Kernfusion funktioniert. Jeder Tag, an dem die Sonne aufgeht, stellt sie unter Beweis, dass Wasserstoff-Atomkerne zu Helium verschmelzen können und dabei enorme Mengen Energie freisetzen. Doch funktioniert dieses Phänomen nur unter den enormen Druckverhältnissen von Sternen? Oder lässt es sich auf der Erde unter gänzlich anderen Bedingungen replizieren? Seit mindestens einem halben Jahrhundert fesselt Kernfusion die Fantasie der Menschheit. Kernfusion wäre die Energieform, die wir uns wünschen und dringend brauchen. 

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Bei Kernfusion werden fast keine radioaktiven Nebenprodukte freigesetzt, und jene, die anfallen, haben eine Halbwertszeit von nur 10 bis 12 Tagen statt tausende von Jahren wie bei der Kernspaltung. Befeuert werden Fusionsreaktoren vor allem mit Deuterium, also schwerem Wasser, das sich aus Meerwasser leicht gewinnen lässt. Dieser Brennstoff ist überall verfügbar. Es entstehen keinerlei Abhängigkeiten von Rohstoffen aus Diktaturen. Die Reaktoren selbst unterliegen keiner Explosionsgefahr. Bei Pannen bricht die Energieproduktion einfach in sich zusammen. Ohne Kettenreaktion wie bei der Kernspaltung kann nichts unkontrolliert in die Luft fliegen. Und der beste Vorteil von allen: Kein Kohlendioxid wird emittiert. Kernfusion ist absolut klimaneutral. Sie wäre die Technologie, die Energiehunger und Klimaschutz miteinander versöhnen könnte. 

Der Gastautor

Christoph Keese ist Verwaltungsratspräsident der Stiftung World.minds sowie Unternehmer und Unternehmensberater aus Berlin. Der Autor von sechs Büchern schreibt regelmässig über Technologie und Innovation – auch alle zwei Wochen in der «Handelszeitung».

Ein alter Physikerwitz besagt, dass kommerzielle Kernfusion immer 30 Jahre in der Zukunft liegt – egal, wann man fragt. In diesem Witz schlummert ein wahrer Kern, denn schon vor 30 Jahren versprachen Grossforschungseinrichtungen den baldigen Durchbruch. Bis heute ist er ausgeblieben. Noch immer verbrauchen Fusionsreaktionen mehr Energie, als sie produzieren. Die Energiebilanz fällt negativ aus. Doch das könnte sich bald ändern. 

Drei Gründe geben Anlass zur Hoffnung. Erstens ist es den – vor allem staatlich finanzierten – Forschungsprojekten in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, die Effizienz der Labor-Fusionen um den Faktor 10’000 zu steigern. Bis die Reaktoren kommerziell nutzbar sind und grundlastfähigen Strom erzeugen, braucht es eine weitere Effizienzsteigerung, etwa um den Faktor 10. Das ist zwar immer noch viel, doch der Weg, der vor uns liegt, ist deutlich kürzer als die Strecke, die wir bereits zurücklegen konnten. 

Zweitens fliesst jetzt massiv privates Kapital in dieses Gebiet. Die Risiken sind noch immer gross, erscheinen vielen Investorinnen und Investoren aber vertretbar angesichts der winkenden Erträge. Strom ist einer der grössten Märkte der Welt, und im Zuge der Kohlendioxidreduktion wird sich der Stromverbrauch in den Industrieländern in den kommenden zehn Jahren mindestens vervierfachen. Wer hier sauberen, sicheren, ethisch einwandfreien Strom anbieten kann, dem winken hohe Umsätze, starke Wachstumsraten und vermutlich auch stabile Gewinne. 

Drittens kristallisieren sich mehrere Wege des Reaktordesigns und der Basistechnologie heraus. Plasma mit 100 Millionen Grad Hitze, gefangen von Magnetfeldern, stellt den einen Hauptweg dar, laserinduzierte Fusion den anderen. Plasmareaktoren: Diese erscheinen in zwei Hauptdesigns – Tokamak und Stellarator. Sie unterscheiden sich in der geometrischen Form und der Folge in der Art und Weise, wie sie die Turbulenzen und Strömungen des heissen und tückischen Plasmas bändigen. Alle drei Typen – Laser, Tokamak, Stellarator – legten in den vergangenen Jahren mehr Fortschrittserfolge an den Tag als in den Jahrzehnten zuvor. 

Jetzt ist der Moment gekommen, Kernfusion als realistische Option künftiger Energiegewinnung entschlossen zu fördern. Für Staaten gilt dies ebenso wie in der öffentlichen Debatte. In der Schweiz wird Kernspaltung zum Glück aufgeschlossener beurteilt als in Deutschland. Doch selbst wer Kernspaltung ablehnt, sollte sich vor Augen halten, dass Kernfusion etwas gänzlich anderes ist als Kernspaltung. Wer Spaltung ablehnt, kann und sollte Fusion aus genau denselben Gründen aktiv unterstützen.