Nestlé: Im Keim erstickt

Eine Ex-Managerin wirft dem Konzern Mobbing vor, was dieser bestreitet. Doch in der Affäre geht es um viel mehr. Der Umgang von Nestlé mit der Lebensmittelsicherheit wirft Fragen auf.

VonBernhard Fischer
29.10.2012

Besonders sensible Botschaften überbringt Paul Bulcke gerne persönlich. Dafür fliegt der Nestlé-Chef schon mal nach Schanghai und lädt dort einen ganzen Journalistentross ins noble Ritz Carlton – so wie Mitte Oktober.

Die Charmeoffensive galt dem Thema Lebensmittelsicherheit. Bulcke wollte wohl keine Zweifel aufkommen lassen, dass für seinen Konzern gerade in China die Sicherheit der Ware an erster Stelle steht. Zu gross waren dort in der jüngsten Vergangenheit die Skandale in der Lebensmittelindustrie. Der finanzielle Aufwand für die Kontrollen sei hier grösser als irgendwo sonst auf der Welt, gab man den Medienleuten mit auf den Weg.

Doch der Gigant aus Vevey geht mit dem Thema längst nicht immer so offensiv um. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit kämpft die Rechtsabteilung gerade gegen die Klage einer ehemaligen Mitarbeiterin, die den Umgang des Konzerns mit der Lebensmittelsicherheit in ein schiefes Licht rücken könnte.

Klägerin Yasmine Motarjemi wirft dem Unternehmen Mobbing vor. Der Fall ist unter der Aktennummer CC11.012142 hängig. Er ist aber viel mehr als ein simpler Arbeitsrechtsprozess. Motarjemi sass zehn­ Jahre lang weit oben in der Hierarchie der hauseigenen Lebensmittelkon­trolle – bis sie im Juli 2010 entlassen wurde.

Viele Skandale, einige Todesfälle

«Die Auffassungen zwischen ihr und ihrem Vorgesetzten über das Management der Lebensmittelsicherheit waren unterschiedlich», steht lapidar im Kündigungsbrief. Dahinter verbirgt sich ein jahrelanger erbitterter Streit um die mögliche Unterlassung von Vorsichtsmassnahmen in der Lebensmittelsicherheit. Es geht um gefährliche Vitamingehalte, Gesundheitsschäden von Babys, tote Haustiere und lebensgefährliche Bakterieninfektionen. Bislang steht Aussage gegen Aussage. «Wir weisen die Mobbing-Vorwürfe von Yas­mine Motarjemi zurück, da sie jeglicher Grundlage entbehren und nicht der Wahrheit entsprechen», heisst es bei Nestlé.

Laut internen Dokumenten begann die Geschichte Ende der 1990er-Jahre. Damals hatte Nestlé ein Problem mit Baby­biscuits, die zu Erstickungsanfällen führen konnten. Im Forschungszentrum in Lausanne suchte man nach den Ursachen. «Es sieht so aus, als ob (...) diese Kekse (...) für Säuglinge ungeeignet sind», folgerten die Experten. «Wenn wir etwas ändern wollen, dann besser nicht unter dem Sicherheitsaspekt, denn zu Müttern über Atemstillstand zu sprechen, kommt nicht gut an.»

Diese Probleme machten den Nestlé-Chefs bald klar, dass sie im hochsensiblen Bereich der Lebensmittelsicherheit Verstärkung brauchten. So warben sie im Jahr 2000 Motarjemi von der Weltgesundheitsorganisation WHO ab. Ihre Position als leitende Wissenschafterin machte sie für Nestlé zu einem perfekten Aushängeschild. Sie war bei der WHO massgeblich an der Entwicklung des Präventionssystems für die Nahrungsmittelindustrie beteiligt – sogenannte «Gefahrenanalyse und kritische Kontrollpunkte», kurz HACCP.

Kaum hatte Motarjemi bei Nestlé angeheuert, landete auch schon der erste heikle Fall auf ihrem Schreibtisch. Es ging um Babynahrungsprodukte. «Die Niveaus von Vi­ta­­min A und D sind hoch genug, um ernsthafte Bedenken bezüglich der Lebensmittelsicherheit zu haben», warnte sie in einem internen Brief aus dem Jahr 2001, «wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir dafür belangt.»

Ein Jahr später tauchte das nächste ernste Problem auf, diesmal wieder mit Babybiscuits. Es kam zu zahlreichen Erstickungsanfällen bei Säuglingen, 44 Fälle ­allein in Frankreich. Motarjemi wollte die Produktion stoppen und intervenierte mehrfach. Mit wenig Erfolg. Sie wunderte sich und wies damals ihre Kollegen schriftlich darauf hin, dass man nicht erst auf Gesunheitsprobleme bei den Konsumenten warten dürfe.

Einer ihrer damaligen Kollegen war Anthony Huggett. Er ist heute Vizedirektor und Leiter der Abteilung Qualitätsmanagement. «Babys müssen erst lernen, feste Nahrung zu essen, und es kommt hie und da vor, dass sie sich verschlucken. Nur in sehr seltenen Fällen hat dies schwerwiegende Folgen», sagt Huggett zu den Fällen von damals. Man mache umfangreiche Produkttests, bevor ein Produkt auf den Markt komme. «Wir verbessern unsere Produkte laufend über die Jahre und berücksichtigen dabei die Rückmeldungen von Konsumenten.»

Ist also alles völlig harmlos? Übertreibt Motarjemi? Oder stellte der Schweizer Weltkonzern womöglich doch den Profit vor die Sicherheit?

Offenbar lief in den vergangenen Jahren manches schief. So gelangten etwa Anfang 2005 mehrere Tonnen vergiftetes Hundefutter der Firmentochter Nestlé Purina in Venezuela in Umlauf. Fast 500 Hunde starben an einer Überdosis Aflatoxin. «Das Rohmaterial wurde entgegen den internen Anweisungen nicht von Nestlé selbst getestet, sondern die Überprüfungen wurden den Lieferanten überlassen», sagt Motarjemi heute. «Wir wiesen die Öffentlichkeit sofort an, diese Produkte nicht mehr zu verwenden, und setzten auch Behörden und Tierärzte detailliert in Kenntnis», entgegnet Nestlé, leider hätten die Mitarbeiter dem Lieferanten «zu grosses Vertrauen» geschenkt.

Mitte 2005 folgte der nächste Eklat. Die italienischen Behörden beschlagnahmten Nestlé-Babynahrungslösungen, die mit der Tintenchemikalie ITX versetzt waren. Das Geschäft mit der Babynahrung gehört zum Bereich Nestlé Nutrition. Huggett sass damals im Krisenstab. Die kontaminierte Babynahrung wurde nicht sofort vollständig aus den Regalen entfernt. «Wir entschieden uns für einen stillen Rückzug der Produkte und ersetzten diese mit neuen, ITX-freien Kartons», sagt eine Konzernsprecherin. Die in der Milch vorhandenen Spuren seien unerheblich und für den Menschen unschädlich gewesen. Die EU akzeptierte zunächst die Untersuchungsergebnisse des Konzerns, ohne die Lebensmittelbehörde EFSA einzuschalten.

Dem damaligen italienischen Gesundheitsminister Francesco Storace genügte das nicht. Er liess das betroffene Lagerhaus von Polizisten stürmen. Als der Druck von Medien und Behörden zu gross wurde, wollte Nestlé die Konsumenten beschwichtigen. Der Konzern zog dieselben Produkte auch in Frankreich und Spanien zurück. Die EFSA bestätigte im Nachhinein die Unschädlichkeit.

Motarjemi sagt, dass sie nicht nur in Krisensitzungen unentwegt vor Reputationsschäden gewarnt habe. «Verunreinigte Produkte mögen nicht immer gefährlich sein, sollten aber von einem Unternehmen, das die Lebensmittelqualität so hoch hängt, erst gar nicht angeboten werden.»

Auch in den Jahren danach ging die Pannenserie weiter. 2007 gelangte melaminverseuchtes Weizengluten zur Tiernahrungsherstellung aus China in die USA. Dieser Vorfall kam wie alle anderen Fälle auch in eine Datenbank bei Nestlé. «Der Konzern war also vorgewarnt», sagt Motarjemi. Dennoch erwischte es Nestlé 2008 ein weiteres Mal. Diesmal waren Fabriken in China mit dem Kunststoffbestandteil Melamin kontaminiert.

Für die Zukunft lernen

In Anwesenheit von Konzernchef Bulcke wurde nachträglich eine Krisensitzung in Vevey einberufen. Gemäss den Sitzungsunterlagen wurde die Frage diskutiert, warum das Melamin-Problem nicht früher erkannt wurde. Von den «grossen Vorfällen» wollte man diesmal «für die Zukunft lernen». Die bisherigen Fälle reichten offenbar nicht, ein professionelles Krisenmanagement zu installieren.

«Kein Nestlé-Produkt wurde aus mit Melamin verunreinigter Milch hergestellt», entgegnet Huggett. Man habe dies belegen können. Die analytische Methode sei später zum international anerkannten ISO-Standard erhoben worden. «Für den Konsumenten nicht schädliche Spuren von Melamin kommen in der Lebensmittelkette vor», meint Huggett weiter. Man habe auch diese unerheblichen Spuren in China untersucht und herausgefunden, «dass sie auf das Futtermittel der Kühe zurückzuführen waren».

Doch reichten Nestlés analytische Methoden jemals aus? Immerhin erwischte es den Konzern wenige Jahre später wieder. Die US-Lebensmittelbehörde FDA entdeckte Fäkalbakterien in Nestlé-Keksteig in den USA. Die Tageszeitungen «New York Times» und «Washington Post» berichteten minutiös über die Krankengeschichten infolge von Kontaminationen mit E.coli-Bakterien. Die Konsumenten assen den Teig roh, obwohl auf dem Produkt stand, dass man ihn zuerst erhitzen muss.

Auch hier seien die Empfehlungen von Motarjemi ignoriert worden. «Wenn es so essenziell ist, das Produkt zu erhitzen, muss das den Konsumenten unmissverständlich klar sein. Die Kennzeichnung entsprach nicht den erforderlichen Standards», sagt die Expertin.

Der jüngste Vorfall ereignete sich im Sommer 2012. In Australien wurden Rezepte für Babynahrung umgestellt. In der Folge kam es bei Säuglingen zu Erbrechen, Durchfall und Hautausschlägen. Huggett erklärt, dass das Produkt sicher sei. Das Problem sei deshalb aufgetreten, weil ­einige Säuglinge, die mit der alten Formel vertraut waren, Mühe hatten, sich von ­einem Tag auf den andern an das neue Produkt zu gewöhnen.

Weshalb Nestlé die Änderung bei einem so heiklen Produkt nicht von sich aus kommunizierte, ist Branchenexperten ein Rätsel. «Die Behörden haben bestätigt, dass die Produkte jederzeit unbedenklich waren», sagt Huggett.

Von grundsätzlichen Mängeln im Umgang mit der Lebensmittelsicherheit will der Konzern nichts wissen. «Unser internes Qualitätssystem wird einem Audit unterzogen und von unabhängigen externen Zertifizierungsstellen geprüft, um das Übereinstimmen mit unseren eigenen internen Standards, den ISO-Standards sowie weltweit der jeweils geltenden lokalen Gesetzgebung aufzuzeigen», heisst es in Vevey. Im Bereich der Lebensmittel­sicherheit würden weltweit über 5000 Nestlé-Angestellte arbeiten, um sicherzustellen, «dass die 1,2 Milliarden Nestlé-Produkte, die täglich verkauft werden, den striktesten Qualitätsstandards entsprechen.»

Kompromittierendes Video

Diese Nestlé-Angestellten erhalten regelmässige Trainings. Dazu hat Nestlé im Jahr 2008 ein Schulungsvideo mit einem leitenden Qualitätsmanager aufgezeichnet. Darin sagt er: «Audits haben gezeigt, dass wir eine Menge Schwächen in unseren HACCP-Untersuchungen aufweisen, auch in unseren Fabriken und in Forschung und Entwicklung.» Der leitende Manager und Instruktor im Video hält das Prozedere aber wörtlich für «WHO-Quackquack». Den Nestlé-Mitarbeitern will er in dem Schulungsvideo vor allem eines mit auf den Weg geben: «Wenn Sie Risiken identifizieren, lassen Sie sich nicht ablenken von kontaminierenden Inhaltsstoffen und Rückständen. Diese stellen kein signifikantes Risiko in unseren Fabriken dar.»

Huggett sagt, dass dieses Video nie zum Einsatz kam und auch niemals Teil des Nestlé-Trainings war. Interne Mails aber deuten auf das Gegenteil hin. Das Video mit den zitierten Passagen wurde im Intranet veröffentlicht und in einigen Ländern zu Schulungszwecken verteilt. Die umstrittenen Passagen wurden erst später entfernt.

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Besonders sensible Botschaften überbringt Paul Bulcke gerne persönlich. Dafür fliegt der Nestlé-Chef schon mal nach Schanghai und lädt dort einen ganzen Journalistentross ins noble Ritz Carlton – so wie Mitte Oktober.

Die Charmeoffensive galt dem Thema Lebensmittelsicherheit. Bulcke wollte wohl keine Zweifel aufkommen lassen, dass für seinen Konzern gerade in China die Sicherheit der Ware an erster Stelle steht. Zu gross waren dort in der jüngsten Vergangenheit die Skandale in der Lebensmittelindustrie. Der finanzielle Aufwand für die Kontrollen sei hier grösser als irgendwo sonst auf der Welt, gab man den Medienleuten mit auf den Weg.

Doch der Gigant aus Vevey geht mit dem Thema längst nicht immer so offensiv um. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit kämpft die Rechtsabteilung gerade gegen die Klage einer ehemaligen Mitarbeiterin, die den Umgang des Konzerns mit der Lebensmittelsicherheit in ein schiefes Licht rücken könnte.

Klägerin Yasmine Motarjemi wirft dem Unternehmen Mobbing vor. Der Fall ist unter der Aktennummer CC11.012142 hängig. Er ist aber viel mehr als ein simpler Arbeitsrechtsprozess. Motarjemi sass zehn­ Jahre lang weit oben in der Hierarchie der hauseigenen Lebensmittelkon­trolle – bis sie im Juli 2010 entlassen wurde.

Viele Skandale, einige Todesfälle

«Die Auffassungen zwischen ihr und ihrem Vorgesetzten über das Management der Lebensmittelsicherheit waren unterschiedlich», steht lapidar im Kündigungsbrief. Dahinter verbirgt sich ein jahrelanger erbitterter Streit um die mögliche Unterlassung von Vorsichtsmassnahmen in der Lebensmittelsicherheit. Es geht um gefährliche Vitamingehalte, Gesundheitsschäden von Babys, tote Haustiere und lebensgefährliche Bakterieninfektionen. Bislang steht Aussage gegen Aussage. «Wir weisen die Mobbing-Vorwürfe von Yas­mine Motarjemi zurück, da sie jeglicher Grundlage entbehren und nicht der Wahrheit entsprechen», heisst es bei Nestlé.

Laut internen Dokumenten begann die Geschichte Ende der 1990er-Jahre. Damals hatte Nestlé ein Problem mit Baby­biscuits, die zu Erstickungsanfällen führen konnten. Im Forschungszentrum in Lausanne suchte man nach den Ursachen. «Es sieht so aus, als ob (...) diese Kekse (...) für Säuglinge ungeeignet sind», folgerten die Experten. «Wenn wir etwas ändern wollen, dann besser nicht unter dem Sicherheitsaspekt, denn zu Müttern über Atemstillstand zu sprechen, kommt nicht gut an.»

Diese Probleme machten den Nestlé-Chefs bald klar, dass sie im hochsensiblen Bereich der Lebensmittelsicherheit Verstärkung brauchten. So warben sie im Jahr 2000 Motarjemi von der Weltgesundheitsorganisation WHO ab. Ihre Position als leitende Wissenschafterin machte sie für Nestlé zu einem perfekten Aushängeschild. Sie war bei der WHO massgeblich an der Entwicklung des Präventionssystems für die Nahrungsmittelindustrie beteiligt – sogenannte «Gefahrenanalyse und kritische Kontrollpunkte», kurz HACCP.

Kaum hatte Motarjemi bei Nestlé angeheuert, landete auch schon der erste heikle Fall auf ihrem Schreibtisch. Es ging um Babynahrungsprodukte. «Die Niveaus von Vi­ta­­min A und D sind hoch genug, um ernsthafte Bedenken bezüglich der Lebensmittelsicherheit zu haben», warnte sie in einem internen Brief aus dem Jahr 2001, «wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir dafür belangt.»

Ein Jahr später tauchte das nächste ernste Problem auf, diesmal wieder mit Babybiscuits. Es kam zu zahlreichen Erstickungsanfällen bei Säuglingen, 44 Fälle ­allein in Frankreich. Motarjemi wollte die Produktion stoppen und intervenierte mehrfach. Mit wenig Erfolg. Sie wunderte sich und wies damals ihre Kollegen schriftlich darauf hin, dass man nicht erst auf Gesunheitsprobleme bei den Konsumenten warten dürfe.

Einer ihrer damaligen Kollegen war Anthony Huggett. Er ist heute Vizedirektor und Leiter der Abteilung Qualitätsmanagement. «Babys müssen erst lernen, feste Nahrung zu essen, und es kommt hie und da vor, dass sie sich verschlucken. Nur in sehr seltenen Fällen hat dies schwerwiegende Folgen», sagt Huggett zu den Fällen von damals. Man mache umfangreiche Produkttests, bevor ein Produkt auf den Markt komme. «Wir verbessern unsere Produkte laufend über die Jahre und berücksichtigen dabei die Rückmeldungen von Konsumenten.»

Ist also alles völlig harmlos? Übertreibt Motarjemi? Oder stellte der Schweizer Weltkonzern womöglich doch den Profit vor die Sicherheit?

Offenbar lief in den vergangenen Jahren manches schief. So gelangten etwa Anfang 2005 mehrere Tonnen vergiftetes Hundefutter der Firmentochter Nestlé Purina in Venezuela in Umlauf. Fast 500 Hunde starben an einer Überdosis Aflatoxin. «Das Rohmaterial wurde entgegen den internen Anweisungen nicht von Nestlé selbst getestet, sondern die Überprüfungen wurden den Lieferanten überlassen», sagt Motarjemi heute. «Wir wiesen die Öffentlichkeit sofort an, diese Produkte nicht mehr zu verwenden, und setzten auch Behörden und Tierärzte detailliert in Kenntnis», entgegnet Nestlé, leider hätten die Mitarbeiter dem Lieferanten «zu grosses Vertrauen» geschenkt.

Mitte 2005 folgte der nächste Eklat. Die italienischen Behörden beschlagnahmten Nestlé-Babynahrungslösungen, die mit der Tintenchemikalie ITX versetzt waren. Das Geschäft mit der Babynahrung gehört zum Bereich Nestlé Nutrition. Huggett sass damals im Krisenstab. Die kontaminierte Babynahrung wurde nicht sofort vollständig aus den Regalen entfernt. «Wir entschieden uns für einen stillen Rückzug der Produkte und ersetzten diese mit neuen, ITX-freien Kartons», sagt eine Konzernsprecherin. Die in der Milch vorhandenen Spuren seien unerheblich und für den Menschen unschädlich gewesen. Die EU akzeptierte zunächst die Untersuchungsergebnisse des Konzerns, ohne die Lebensmittelbehörde EFSA einzuschalten.

Dem damaligen italienischen Gesundheitsminister Francesco Storace genügte das nicht. Er liess das betroffene Lagerhaus von Polizisten stürmen. Als der Druck von Medien und Behörden zu gross wurde, wollte Nestlé die Konsumenten beschwichtigen. Der Konzern zog dieselben Produkte auch in Frankreich und Spanien zurück. Die EFSA bestätigte im Nachhinein die Unschädlichkeit.

Motarjemi sagt, dass sie nicht nur in Krisensitzungen unentwegt vor Reputationsschäden gewarnt habe. «Verunreinigte Produkte mögen nicht immer gefährlich sein, sollten aber von einem Unternehmen, das die Lebensmittelqualität so hoch hängt, erst gar nicht angeboten werden.»

Auch in den Jahren danach ging die Pannenserie weiter. 2007 gelangte melaminverseuchtes Weizengluten zur Tiernahrungsherstellung aus China in die USA. Dieser Vorfall kam wie alle anderen Fälle auch in eine Datenbank bei Nestlé. «Der Konzern war also vorgewarnt», sagt Motarjemi. Dennoch erwischte es Nestlé 2008 ein weiteres Mal. Diesmal waren Fabriken in China mit dem Kunststoffbestandteil Melamin kontaminiert.

Für die Zukunft lernen

In Anwesenheit von Konzernchef Bulcke wurde nachträglich eine Krisensitzung in Vevey einberufen. Gemäss den Sitzungsunterlagen wurde die Frage diskutiert, warum das Melamin-Problem nicht früher erkannt wurde. Von den «grossen Vorfällen» wollte man diesmal «für die Zukunft lernen». Die bisherigen Fälle reichten offenbar nicht, ein professionelles Krisenmanagement zu installieren.

«Kein Nestlé-Produkt wurde aus mit Melamin verunreinigter Milch hergestellt», entgegnet Huggett. Man habe dies belegen können. Die analytische Methode sei später zum international anerkannten ISO-Standard erhoben worden. «Für den Konsumenten nicht schädliche Spuren von Melamin kommen in der Lebensmittelkette vor», meint Huggett weiter. Man habe auch diese unerheblichen Spuren in China untersucht und herausgefunden, «dass sie auf das Futtermittel der Kühe zurückzuführen waren».

Doch reichten Nestlés analytische Methoden jemals aus? Immerhin erwischte es den Konzern wenige Jahre später wieder. Die US-Lebensmittelbehörde FDA entdeckte Fäkalbakterien in Nestlé-Keksteig in den USA. Die Tageszeitungen «New York Times» und «Washington Post» berichteten minutiös über die Krankengeschichten infolge von Kontaminationen mit E.coli-Bakterien. Die Konsumenten assen den Teig roh, obwohl auf dem Produkt stand, dass man ihn zuerst erhitzen muss.

Auch hier seien die Empfehlungen von Motarjemi ignoriert worden. «Wenn es so essenziell ist, das Produkt zu erhitzen, muss das den Konsumenten unmissverständlich klar sein. Die Kennzeichnung entsprach nicht den erforderlichen Standards», sagt die Expertin.

Der jüngste Vorfall ereignete sich im Sommer 2012. In Australien wurden Rezepte für Babynahrung umgestellt. In der Folge kam es bei Säuglingen zu Erbrechen, Durchfall und Hautausschlägen. Huggett erklärt, dass das Produkt sicher sei. Das Problem sei deshalb aufgetreten, weil ­einige Säuglinge, die mit der alten Formel vertraut waren, Mühe hatten, sich von ­einem Tag auf den andern an das neue Produkt zu gewöhnen.

Weshalb Nestlé die Änderung bei einem so heiklen Produkt nicht von sich aus kommunizierte, ist Branchenexperten ein Rätsel. «Die Behörden haben bestätigt, dass die Produkte jederzeit unbedenklich waren», sagt Huggett.

Von grundsätzlichen Mängeln im Umgang mit der Lebensmittelsicherheit will der Konzern nichts wissen. «Unser internes Qualitätssystem wird einem Audit unterzogen und von unabhängigen externen Zertifizierungsstellen geprüft, um das Übereinstimmen mit unseren eigenen internen Standards, den ISO-Standards sowie weltweit der jeweils geltenden lokalen Gesetzgebung aufzuzeigen», heisst es in Vevey. Im Bereich der Lebensmittel­sicherheit würden weltweit über 5000 Nestlé-Angestellte arbeiten, um sicherzustellen, «dass die 1,2 Milliarden Nestlé-Produkte, die täglich verkauft werden, den striktesten Qualitätsstandards entsprechen.»

Kompromittierendes Video

Diese Nestlé-Angestellten erhalten regelmässige Trainings. Dazu hat Nestlé im Jahr 2008 ein Schulungsvideo mit einem leitenden Qualitätsmanager aufgezeichnet. Darin sagt er: «Audits haben gezeigt, dass wir eine Menge Schwächen in unseren HACCP-Untersuchungen aufweisen, auch in unseren Fabriken und in Forschung und Entwicklung.» Der leitende Manager und Instruktor im Video hält das Prozedere aber wörtlich für «WHO-Quackquack». Den Nestlé-Mitarbeitern will er in dem Schulungsvideo vor allem eines mit auf den Weg geben: «Wenn Sie Risiken identifizieren, lassen Sie sich nicht ablenken von kontaminierenden Inhaltsstoffen und Rückständen. Diese stellen kein signifikantes Risiko in unseren Fabriken dar.»

Huggett sagt, dass dieses Video nie zum Einsatz kam und auch niemals Teil des Nestlé-Trainings war. Interne Mails aber deuten auf das Gegenteil hin. Das Video mit den zitierten Passagen wurde im Intranet veröffentlicht und in einigen Ländern zu Schulungszwecken verteilt. Die umstrittenen Passagen wurden erst später entfernt.

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