Wie glaubwürdig sind Unterlagen, die Bewerber einschicken, wenn sie sich für eine offene Stelle bewerben? Sind alle Zertifikate, Zulassungen und Zeugnisse echt? Ist der Lebenslauf korrekt oder das eine oder andere Detail etwas beschönigt? Im Normalfall muss die Firma, die eine Stelle ausschreibt, das überprüfen, indem sie sich auf ihre Erfahrung oder die Redlichkeit des Bewerbers verlässt. Eine gewisse Fehlerquote ist bei diesem Prozess nicht auszuschliessen.

Das Genfer Luftfahrt-Jobportal Professionals.aero will diesen Prozess ändern und nutzt dafür seit November 2018 eine Blockchain-Technologie. «Unsere Lösung ermöglicht es, die Authentizität eines Dokuments von überall her leicht zu überprüfen. Firmen können den Weg der Validierung des Dokuments nachvollziehen und erhalten damit eine Garantie, dass der Kandidat die nötigen, gültigen Zeugnisse und Zulassungen besitzt», sagt Ray Chow, Co-Gründer und CEO von CVProof, einem ebenfalls in Genf domizilierten Startup, mit dem Professionals.aero zusammenarbeitet.

«Wir haben mehrere Partner evaluiert, die mit uns diese von Blockchain-Technologie unterstützte Plattform entwickeln können. Wir suchten nach einer Lösung, die On-demand-Rekrutierungen einfacher macht. Wir wissen aus Erfahrung, dass das ohne Blockchain ein sehr langsamer Prozess sein kann, der viel Unzufriedenheit auf allen Seiten produziert», erklärt Professionals.aero-Chef Laurent Delétraz.

Kleine und grosse Flunkereien bei der Bewerbung

Das Angebot der beiden Westschweizer Firmen zielt auf eine Problematik, die bisher als unveränderbar hingenommen wurde: Bewerber beschönigen ihre Lebensläufe und Unterlagen oder passen sie an das Unternehmen, bei dem sie sich ­bewerben, an. Das kann einerseits legitim sein, wenn etwa Daten weggelassen werden, die für das Unternehmen und den Recruiter nicht relevant sind, kann aber auch dazu führen, dass Bewerber Dinge versprechen, die sie nicht halten können. Der Recruiter muss das vorher heraus­finden, was Zeit kostet, oder er muss die Person nach Einstellung wieder aus der Firma befördern, was Zeit, Nerven und Geld braucht.

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Aber beschönigen wirklich so viele Bewerber ihre Unterlagen? In einer Deloitte-Mitteilung zum Thema Blockchain und HR wird die Umfrage eines Jobportals zitiert, gemäss der 58 Prozent der rekru­tierenden Firmen Lügen oder Beschönigungen in Lebensläufen von Bewerbern entdecken. Die Firma Hire Right, die sich auf die Aufdeckung von CV-Lügen spezialisiert hat, behauptet, dass sie bei 86 Prozent der Résumés, die ihre Kunden erhalten, Lügen aufgedeckt hat. Datensätze für die Schweiz, wie viele Lügen im Lebenslauf von Bewerbern aufgedeckt werden, gibt es nicht.

So soll Blockchain die Rekrutierung verbessern

 
Bisheriger Ablauf

Schritt 1: Ein Absolvent erhält ein Zertifikat / eine Zulassung für einen Beruf von einer Uni / Institution.

Schritt 2: Der Absolvent passt seine Bewerbung bei jeder Jobausschreibung an und reicht Dokumente ein.

Schritt 3: Die Personalabteilung klopft Lebenslauf und Dokumente auf Glaubwürdigkeit ab. Überprüft sie die Gültigkeit von Zertifikaten, muss sie bei der Uni oder der Institution nachhaken. Diese muss den Absolventen um Erlaubnis zur Datenweitergabe bitten.

Neuer Ablauf

Schritt 1: Die Universität / Institution verwaltet Zertifikate / Zulassungen auf einer Blockchain.

Schritt 2: Der Bewerber ermöglicht mit seiner Bewerbung bei einer Firma den Zugriff auf diese Zertifikate / Zulassungen. Diese können von ihm aber nicht verändert oder angepasst, im schlimmsten Fall gefälscht werden.

Schritt 3: Der Rekrutierer hat eine Garantie, dass Zertifikate und Dokumente echt sind. Die Verantwortung verschiebt sich auf den Aussteller.

Veränderung im Jobmarkt

Gültige, aktuelle und zu 100 Prozent ungefälschte Zeugnisse, Zulassungen und Zertifikate sind jedenfalls nicht nur in der Luftfahrtindustrie von Bedeutung. Auch im Gesundheitswesen etwa verursacht das Management dieser Dokumente und die Verifizierung bei Bewerbern viel Arbeit, erklären die Verantwortlichen von Professionals.aero und CVProof. Das soll dank der neuen Technologie, die in das Jobportal integriert ist, der Vergangenheit angehören.

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Für Cédric Bollag, Moderator der Schweizer Startup-Show Globaltechbox, ist die Anwendung vielversprechend: «Die Blockchain ist eine solide Lösung, mit der Arbeits- und Lernzeugnisse glaubwürdig verifiziert werden können.» Diese neue Technologie funktioniere transparent und einfach und könne auf sichere Weise ­Fälschungen vollständig ausschliessen. Das Jobportal Professionals.aero erwartet, dass ihr neues Angebot von bis zu 20 000 Nutzern ihrer Website genutzt wird.

Gleichzeitig zur Entwicklung in der Westschweiz, die auf die Seite der Recruiter fokussiert, läuft in Basel eine Entwicklung aufseiten der Aussteller von Zeugnissen und Zertifikaten. Auch hier soll vieles effizienter und sicherer werden. Das Center of Innovative Finance der Universität Basel startete am 30. April letzten Jahres damit, die Kurszertifikate für Studenten auf einer Blockchain zu verwalten. Der zusammen mit dem Schweizer Startup Proxeus entwickelte System-Prototyp soll künftig die Überprüfung von Dokumenten erleichtern und ein erster Schritt in Richtung fälschungssichere akademische Diplome sein. «Dafür kommen zwei getrennte Anwendungen zum Einsatz. Während eine die Ausgabe von Zertifikaten automatisiert und diese mit einem kryptografischen Hashwert auf der Ethereum-Blockchain regis­triert, lässt sich mit einer öffentlich von jedermann nutzbaren Anwendung die Validität von angeblichen Uni-Zertifi­katen online überprüfen», beschrieb das Online-Portal «Cointelegraph» vor einem Jahr die Anwendung.

Weitere Branchen im Blick

Die Uni verspricht mehr Effizienz: ­Bisher musste die Universität bei der Überprüfung von Leistungsnachweisen persönlich kontaktiert werden, diese ­wiederum musste vor Herausgabe der entsprechenden Information aus Datenschutzgründen zunächst die Erlaubnis der betroffenen Absolventen einholen. Professor Fabian Schär, Leiter der betreffenden Abteilung der Universität Basel, sagt: «Durch blockchainbasierte Leistungsausweise bieten wir Sicherheit für Absolventen und potenzielle Arbeitgeber. Blockchainbasierte Zertifikate können nicht gefälscht werden und sind einfach online auf ihre Authentizität und Integrität überprüfbar». Die Entwicklung, Blockchain-Technik im HR und bei Ausbildungszertifikaten zu nutzen, wird natürlich auch weltweit ­vorangetrieben. So hat etwa Sony 2017 angekündigt, in Partnerschaft mit IBM eine blockchainbasierte Bildungsplattform zu entwickeln. Mit dieser Plattform soll es möglich sein, Datensätze von Schülern zu sichern und zu teilen.

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Eine Vision für künftige Anwendungen könnte sein, dass alle Schweizer Top-Universitäten ihre Zertifikate mit unveränderbaren und leicht teilbaren Blockchain-Technik ausstellen und Arbeitgeber auf diesen unveränderbaren und zuverläs­sigen Zertifikats-Proof zugreifen können. Das würde Personalern viel Arbeit sparen, gleichzeitig aber die Fehleranfälligkeit bei der Überprüfung von Lebenslauflügen extrem reduzieren. Matchentscheidend wird sein, ob sich eine grosse Zahl von An­wendern findet, damit die Blockchain-Schiene nicht nur eine Parallelschiene neben dem bisherigen Prozedere bleiben wird. Am ­realistischsten ist, dass dies bei hoch­qualifizierten und spezialisierten Jobs üblich wird.

Sollte die Art der Zertifizierung und ­Validierung sich ausbreiten, könnten auch die grossen Karriere- und Jobportale aufspringen. Die Verantwortung für die Korrektheit von Unterlagen, Zertifikaten und Lebensläufen verschiebt sich zugleich vom Bewerber zur Firma, die das Zertifikat in der Blockchain speichert, oder zur Universität, die es ausstellt. Laurent Delétraz sagt, dass sich Professionals.aero vorerst nur auf die Luftfahrtindustrie konzentrieren will: «Hier handelt es sich um einen sehr spezifischen und vertikalen Markt. Aber wir denken auch daran, in Zukunft andere ­Industrien mit neuen Plattformen an­zugehen».