Wer vor fremdem Publikum punkten will, startet gern mit einen Witz. Der muss überraschend sein. Oder frech. Am besten beides. Für diese Variante hat sich Susanne Liedtke entschieden. Sie steht, das Mikro fest im Griff, vor den Zuhörenden und sagt: «Warum kann man mit Frauen über vierzig Jahren nicht Verstecken spielen?» Dann schiebt sie nach: «Niemand sucht nach ihnen.»

Gelächter im Raum. Vorteil Liedtke. Witzig sein, positiv auffallen, das zählt. Denn die Konkurrenz ist gross: 17 Startups buhlen beim Xoogler Demo Day um die Gunst von Risikokapitalgebern. Es gibt nur drei, vier Minuten Zeit, um zu überzeugen. Liedtke will eine neue Konsumentenmarke rund ums Thema Perimenopause lancieren.

Das Besondere an diesem Event an einem Novembermorgen: Die Unternehmer sind ehemalige Google-Mitarbeiter, sie nennen sich Xoogler, zur Community gehören weltweit 6500 Leute. Sie hatten keine Lust mehr auf den Riesenkonzern, machen ihr eigenes Ding. Und sie brauchen Geld zum Durchstarten.

Xoogler Demo Days fanden bereits in mehreren Städten statt, so etwa in San Francisco und Singapur, nun erstmals in Zürich. Im Google-Komplex an der Lagerstrasse 100 sind sie versammelt, Startups und Risikokapitalfirmen, rund hundert Menschen sitzen im Raum «Tech Talk Heidi».

First X-Googlers day in Zurich, Switzerland

Die Unternehmerin

Susanne Liedtke hat bis Mai 2019 für Google gearbeitet.
Nun wagt sie den Sprung in die Selbstständigkeit und will mit der Firma Nobody Told Me im Bereich Perimenopause ein Angebot für Frauen lancieren.

Quelle: Marc Latzel
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Google ist nicht beteiligt

Steffen Ehrhardt, der im Bereich Local Campaigns, Shopping Internationaliza­tion & Startups EMEA bei Google arbeitet, hat den Event mitorganisiert. Ja, er arbeitet bei Google, macht das Xoogler-Engagement nebenbei. Google ist an den Startups, die präsentieren, nicht beteiligt. Google liefert also nur die Bühne, trägt die Kosten für Räume, Speis und Trank.

Google legt viel Wert darauf, dass sich die Mitarbeitenden wohlfühlen und Höchstleistungen erbringen. Dieses Image erhielt mit den Google-Walkouts vergangenes Jahr einen dicken Kratzer. Ausserdem gab es kürzlich in Zürich Zoff, weil das Google-­Management intervenierte, als sich Mit­arbeitende mit Gewerkschaftern treffen wollten. Doch warum holt sich Google abtrünnige Mitarbeitende zum Startup-Pitch wieder ins Haus? Es geht ums Netzwerken, man kennt sich, man bleibt in Kontakt. Und im Geschäft.

Mit dabei an der Lagerstrasse sind mehr als zwanzig Venture-Capital-Firmen. Pascal Mathis vertritt eine von ihnen: Wingman Ventures. Wie kann man ihn davon überzeugen, sein Scheckbuch zu öffnen? Mathis sagt: «Es geht immer ums Team.» Das klinge zwar nach Soft-Faktor und weniger nach harten Finanzzahlen. Doch die Frage laute: Hat das Team die Fähigkeiten, um einen internationalen Konzern aufzubauen? Sind alle Skills vorhanden?

Mathis war bis 2016 bei Google. Als ­Industry Manager. Zuvor hatte er Getyourguide mitgegründet; das Spin-off der ETH hat Unicorn-Kultstatus, seit es eine Bewertung von 1 Milliarde Dollar erzielt hat. Wingman Ventures will 60 Millionen Dollar in Schweizer Startups stecken.

Einige Gründer präsentieren Ideen, für die sie ein paar hunderttausend Franken wollen, andere brauchen 4 Mil­lionen.

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Mathis und die anderen Investoren bekommen an diesem Tag viel geboten: Nicht nur das Menopause-Thema, es gibt auch ­jemanden, der Live-Streaming für Fitness-Enthusiasten offeriert, zudem einen ­Legal-Tech-Anbieter und ein Startup mit Blockchain-Technik. Es geht viel um Market Potential und Scalability, ­manche der Jungfirmen-­Menschen stehen brav vor ihren Slides und spulen angespannt ihren Text runter. Andere laufen emsig umher. Einige Gründer präsentieren Ideen, für die sie ein paar hunderttausend Franken wollen, andere brauchen 4 Mil­lionen. Organisator Steffen Ehrhardt wacht stets über die Zeit. Zur Not würde er das ­Mikro wegnehmen. Muss er aber nicht.

Die Investoren lauschen, stellen Fragen. Eine davon, gleich zu Anfang, ist ein Venture-Capitalist-Klassiker: «Wie wollt ihr eure Idee skalieren?»
Am Xoogler Demo Day auch dabei: Mycamper. Sie haben sich ihr Firmenlogo auf die Pullover gedruckt. Brand Recognition soll helfen. Zumal das «Airbnb für Camper» schon recht bekannt ist, nachdem es in der TV-Show «Höhle der Löwen Schweiz» zu sehen war und 300'000 Franken einsammelte. Warum sie hier sind? Es wisse ja nicht unbedingt jeder, dass sie weiter auf Kapitalsuche seien, sagt Michele Matt von Mycamper.

Dann gibt es in der Pause erst mal Zeit fürs Durchatmen – und zum Kennenlernen von Geldgebern und Geldsuchenden. Schweizerdeutsch und viel Englisch hängt in der Luft. Zwischen Kaffeetrinken und Handshakes boomt der Visiten­karten-­Tausch. Die Papierkarten mögen altmodisch sein, hier sind sie sehr gefragt.

First X-Googlers day in Zurich, Switzerland

Der Investor

Pascal Mathis ist Ex-Googler und Partner bei Wingman Ventures in Zürich. Die Firma investiert in Schweizer Startups und lanciert einen Fonds in Höhe von 60 Millionen Dollar.

Quelle: Marc Latzel
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«Die besten Mitarbeitenden»

Und was meint Pascal Mathis? Der Vortrag zur Menopause, das habe ihm gefallen, sagt er, während er im Pulk der Teilnehmenden steht. Mycamper mag er auch. «Aber da sind wir schon investiert.»

Jacob Claerhout ist ebenfalls auf der Pirsch nach jungen Firmen, er kommt von Partech. Die Firma hat Büros in San Francisco, Paris, Berlin und Dakar und investiert Summen in der Höhe von 200 000 bis 50 Millionen Euro in Startups.

Sind Ex-Googler bessere Firmengründer? Ja, findet er. «Google organisiert die ­Informationen der Welt und macht sie zugänglich», sagt Claerhout. «Diese komplexe Mission erfordert die besten Mitarbei­tenden. Ein grosser Teil dieser ­Menschen, sobald sie von Google weggehen, gründen ihr eigenes Unternehmen – und das sehr erfolgreich.»

In der Tat haben Xoogler sehr erfolgreiche Firmen lanciert, die mittlerweile gigantische Bewertungen haben: Dazu zählen etwa der Fotodienst Pinterest und der Anbieter für autonomes Fahren, Aurora.

Started Xoogler.co, Google alumni community of 6,500+ members interested in startups with 850+ investors

Der Erfinder

Christopher Fong arbeitet acht Jahre lang für Google. Er ist Startup-Gründer und hatte im Jahr 2015 die Idee zur Xoogler-Community.

Quelle: Marc Latzel
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Vom Image der smarten Googler will auch Kai Hansen profitieren. Er hat seinen Vortrag noch vor sich, als er sagt: «Es ist effizient, viele junge Firmen und Investoren in einem Raum zu haben, das spart sehr viel Zeit.» Ebenso helfe der Austausch mit anderen Gründern. Aber er weiss auch: «In drei Minuten allein entscheidet niemand, ob er Geld gibt oder nicht.»

Warum ist er überhaupt weg bei Google, um Firmen in Schwellenländern mit seinem Startup ­Enable Digital IT-Angebote zu offerieren? Google sei sicher kein schlechter Arbeitgeber gewesen, sagt Hansen, aber Google suche oft die grosse Lösung. Wer hingegen «Lösungen für spezifische Probleme, wie Energiezugang in Entwicklungsländern bieten möchte, der ist wohl besser beraten, ein eigenes Startup aufzumachen».

Dann die zweite Pitch-Runde. Hinten im Raum steht Christopher Fong, der die Xoogler-Bewegung gründete. Er streamt die Vorträge aus Zürich live auf Facebook. Dauernd drückt er auf den Button «Invite friends to watch». Bisher sind nur wenige dabei, aber es ist ja noch Nacht in den USA. «Wenn sie aufwachen, können sie gleich die Schweizer Startups sehen.»

Nachdem alle Vorträge vorbei sind, sitzt Susanne Liedtke auf einem Sofa und sagt, wie sie sich fühlt: Ja, es sei aufregend gewesen. Vorher habe sie sich noch ein Video zu Power Posing angesehen. Fürs nötige Selbstvertrauen. Dann erklärt sie, was sie antreibt: Google sei ein cooler Arbeitgeber gewesen, erst im Mai 2019 hat sie dort aufgehört. Doch sie will unbedingt was Eigenes auf die Beine stellen. Sie werde dieses Jahr fünfzig. Wenn sie sechzig sei, wolle sie nicht zurückschauen und sich vorwerfen müssen, es nicht probiert zu haben. «Zum Firmengründen ist es nie zu spät.»

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► Mehr zum Thema: Der Xoogler-Gründer im Interview

So arbeiten Alumni Netzwerke

• Nutzen
Nicht nur Google unterstützt Ex-Mitarbeitende - es gibt viele Alumni-Netzwerke. Die Ehemaligen sollen bei der Rekrutierung von neuen Kandidaten helfen und Botschafter für die Firmenphilosophie bleiben. Ebenso sollen Rückkehrer motiviert werden.

• ABB
Der Industriegigant hat mit seinem «Re Connect»-Programm eines der grössten Alumni-Netzwerke. Die HR-Manager von ABB versuchen durch das Netzwerk Leute wieder an die Firma zu binden oder Empfehlungen von Angestellten zu erhalten.

• McKinsey
Besonders Beratungsfirmen besitzen riesige Alumni-Netzwerke. Bei McKinsey sind es 30'000 Mitglieder, bei der Boston Consulting Group 20'000, bei Bain 13'000. Auch Banken wie die Citibank haben Netze mit 17'000 Mitgliedern in 113 Ländern.