«Gut gemeinter Journalismus ist schlecht für die Welt»

Urs Paul Engeler

Wenn Journalisten «schreiben, was sein soll», statt nach Aktualität und Relevanz zu berichten, rutschen sie ins Banale ab. Oder richten noch Schlimmeres an.

Die Sendung «10 vor 10» vom 23. Juni, sagte Moderatorin Susanne Wille bedeutungsvoll an, werde eine, «wie es sie noch nie gab»: Es würden ganz neue Lösungen für alte Probleme präsentiert. Spannung!

Es folgt ein Beitrag über nicht anerkannte Flüchtlinge, die bei Migros-Metzgern eine Fleischerlehre beginnen, dann folgt ein Film über Bubble-Hotels (aufblasbare Doppelzelte), die im Ausland seit Jahren in Betrieb sind und nun auch an sechs Orten im Thurgau bestiegen werden können. Dann folgt ein Blick über den Campingplatz Eschenz, der zu den hundert Besten Europas zählt. Dann folgt ein Besuch der Nestlé- und Chaplin-Museen in der Waadt, die mehr Eintritte zählen als erwartet.

Zuviel des Guten ist Kitsch

Dann folgt die Reise zweier Journalistinnen nach Kamerun, wo ein Schweizer dem Staat bessere Röntgengeräte andienen will, die in gut zwei Jahren, vielleicht, sofern noch 6 Millionen Franken eingesammelt werden, marktreif sein könnten. «Über dieses Röntgenprojekt berichten morgen weltweit verschiedene Zeitungen», lobt Wille im Abspann. Aufgegriffen wird das Thema aber nicht, weil die Röntgenidee umwerfend wäre.

Multipliziert wird der Beitrag, weil er Teil einer neuen journalistischen Internationale ist. Sparknews, eine Organisation mit Sitz in Paris, 15 Mitarbeitern und einem Budget von 1,3 Millionen Euro, spannt mittlerweile rund sechzig Medien ein, am 24. Juni, dem «Impact Journalism Day», nur Gutes, Lösungsorientiertes, Weltverbesserndes zu publizieren. In der Schweiz befolgen neben SRF der «Tages-Anzeiger», die «Tribune de Genève», «24-heures» und «La Regione» die Devise zur Rettung des Globus. Das weltumspannende Einheitsmenu nennt sich «kollaborativer Journalismus».

Verdrängender Journalismus

Zuviel des Guten ist Kitsch. Denn das universelle «Gute», das für alle nur gut ist, gibt es gar nicht, weder individuell noch gesellschaftlich noch wirtschaftlich noch politisch. Real sind einzig ( naturgemäss gegenläufige) Interessen, Wettbewerbe, ja Kämpfe. Was dem Schweizer Röntgenkonstrukteur oder dem Eschenzer Campingwirt nützt, schadet ihren Konkurrenten. Was dem israelischen Reporter gut erscheint, bekämpft sein palästinensischer Kollege.

Der «Impact Journalism» entpuppt sich als billige Spielart des «anwaltschaftlichen Journalismus», wie er vom früheren Radiodirektor Andreas Blum (SP) den SRG-Mitarbeitern verordnet wurde und dort noch heute gilt. «Anwaltschaftlich» heisst, dass Themen nicht nach Aktualität, Relevanz und Publikumsinteresse bearbeitet werden, sondern nach den politisch-ideologischen Absichten des Journalisten («Schreiben, was sein soll!»). «Impact» heisst dann, dass Konflikte, Kritik und Widerreden ausgeblendet werden müssen. Die harmloseste Folge des verdrängenden Journalismus sind erschreckend banale Sendungen (wie die, die es «noch nie gab»). Schlimmer ist, dass die wirklich wichtigen Themen des Tages gar nicht stattfinden. Gut gemeinter Journalismus ist schlecht für die Welt.

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