schweiz digitalisiert viel. Den grossen Drive bei der Vernetzung sehen wir aber nicht. Viele Firmen probieren Dinge zunächst im Ausland aus. Die Schweizer experimentieren nicht gerne. Ausserdem geht es der Schweiz gut – viel besser als anderen Ländern. Sich in der Komfortzone auszuruhen, wäre aber der grösste Fehler, den das Land machen könnte.

Was kann die Schweiz tun, um sich noch besser auf die vernetzte Welt vorzubereiten?
Das Internet der Dinge muss ein grösseres politisches Thema werden. Es braucht Weichenstellungen, angefangen von der Ausbildung und den Lehrplänen in Schulen. Wir führen hierzulande Diskussionen über Fremdsprachen im Lehrplan und Frühfranzösisch. Dabei wird Programmieren zu einer der wichtigsten Sprachen, die Kinder lernen müssen. IT ist in der Schulbildung praktisch inexistent. Ausserdem müssen in der Schweiz Cluster wie der Innovationspark in Dübendorf geschaffen werden.

Wieso sollten sich Schweizer Unternehmen IoT-Projekten widmen?
Durch IoT kann sich ein Unternehmen radikal verändern. Ein ursprüngliches Produkt kann sich etwa zum vernetzten Produkt und dann zur Plattform wandeln. Auf diese Veränderungen muss man reagieren und gewappnet sein.

Für wen sind IoT-Projekte besonders interessant?
Für produzierende Unternehmen, die mit Einsatz von Sensoren ihre Prozesse optimieren oder ganze Produktionsstätten aus der Distanz managen können. Auch für den Mittelstand ist IoT eine grosse Chance. Vielen KMU fehlt wegen der Frankenstärke rund 20 Prozent an Profitabilität. Sie müssen weitere Wertschöpfung generieren. Das kann man mit IoT etwa durch «predictive maintenance», wo Maschinen Wartungsbedürfnisse automatisch signalisieren, oder besseren Service erreichen. Mit eigenen Plattformen können kleinere Firmen die Wertschöpfung im Unternehmen halten.

Laut Cisco-Studie scheitern drei Viertel aller IoT-Projekte. Um Erfolg zu haben, müssten Initiativen von der Geschäftsleitung unterstützt werden, sagte Cisco-CEO Chuck Robbins am Internet-of-Things-Gipfel in London. Sehen Sie eine Verankerung im Top-Management als zwingend notwendig?
Ich sehe es als wünschenswert. Allerdings muss man nicht unbedingt warten, bis eine Grundsatzentscheidung oder die entsprechenden Budgets da sind. Entwicklungen können auch von unten nach oben angestossen werden - dass man Dinge ausprobiert, zeigt, was möglich ist und das dann skaliert.

Cisco wandelt sich vom Hardware- zum Software- und Cloud-Konzern. Wie betrifft diese Veränderung das Geschäft in der Schweiz?
Wir kommen aus einer Welt, in der wir im Keller agieren. Uns kennt keiner, weil wir Infrastrukturen schaffen. Jetzt ziehen wir hoch in die Boardräume und verändern, wie Menschen zusammenarbeiten. Wir arbeiten eigentlich auf drei Ebenen: Erstens investieren wir in Plattformen, die IT und das operative Geschäft verbinden. Zweitens helfen wir kleinen und grossen Unternehmen, ihre IT zu vereinfachen und Prozesse zu automatisieren. Und drittens helfen wir mit Cyber-Sicherheit.

Cisco rüstet im Bereich Cyber-Security massiv auf. Zuletzt verkündeten Sie eine Vertiefung der Partnerschaft mit Apple, um iOS-Geräte sicherer zu machen. Was sind Ihre Pläne im Security-Bereich?
Security ist eines der Wachstumsfelder im Technologie-Bereich. Aber die Industrie braucht einen Paradigmenwechsel: Neben Prävention ist auch wichtig, was man während und nach Attacken macht. Cisco-Ingenieure entwickeln für alle drei Phasen - also vor, während und nach Attacken - Technologien und Serviceangebote. Netzwerke spielen bei Cybersecurity eine Schlüsselrolle: Ein Netzwerk ist die erste Stelle, an der Attacken identifiziert und abgewehrt werden können.

Wie gut sind Schweizer Unternehmen für Cyber-Angriffe gerüstet?
Mangelhaft. Security ist wie ein Gesundheitscheck. Viele Menschen gehen erst zum Arzt, wenn sie Symptome haben, die Vorsorge lassen sie ausfallen. Dasselbe gilt für den Security-Bereich: Hier ist Vorsorge essentiell, wird in Unternehmen aber häufig vernachlässigt.

Hat sich das seit Attacken wie mit der Ransomware «WannaCry» geändert?
Hinter Ransomware wie «WannaCry» stecken organisierte Banden, darauf muss man entsprechend umfassend reagieren. Unternehmen investieren zwar viel in Security, sie investieren aber vor allem in Einzellösungen. Das reicht nicht aus. Das ist, als würden sie ein Flugzeug aus Teilen 50 verschiedener Anbieter bauen. Der rechte Flügel wird von einem Anbieter gebaut, der linke von einem anderen. Das Endprodukt sieht zwar aus wie ein Flugzeug - es fliegt aber nicht. Dasselbe gilt im Cyber-Security-Bereich: Es braucht umfassende und vernetzte Lösungen, um ausreichend Schutz zu garantieren.

Was ist der Vorteil an Netzwerk-Lösungen?
Das Netzwerk funktioniert wie ein Sensor. Es erkennt Muster und kann darauf reagieren. Cisco entwickelt ein Netzwerk, das Aktionen vorhersieht und automatisiert, Sicherheitsgefahren abwehrt und sich durch Lernprozesse selbstständig weiterentwickelt.

Für gewisse Unternehmen - etwa Betreiber von Atomkraftwerken - sind Cyber-Attacken fatal. Wie kann man solchen Unternehmen garantieren, dass ein Sicherheitssystem ein sicherer Panzer nach aussen ist?
Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Unternehmen müssen so schnell wie möglich erkennen, dass sie attackiert worden sind. Heute dauert dies oft Monate anstatt Tage oder Stunden. Und sie müssen wissen, wie infizierte Segmente an ihre IT-Infrastruktur angrenzen und wie sie Schäden beheben können.

Was ist die grösste Herausforderung für Unternehmen im Bereich Cyber Security?
Ein grosses Problem ist, dass es nicht genügend Sicherheitsexperten gibt. Experten in diesem Bereich können sich vor Jobs kaum retten. Cisco versucht, Talente in diesem Bereich zu fördern, indem wir etwa 10'000 Scholarships im Bereich Security herausgeben. Aber selbst das ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

*Michael Ganser ist Senior Vice President Central Europe. Er ist verantwortlich für Sales, Service, Wachstum und Innovationen in 28 Ländern.

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