Deutsche Porno-Abmahner: Über die Schweiz kassieren

Abmahnung

Deutsche Geschäftsleute mahnen aus Zürich Tausende Internet-Nutzer für je 250 Euro ab, obwohl die rechtliche Lage alles andere als klar ist.

13.12.2013

Eine noch nie da gewesene Abmahnwelle überrollt gerade deutsche Internetnutzer. Seit vergangenem Donnerstag wurden vermutlich mehr als 10'000 Menschen abgemahnt, die sich pornographische Filme auf Redtube angeschaut haben sollen. Auslöser dieser Massenabmahnungen ist die Regensburger Kanzlei U+C mit ihrer Mandantin der «The Archive AG» aus der Schweiz.

Spezialanwalt wurde überrannt

Gegründet wurde «The Archive AG» vom Deutschen Philipp Wiik (37), im Verwaltungsrat sitzt auch sein Kumpan Ralf Reichert aus Offenbach am Main, der durch seine Firma Intergroove seit Jahren im Musik- und Filmgeschäft mitmischt.

«Allein am Freitag und Samstag haben über 22'000 Menschen unsere Informationsseite zu diesen Abmahnungen aufgerufen. Über 500 Abgemahnte haben am Wochenende unsere Kanzlei kontaktiert», erklärt der Kölner IT-Anwalt Christian Solmecke. Er ist auf solche Fälle spezialisiert.

In der Schweiz undenkbar

Es ist kein Geheimnis: In Deutschland ist die Masche mit Massenabmahnungen ein Millionengeschäft für Anwaltskanzleien geworden, die sich für sehr wenig zu schade sind. Zudem kämpfen immer mehr Anwälte um ein Auskommen. Diese Art von «anwaltlicher Geschäftstüchtigkeit» hat in der Schweiz wenig Chancen. Es fehlt schlicht die rechtliche Grundlage; aber nicht nur das: Der Stand Schweizerischer Anwälte würde sich gegen solche Vorgehensweisen vehement sträuben, zu viel steht auf dem Spiel, vor allem der gute Ruf.

Doch auch in Deutschland ist dieses Aufkommen von Abmahnungen für Schmuddelfilme extrem ungewöhnlich. Seit mehr als sieben Jahren betreut Rechtsanwalt Solmecke solche Verfahren. «Eine so konzentrierte Abmahnaktion habe ich noch nicht erlebt. Neu ist auch, dass erstmals Streaming-Nutzer abgemahnt werden. Bislang traf es nur die Filesharer, die urheberrechtlich geschützte Werke auch weiterverbreiten.»

Die betroffenen Nutzer sollen 250 Euro zahlen und eine Unterlassungserklärung abgeben. «Dabei wird es jedoch nicht bleiben», erklärt Rechtsanwalt Solmecke. «Ein Grossteil der Betroffenen hat drei bis vier Abmahnungen bekommen, so dass schnell hohe Summen zusammenkommen.»

Ein freies Feld für den schnellen Euro

Rechtlich ist in Deutschland noch völlig unklar, ob im Wege des Streamings überhaupt eine Urheberrechtsverletzung begangen werden kann. In der Schweiz hat diese Masche chancenlos, spätestens seit einem Leitentscheid des Bundesgerichts, das die Methoden der Firma Logistep untersagte. Der reine Download von Daten aus jeglicher Quelle ist in der Schweiz ohne Wenn und Aber erlaubt.

Anwalt Solmecke: «Da die Filme nicht offensichtlich rechtswidrig auf Redtube verbreitet worden sind, gehe ich davon aus, dass hier eine legale Privatkopie auf Seiten der Nutzer gegeben ist. Im Übrigen ist noch völlig unklar wie die Rechteinhaber an die IP-Adressen der Abgemahnten gekommen sind. Im Internet kursieren dazu die wildesten Spekulationen und Verschwörungstheorien. Unsere Informationsseite zu den Abmahnungen aktualisieren wir laufend, so dass die Betroffenen jederzeit auf dem neusten Stand sind.»

(sda/chb/tke)

Diskussion
- Kommentare

Eine noch nie da gewesene Abmahnwelle überrollt gerade deutsche Internetnutzer. Seit vergangenem Donnerstag wurden vermutlich mehr als 10'000 Menschen abgemahnt, die sich pornographische Filme auf Redtube angeschaut haben sollen. Auslöser dieser Massenabmahnungen ist die Regensburger Kanzlei U+C mit ihrer Mandantin der «The Archive AG» aus der Schweiz.

Spezialanwalt wurde überrannt

Gegründet wurde «The Archive AG» vom Deutschen Philipp Wiik (37), im Verwaltungsrat sitzt auch sein Kumpan Ralf Reichert aus Offenbach am Main, der durch seine Firma Intergroove seit Jahren im Musik- und Filmgeschäft mitmischt.

«Allein am Freitag und Samstag haben über 22'000 Menschen unsere Informationsseite zu diesen Abmahnungen aufgerufen. Über 500 Abgemahnte haben am Wochenende unsere Kanzlei kontaktiert», erklärt der Kölner IT-Anwalt Christian Solmecke. Er ist auf solche Fälle spezialisiert.

In der Schweiz undenkbar

Es ist kein Geheimnis: In Deutschland ist die Masche mit Massenabmahnungen ein Millionengeschäft für Anwaltskanzleien geworden, die sich für sehr wenig zu schade sind. Zudem kämpfen immer mehr Anwälte um ein Auskommen. Diese Art von «anwaltlicher Geschäftstüchtigkeit» hat in der Schweiz wenig Chancen. Es fehlt schlicht die rechtliche Grundlage; aber nicht nur das: Der Stand Schweizerischer Anwälte würde sich gegen solche Vorgehensweisen vehement sträuben, zu viel steht auf dem Spiel, vor allem der gute Ruf.

Doch auch in Deutschland ist dieses Aufkommen von Abmahnungen für Schmuddelfilme extrem ungewöhnlich. Seit mehr als sieben Jahren betreut Rechtsanwalt Solmecke solche Verfahren. «Eine so konzentrierte Abmahnaktion habe ich noch nicht erlebt. Neu ist auch, dass erstmals Streaming-Nutzer abgemahnt werden. Bislang traf es nur die Filesharer, die urheberrechtlich geschützte Werke auch weiterverbreiten.»

Die betroffenen Nutzer sollen 250 Euro zahlen und eine Unterlassungserklärung abgeben. «Dabei wird es jedoch nicht bleiben», erklärt Rechtsanwalt Solmecke. «Ein Grossteil der Betroffenen hat drei bis vier Abmahnungen bekommen, so dass schnell hohe Summen zusammenkommen.»

Ein freies Feld für den schnellen Euro

Rechtlich ist in Deutschland noch völlig unklar, ob im Wege des Streamings überhaupt eine Urheberrechtsverletzung begangen werden kann. In der Schweiz hat diese Masche chancenlos, spätestens seit einem Leitentscheid des Bundesgerichts, das die Methoden der Firma Logistep untersagte. Der reine Download von Daten aus jeglicher Quelle ist in der Schweiz ohne Wenn und Aber erlaubt.

Anwalt Solmecke: «Da die Filme nicht offensichtlich rechtswidrig auf Redtube verbreitet worden sind, gehe ich davon aus, dass hier eine legale Privatkopie auf Seiten der Nutzer gegeben ist. Im Übrigen ist noch völlig unklar wie die Rechteinhaber an die IP-Adressen der Abgemahnten gekommen sind. Im Internet kursieren dazu die wildesten Spekulationen und Verschwörungstheorien. Unsere Informationsseite zu den Abmahnungen aktualisieren wir laufend, so dass die Betroffenen jederzeit auf dem neusten Stand sind.»

(sda/chb/tke)

Meistgelesen

Post nimmt SMS-Briefmarke ins Angebot auf
Neuheit

Ab sofort können Kunden Briefe per SMS frankieren. Der einjährige Pilotversuch sei erfolgreich gewesen, heisst es bei der Post. Dabei gab es zu Beginn Probleme. Mehr...

20.08.2014
Christoph Blocher kontert Adolf Ogi
SVP-Knatsch

Christoph Blocher bestreitet, dass sich die Schweiz immer mehr isoliere. Ex-Bundesrat Ogi sei schon immer anderer Meinung gewesen. Auch mit der Ecopop-Initiative kann Blocher nicht viel anfangen. Mehr...

VonStefan Barmettler
20.08.2014
Apples iPhone 6 – Träume, Gerüchte, Fakten
Smartphone

Über kein anderes Produkt wird weltweit mehr spekuliert als über Apples Kassenschlager. Verfolgen Sie mit unserem Ticker den Countdown bis zur Vorstellung des neuen iPhones. Mehr...

VonVolker Strohm
19.08.2014
Uhren

Der Uhrenhändler Gübelin verliert sieben Marken des Swatch-Konzerns. Die Betroffenen in Luzern sind konsterniert, der weltgrösste Uhrenkonzern hat bisher zur Kündigung keine Stellung bezogen. Mehr...

VonMarkus Köchli
20.08.2014
Julius Bär wegen DDR-Geldern eingeklagt
Rechtsstreit

Laut einem Bericht ist beim Bezirksgericht Zürich eine Klage der deutschen Behörden gegen die Privatbank eingegangen. Es geht um eine Millionen-Summe aus der ehemaligen DDR. Mehr...

20.08.2014
Ölpreis: Was hinter der mysteriösen Talfahrt steckt
Gegenbewegung

Ukraine, Irak, Gazastreifen, Ebola – Kriege und Krisen gibt es derzeit zu genüge. Das liess früher den Ölpreis ansteigen. Doch derzeit passiert das Gegenteil. Dafür gibt es drei Gründe. Mehr...

VonFrank Stocker («Die Welt»)
19.08.2014
Apple lässt die Milliarden fliessen
Cash

Gründer Steve Jobs verwehrte sich stets gegen Dividenden und Aktienrückkäufe - sein Nachfolger Tim Cook änderte diesen Kurs. Berechnungen zeigen nun Erstaunliches über die Finanzkraft des Konzerns. Mehr...

VonVolker Strohm
19.08.2014

Die aktuelle Ausgabe der Handelszeitung
 

Cover der aktuellen Ausgabe

 

Unsere Partner      
 

Christoph Blocher kontert Adolf Ogi. Mehr

Credit Suisse: Brady Dougan bleibt Konzernchef. Mehr

Ex-UBS-Mann Weil: Schweizer Banker sagen aus. Mehr

Schweizer Rennstall startet in der neuen Formel E. Mehr

US-Pharmariese lässt sich in Bern nieder. Mehr

Holcim baut Jobs in der Schweiz ab. Mehr

Das und vieles mehr finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Handelszeitung.

Zum Inhaltsverzeichnis

Abonnieren

Die Handelszeitung jede Woche in Ihrem Briefkasten zum günstigen Abopreis.

Abonnemente

Studenten-Abo

Dienste für Abonnenten:

Die Handelszeitung ist Gründerin und Mitglied von Suite 150 – dem Klub der ältesten Unternehmen der Schweiz.
Zur Übersicht...