Der Mann aus Feldmeilen, der die Orange Communications SA/AG in Lausanne leitet, ist alles andere als ein Stubenhocker. Er ist viel unterwegs, besucht Kunden und Filialen «einen reinen Bürojob würde ich nicht aushalten. Da würde ich eher aus dem Fenster springen.»

Wetter hat auch nichts mit dem amerikanischen Typus des Managers gemein, der sich vom Kommunikationsgrundsatz «lerne zu reden, ohne zu sagen» (vulgo «bullshitting») leiten lässt. Er mag es zupackend und verbindlich, redet nicht drum herum: Wetter sagt, was er denkt, und das kann auch mal unorthodox sein. Bisweilen hakt er sofort nach. Er kommuniziert geradeaus, unverblümt, ist an Zusammenhängen interessiert. Das macht ihn zu einem interessanten Gesprächspartner. Wer mit ihm spricht, muss hellwach sein: Oft kommt seine Gegenfrage bereits in dem Moment, in dem das letzte Wort gerade fertig gesprochen ist.

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Möglicherweise etwas impertinent

Für seine Mitarbeitenden kann dieser direkte Stil und der temperamentvolle Charakter schon mal Stress bedeuten. «Geh auf keinen Fall unvorbereitet in eine Sitzung», pflegen alte Hasen den Orange-Neulingen zu raten. Wetter ist jeweils gut vorbereitet: Kann man seinen bohrenden Nachfragen nicht paroli bieten, wird er auch schon mal ungemütlich. «Ich erwarte, dass andere Leute für sich denken.» Will er ein unangenehmer Chef sein? «Nein, ich will deswegen nicht unangenehm wirken. Aber so gesehen ist es absolut denkbar, dass es als Ungeduld oder gar als eine gewisse Impertinenz interpretiert werden kann.»

Am Sonntagabend bereitet er jeweils die nächste Woche vor. «Meine Mitarbeitenden bekommen das zu spüren, wenn sie am Montagmorgen ihre neuen Mails lesen.»

Entscheide korrigieren

Streng ist er aber auch im Urteil über sich. 35 Jahre Berufserfahrung haben den zweifachen Grossvater reifen lassen. «Früher habe ich mir eine Meinung gebildet, einen Entscheid getroffen; und dann habe ich ihn durchgesetzt, auch wenn sich die Umstände geändert hatten und die Einwände vielleicht berechtigt waren.» Heute ist er schneller bereit, einen Entscheid ernsthaft zu bedenken und sich eines Besseren belehren zu lassen. Und das auch zuzugeben. Dabei hilft es ihm, das Englische einzusetzen etwa mit der Aussage «your are right; Sie haben Recht». Seine Zeit in Kanada lässt grüssen.

Gute Vorbereitung bedeutet lange Arbeitstage. Zum Glück reichen Andreas Wetter vier Stunden Schlaf. Seine Frau Annemarie ist Primarlehrerin und hat als Tochter eines Bauunternehmers ebenfalls mitbekommen, was voller Einsatz bedeutet; sie hilft ihm nach Kräften. Als er früher in Kanada arbeiten wollte, musste er sie, seine damalige Freundin, heiraten, um sie mitnehmen zu können. Die ursprüngliche «Zweckehe» hat bis heute immerhin schon 31 Jahre gehalten. Für seine Hobbys, Töfffahrten und Segeln auf dem Bielersee, bleibt wenig Zeit. Wie gut, dass ihm seine Full-Time-Aufgabe so viel Spass macht.

Spötter behaupten, Wetter sei zwar ein genialer Kommunikator, aber nur ein mittelmässiger Leader. Bei seinem vorherigen Job als Chef der Coop-Tochter Radio TV Steiner habe er ein führungstechnisches Chaos hinterlassen. Ob das nun ein Mangel an Führung ist oder die in der Person konzentrierte Kompetenz, lässt sich von aussen nur schwer beurteilen. Tatsache ist, dass er das Unternehmen in die Gewinnzone gebracht hat, und bei Orange Schweiz ist das ebenfalls geglückt.

Wetter ist zwar angriffslustig, aber er kennt seine Grenzen. Anders als seine Konkurrenten ging er dem ungleichen Kampf mit der Swisscom aus dem Weg und kaufte sich für viel Geld in die Antennenkapazitäten der Ex-Monopolistin ein ein Entscheid, der sich als richtig erwies.

Bei aller Jovialität, Angriffslust und offenen Kommunikation empfinden ihn viele gleichzeitig auch als die Figur des Patrons, der schnell und hart durchgreifen kann. Wie das in einer Landesgesellschaft, die via Orange plc. zu 100% der France Télécom gehört? Wird er damit nicht zum «Hüttenwart»? Wetter lässt das nicht gelten. Nur 20% der Produktinnovationen seien Produkte der Konzerngruppe, 80% seien Eigenentwicklungen. Seine Vorgesetzten sind sich bewusst, dass auch eine «filiale» nur dann optimal funktioniert, wenn sie am lokalen Markt als emanzipierte Einheit auftreten kann. Und deshalb lässt er sich von oben auch selten das Wort verbieten ein richtiger KMUler. Ein Patron?

Mal etwas anderes machen

Aus der hierarchischen Froschperspektive betrachtet, wirkt er mitunter wie ein Chef, der am Schluss Recht zu behalten pflegt, auch wenn er eine hitzige Debatte um sachliche Argumente mit sportlicher Freude zulässt. Seinen direkten Führungsstil quittieren seine über 1400 Mitarbeitenden mit Loyalität und auch ein bisschen mit Werkstolz mit dem Mann kann man entweder beherzt arbeiten oder gar nicht. Er ist so etwas wie ein nonkonformistischer Patron mit jugendlicher Dynamik.

Einen Nachfolger für sich hat er bis jetzt nicht aufgebaut. Will er noch lange im Amt bleiben? «Ich denke, in spätestens fünf oder sechs Jahren sollte ich wieder etwas anderes machen. Es braucht irgendwann einen Generationenwechsel.»

Sein Traum ist es, eine neue Firma zu gründen, zusammen mit einem Partner. Dafür hat er auch schon ein Vorbild: Walter Heutschi, der sich nach jahrelanger Zugehörigkeit zur Swisscom selbstständig gemacht hat. Wetters Motivation für seine Karriere ist die «Freude an Bewegung»: Etwas Überraschendes machen, «etwas, von dem andere sagen, .»

Zur Person

Andreas S. Wetter, 1,78 m, 82 kg, geboren am 6. Juli 1949 in Feldmeilen, ist seit 1998 CEO und VR-Delegierter der Orange Communications SA/AG, die Ende Juni 1999 operativ startete. Zuvor leitete er die Radio TV Steiner AG und arbeitete davor in verschiedenen Positionen in Kanada und bei Computerfirmen sowie bei der Ascom. Wetter studierte in der Schweiz und in Kanada und ist MBA-Absolvent. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter im Alter von 25 und 28 Jahren. Dienstgrad: Hauptmann.

Andreas Wetters

Führungsprinzipien

1. Blamiere dich täglich.

2. Pflege die Kunden als höchstes Gut.

3. 90% des Erfolgs ist die Vorbereitung.

4. Triff dich auch mit deinen Konkurrenten.

5. Den Dialog mit den Mitarbeitenden ständig verbessern.

6. Niederlagen eingestehen und daraus lernen.

Jahrestagung: Telekommarkt Schweiz 2004

Bereits zum 8. Mal findet am 1. und 2. Dezember dieses Jahres der jährliche Branchentreff «Telekommarkt Schweiz» statt. Hochkarätige Referenten, so die Chefs von Sunrise, Cablecom, Swisscom Mobile und auch Andreas Wetter diskutieren aktuelle Entwicklungen der Branche. Infos und Anmeldung: Euroforum HandelsZeitung Konferenz AG, www.euroforum.ch. (hz)