Angesichts des Bevölkerungsanstiegs war es für Regierungen und die internationale Industrie prioritär, die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Die intensive Landwirtschaft, die dafür erforderlich ist, trug indes erheblich zu den heute verbreiteten Gesundheitsproblemen sowie zur fortschreitenden Verschlechterung der Erdsysteme bei. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen: Ohne signifikante Veränderungen bei Produktion und Konsum von Lebensmitteln könnte diese Erfolgsgeschichte die natürlichen Ressourcen auslöschen.

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Der Preis der Ertragssteigerung

Die intensive Landwirtschaft und die Rodung von Flächen für die Landwirtschaft wirkten sich negativ auf die biologische Vielfalt aus, aber auch auf den Klimawandel. Weltweit wurden bereits 50 Prozent des gesamten bewohnbaren Landes für die landwirtschaftliche Nutzung gerodet. Das sind 5 Milliarden Hektar, was einer Landmasse entspricht, die fünfmal so gross wie China ist. Von dieser landwirtschaftlichen Nutzfläche werden 80 Prozent für die Produktion von Fleisch und Milchprodukten verwendet, einschliesslich der Flächen für Produktion von Tierfutter. Diese Flächen liefern dabei lediglich 20 Prozent der Kalorien, die zur Ergänzung der menschlichen Ernährung benötigt werden.

Der Autor

Michael Urban, Chief Sustainability Strategist, Lombard Odier, London

Der Beitrag der Ernährungssysteme zu den Treibhausgasen ist mit etwa 34 Prozent der weltweiten Emissionen ebenfalls erheblich. Düngemittel, die grösstenteils auf fossilen Brennstoffen basieren, pumpen ebenfalls Emissionen in die Atmosphäre (durch ihre Herstellung und durch eine chemische Reaktion bei ihrer Anwendung, bei der Distickstoffoxid freigesetzt wird), wodurch der Beitrag der Landwirtschaft zu den CO₂-Emissionen noch grösser wird.

Vor diesem Hintergrund drängt sich der Übergang zu nachhaltigeren Ernährungssystemen förmlich auf. Und dies bedingt eine grundlegende Änderung des Ernährungs- und Agrarsystems. Zur Erreichung des Ziels sollten unseres Erachtens die drei folgenden Themen angegangen werden: 1. nachhaltige Lebensmittelproduktion, 2. nachhaltiger Lebensmittelkonsum und 3. bereichsübergreifende Lösungen.

Obwohl Land- und Forstwirtschaft sowie andere Landnutzungen (Afolu) eine der Hauptursachen für die Beeinträchtigung der Stabilität der Erdsysteme durch den Menschen darstellen, erhielten sie bisher wenig Aufmerksamkeit seitens der nachhaltigen Finanzwelt. Das Afolu-System bietet indes eine bedeutende Investitionsmöglichkeit für diejenigen, die sich mit den Überschreitungen der planetaren Grenzen befassen wollen.

Teil der Lösung wird die Umnutzung von Agrarflächen sein.

 

Nachhaltige Lebensmittelproduktion

Teil der Lösung für Afolu-bedingte Probleme wird die Umnutzung von Agrarflächen sein. Bis 2030 müssen wir mindestens 1 Milliarde Hektar Land in einen natürlichen Lebensraum zurückverwandeln. Dieses Ziel, über das Konsens in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft besteht, wird bereits von 115 Ländern durch verschiedene Selbstverpflichtungen in den Bereichen Klima und Biodiversität unterstützt. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Afolu-Lösung ist eine grundlegende Änderung der Konsumgewohnheiten. Um dies zu erreichen, müssen sich die Ernährungsgewohnheiten wieder auf pflanzliche Produkte verlagern. Wir sehen zunehmende wissenschaftliche Fortschritte bei der Herstellung von Präzisionsfermenten und zellkultiviertem Fleisch, die den Preis weiter senken und uns an einen Punkt bringen, an dem wir funktional mit tierischen Produkten gleichziehen können, was zu einem Wendepunkt führt.

 

Mögliche Lösungen vorantreiben

Die Unternehmen der gesamten Wertschöpfungskette sind ebenfalls als Teil der Lösung zu betrachten. Vertikale Landwirtschaft, elektrifizierte Landwirtschaftsgeräte oder nachhaltigere Verpackungen werden zu einem nachhaltigeren Vertrieb von Lebensmitteln beitragen. Für Investoren birgt der Übergang zu neuen Ernährungssystemen interessante Möglichkeiten. Da sich die Ernährungssysteme bereits in vielen der von Staaten eingegangenen Klimaschutzvereinbarungen und -verpflichtungen widerspiegeln, erwarten wir, dass sie bis 2030 einen jährlichen Gewinn von 1,5 Billionen Dollar erzielen. Ein deutlicher Anstieg gegenüber den geschätzten 600 Milliarden Dollar im Jahr 2021 und ein Beweis, dass auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Umwälzungen in den Ernährungssystemen stattfinden.

Ein Umdenken aller Beteiligten könnte zu positiven nachhaltigen und finanziellen Ergebnissen führen – und damit eine neue Erfolgsgeschichte für künftige Generationen begründen.