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Alex Rosenblat: Dein Chef? Das ist eine App

Alex Rosenblat
Ethnographin Alex Rosenblat an der Re:publica, 8. Mai 2019: «Uber hat die Art der Arbeit, wie wir sie bis anhin kannten, komplett verändert. Und das ist erst der Anfang.»Quelle: Youtube

Der Börsendebütant Uber steht wegen der Arbeitsbedingungen in der Kritik. So auch von Alex Rosenblat mit ihrem Buch «Uberland».

Von David Torcasso
am 09.05.2019

Am Freitag steht der Börsengang von Uber an. Obwohl es einer der grössten Börsengänge der letzten Jahre werden soll, ist Ernüchterung angesagt. Einerseits möchte der Fahrdienstvermittler nur einen Teil seiner Aktien platzieren, andererseits hagelt es von allen Seiten Kritik am Umgang des Unternehmens mit den Fahrern. 

Die amerikanische Ethnographin Alex Rosenblat hat diese Umstände in ihrem neuen Buch «Uberland: How Algorithms are Rewriting the Rules of Work» genauer beschrieben. Und daraus auch eine Neudefinition von Arbeit, vor allem in den USA, abgeleitet.

Ständige Überwachung

Auf der Re:publica in Berlin hat Rosenblat die Geschäftspraktiken von Uber in einem Vortrag kritisiert. Basierend auf hunderten von Strecken, Gesprächen und Einblicken, die Rosenblat in den letzten Jahren bei Uber-Fahrten gemacht hat.

Vor allem bemängelt Rosenblat, dass Uber die Fahrer als selbständige Unternehmer betitle, sie aber durch Algorithmen ständig kontrolliert und überwacht würden. «Bei Uber verkehren Menschen mit Menschen. Ein Algorithmus kann diese Interaktion nicht fair erfassen, da es immer wieder Ausnahmen gibt. Das führt zu Diskriminierungen.» Uber gibt sich als Technologie-Startup, als Plattform. Deshalb kommunizieren Fahrer nicht mit einem menschlichen Vorgesetzten, der auf individuelle Bedürfnisse eingehen kann, sondern mit einer gesichtslosen App. 

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Dein Chef? Das ist eine App

Diese App sei «ein Chef», der nicht auf zwischenmenschliche Bedürfnisse reagieren kann, sagt Rosenblat. Dazu sei die App willkürlich. Sie aktiviere bei einer hohen Nachfrage beispielsweise einen höheren Fahrpreis. Das sei eines der Indizien, dass die Fahrer doch nicht selbständige Unternehmer sind — die in ihren Entscheidungen frei sind — sondern sie ständig vom Algorithmus gelenkt würden. «Passen sich die Fahrer nicht diesen Anweisungen an, wird ihr Account deaktiviert», sagt Rosenblat

Uber betrachte die Fahrer nicht als Angestellte oder Partner, sondern als Kunden. Das zeige sich bei der Kommunikation. Gibt es Beschwerden oder unfaire Bewertungen, blocke das Unternehmen mit vorgefertigten Floskeln in E-Mails ab, weiss Rosenblad. «Diese Unternehmenskultur lässt keine Verbesserung oder Fortschritte im Umgang mit den Fahrern zu», konstatiert die Wissenschaftlerin in ihrem Talk, der unten in voller Länge zu finden ist. 

Dabei gehe es aber nicht nur um die Arbeitsbedingungen beim grössten Fahrvermittlungsdienst der Welt, sondern um eine signifikante Veränderung der Arbeitswelt im Allgemeinen. «Uber hat die Form der Arbeit, wie wir sie bisher kannten, grundlegend verändert», sagt Rosenblat. Das Unternehmen habe es geschafft, soziale Verpflichtungen systematisch zu umgehen. Und das sei erst der Anfang, sagt die Wissenschaftlerin. Je mehr Plattformen entstehen, desto mehr Algorithmen würden die Arbeit von Menschen kontrollieren. 

Uber steht für eine neue Arbeitsform

Diese Umstände seien auch deshalb möglich gewesen, weil Uber während der Wirtschaftskrise 2008 auf den Markt gekommen war. Damals hätten viele Amerikaner ihre Arbeit verloren und fanden mit den Taxifahrten wieder ein Einkommen. Das war aber auch der Grundstein der Gig-Economy. Diese werde mittlerweile von vielen Unternehmen aus dem Silicon Valley praktiziert. Da diese Startups auch als eine Art «Nationalstolz» gelten, hätten die Behörden sie lange gewähren lassen, bevor gewisse Regeln eingeführt wurden, sagt Rosenblat

Diese Philosophie bringt mit sich, dass Uber-Fahrer, aber beispielsweise auch Airbnb-Hosts, komplett den Algorithmen, die sich auch ständig ohne Vorwarnung ändern, ausgeliefert sind. Trotzdem soll Uber mittlerweile zwischen 90 und 120 Milliarden Dollar wert sein. 

Digitalkonferenz Re:publica

Die Re:publica ist eine Konferenz rund um die digitale Gesellschaft. Der Name leitet sich vom lateinischen Begriff res publica, die öffentliche Sache, ab. Die Re:publica wird seit 2007 jährlich in Berlin veranstaltet.

An drei Tagen werden in Vorträgen und Workshops verschiedenste Themenfelder behandelt, von Medien und Kultur über Politik und Technik bis zu Entertainment. Einige Vorträge und Diskussionsrunden werden als als Videostream live ins Netz übertragen.

Die 13. Re:publica findet am 6., 7. und 8. Mai 2019 im Stadtteil Berlin-Kreuzberg unter dem Motto tl;dr (Internet-Slang für too long; didn’t read) statt.

Prominente Redner sind der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Blogger Sascha Lobo, Zukunftsforscher Gunter Dueck oder die EU-Kommissarin Margarethe Vestager. Daneben traten zahlreiche Netzaktivisten, Wirtschaftsführer, Forscher und Wissenschaftler auf.