Ehrlichkeit: «Steuerhinterziehung ist ein Volkssport»

Schumacher, Beckenbauer und Becker sind Vorbild von Unternehmern, Architekten oder Zahnärzten. Sie sparen Steuern.

VonMarcus Pfeil und Daniel Schönwitz (Interview)
23.07.2012

Frank Wehrheim hat 28 Jahre lang bei der hessischen Steuerfahndung gearbeitet. Vor drei Jahren wechselte er die Seiten und arbeitet seither als selbstständiger Steuerberater. Seine Erlebnisse hat er im Buch «Inside Steuerfahndung» verarbeitet.

Ist Deutschland ein Steuerparadies?
Frank Wehrheim:
Das muss wohl so sein, aber nicht nur für die Deutschen. Auch Ausländer sparen mit ihrem Geld gerne in Deutschland Steuern, übrigens auch Schweizer.

Sie haben 28 Jahre lang Steuerhinterzieher gejagt. Wie steht es um die Steuermoral der Deutschen?
Die ist nicht besonders ausgeprägt. Aber das ist ja auch kein Wunder in einem Land, das Weltmeister der Steuergesetzgebung ist. Steuervermeidung und Steuerhinterziehung sind immer eine Frage der Gelegenheit, die Diebe macht, und der Vorbilder. Wenn Prominente wie Franz Beckenbauer, Michael Schumacher oder Boris Becker ihr Geld an ihrem Wohnsitz in Österreich oder der Schweiz versteuern, dann fördert das bei Otto Normalverbraucher nicht gerade die Bereitschaft, die Putzfrau anzumelden. Steuerhinterziehung ist in Deutschland ein Volkssport, das fängt beim Taxifahrer an, der gegen ein Trinkgeld seinen Preis auf dem Beleg verdoppelt, und hört beim Kellner auf, der einem Unternehmer den Beleg aufdrängt, obwohl der erkennbar seiner Geliebten gegenübersass.

Ihr skurrilster Fall?
Bei einem Architekten habe ich mal ein Geschäftsbuch gefunden, in das er zwei Spalten eingetragen hatte: «Fürs Finanzamt, für mich.» Das hat schon für Schadenfreude gesorgt.

In der Gastronomie, wo viel mit Bargeld bezahlt wird, dürfte das gang und gäbe sein. Gibt es eine Branche, die besonders gerne Steuern hinterzieht?
So weit würde ich nicht gehen, das zieht sich durch alle Schichten, auch wenn wir in den 1980er-Jahren häufig ­gegen Zahnärzte und Dentallabors er­mittelten. Manche sammelten den Goldstaub und die Reste alter Kronen ein und schmolzen es gegen Verrechnungsschecks bei Scheidefirmen wie Heraeus ein. Diese Schecks fielen in den Büchern fast nie auf. Beliebt bei Zahnärzten ist auch, Zahngold über Jahre einzukaufen und als Betriebsausgabe abzusetzen, es aber nicht zu ­verarbeiten. Inzwischen müssen Labors Goldabfälle erfassen. Der Trick funktioniert immer noch, aber nicht mehr so gut.

Was funktioniert heute noch gut?
Beliebt sind nach wie vor Partnerfirmen, die gegen Zahlung einer Provision fingierte Rechnungen aus jedem beliebigen Land ausstellen. Da kann man nichts ausrichten, so weit ist die Amtshilfe mit Vietnam zum Beispiel noch nicht.

Die perfekte Steuerhinterziehung?
Jede Steuerhinterziehung, die geklappt hat, ist perfekt. Und die wirklich guten habe ich auch nicht bemerkt. Ich erinnere mich an eine Selbstanzeige. Da hatten sich zwei Geschäftsfreunde über mehrere Instanzen um eine Provisionsrechnung gestritten. Am Ende zahlte der eine dem anderen die Provision und setzte diese als Betriebsausgabe ab. Nur existierte weder das Geschäft noch der Streit. Der war inszeniert. Das ist eine Art von Hinterziehung, die sich nicht beliebig oft wiederholen lässt.

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Frank Wehrheim hat 28 Jahre lang bei der hessischen Steuerfahndung gearbeitet. Vor drei Jahren wechselte er die Seiten und arbeitet seither als selbstständiger Steuerberater. Seine Erlebnisse hat er im Buch «Inside Steuerfahndung» verarbeitet.

Ist Deutschland ein Steuerparadies?
Frank Wehrheim:
Das muss wohl so sein, aber nicht nur für die Deutschen. Auch Ausländer sparen mit ihrem Geld gerne in Deutschland Steuern, übrigens auch Schweizer.

Sie haben 28 Jahre lang Steuerhinterzieher gejagt. Wie steht es um die Steuermoral der Deutschen?
Die ist nicht besonders ausgeprägt. Aber das ist ja auch kein Wunder in einem Land, das Weltmeister der Steuergesetzgebung ist. Steuervermeidung und Steuerhinterziehung sind immer eine Frage der Gelegenheit, die Diebe macht, und der Vorbilder. Wenn Prominente wie Franz Beckenbauer, Michael Schumacher oder Boris Becker ihr Geld an ihrem Wohnsitz in Österreich oder der Schweiz versteuern, dann fördert das bei Otto Normalverbraucher nicht gerade die Bereitschaft, die Putzfrau anzumelden. Steuerhinterziehung ist in Deutschland ein Volkssport, das fängt beim Taxifahrer an, der gegen ein Trinkgeld seinen Preis auf dem Beleg verdoppelt, und hört beim Kellner auf, der einem Unternehmer den Beleg aufdrängt, obwohl der erkennbar seiner Geliebten gegenübersass.

Ihr skurrilster Fall?
Bei einem Architekten habe ich mal ein Geschäftsbuch gefunden, in das er zwei Spalten eingetragen hatte: «Fürs Finanzamt, für mich.» Das hat schon für Schadenfreude gesorgt.

In der Gastronomie, wo viel mit Bargeld bezahlt wird, dürfte das gang und gäbe sein. Gibt es eine Branche, die besonders gerne Steuern hinterzieht?
So weit würde ich nicht gehen, das zieht sich durch alle Schichten, auch wenn wir in den 1980er-Jahren häufig ­gegen Zahnärzte und Dentallabors er­mittelten. Manche sammelten den Goldstaub und die Reste alter Kronen ein und schmolzen es gegen Verrechnungsschecks bei Scheidefirmen wie Heraeus ein. Diese Schecks fielen in den Büchern fast nie auf. Beliebt bei Zahnärzten ist auch, Zahngold über Jahre einzukaufen und als Betriebsausgabe abzusetzen, es aber nicht zu ­verarbeiten. Inzwischen müssen Labors Goldabfälle erfassen. Der Trick funktioniert immer noch, aber nicht mehr so gut.

Was funktioniert heute noch gut?
Beliebt sind nach wie vor Partnerfirmen, die gegen Zahlung einer Provision fingierte Rechnungen aus jedem beliebigen Land ausstellen. Da kann man nichts ausrichten, so weit ist die Amtshilfe mit Vietnam zum Beispiel noch nicht.

Die perfekte Steuerhinterziehung?
Jede Steuerhinterziehung, die geklappt hat, ist perfekt. Und die wirklich guten habe ich auch nicht bemerkt. Ich erinnere mich an eine Selbstanzeige. Da hatten sich zwei Geschäftsfreunde über mehrere Instanzen um eine Provisionsrechnung gestritten. Am Ende zahlte der eine dem anderen die Provision und setzte diese als Betriebsausgabe ab. Nur existierte weder das Geschäft noch der Streit. Der war inszeniert. Das ist eine Art von Hinterziehung, die sich nicht beliebig oft wiederholen lässt.

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