Amazon ist noch nicht in der Schweiz präsent? Das stimmt nicht ganz. Denn die wichtigste Konzerntochter hat seit 2016 einen Sitz in Zürich: Amazon Web Services (AWS). Hinter dem technisch anmutenden Namen steht die Cloud-Sparte des Online-Händlers und damit das Wachstumswunder des Konzerns.

«In nur zwölf Jahren sind wir ein Business mit einem Umsatz von 27 Milliarden Dollar geworden», sagt AWS-Schweiz-Chef Jim Fanning am Rande der Entwicklerkonferenz in Las Vegas. «Und ich glaube, das grösste Wachstum liegt noch vor uns.» Deshalb baut der Cloud-Pionier im Zürcher Sihlcity seinen Sitz aus. 2017 eröffnete AWS einen zusätzlichen Standort in Genf.

Dass AWS hier ansiedelt, zeigt: Auch in der Schweiz lässt sich mit der Wolke gutes Geld verdienen. Viele Grosskonzerne stehen – ein bis zwei Jahre später als in Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien – im Begriff, ihre Daten auf neue Weise in die Cloud auszulagern. Statt maximal einzelne Datenblöcke in lokalen Rechenzentren zu speichern, ist die Zahl der Firmen rasant gestiegen, die anspruchsvolle Rechenprozesse in der Cloud laufen lassen und dabei verschiedene Anwendungen kombinieren.

Public Cloud

Tech-Konzerne wie etwa AWS, Microsoft, Google und IBM betreiben gigantische Rechenzentren. Sie bieten anderen Unternehmen und auch Privatpersonen an, diese Ressourcen übers Internet anzumieten. Da es für viele Unternehmen zu teuer ist, eigene Infrastruktur aufzubauen, setzen sie auf die Dienste der Cloud-Anbieter.

Private Cloud

Ein Unternehmen baut für seine Cloud-Lösung eigene Software- und IT-Infrastruktur auf und verwaltet sie in einem privaten Netzwerk. Zugänglich ist dieses dann für Mitarbeitende, gewisse Geschäftspartner und Kunden. Es gibt auch externe Dienstleister, die eine Private Cloud anbieten.

Hybrid Cloud

Die Hybrid Cloud ist eine Mischform. Hier werden jeweils eine oder mehrere öffentliche und private Cloud-Umgebungen miteinander kombiniert. Daten und Anwendungen können zwischen den verschiedenen Clouds geteilt werden.

Weltweit soll der Markt mit der Public Cloud (siehe Box) laut Gartner dieses Jahr um mehr als 17 Prozent auf 206 Milliarden Dollar wachsen. In der Schweiz kletterte er zwischen 2013 und 2017 jährlich um 35 Prozent auf 1,3 Milliarden Franken. Der Marktforscher IDC rechnet nun jedoch mit einer Entschleunigung: Pro Jahr liegen noch mehr als 20 Prozent drin. Somit wird sich der Konkurrenzkampf unter den globalen Anbietern, die um Schweizer Unternehmen buhlen, verschärfen.

Novartis spart Millionen dank der Cloud

Der Clou an der Cloud: Längst geht es nicht mehr ums blosse Speichern von Daten. Sind sie erst in die Wolke transferiert, lassen sie sich dank Big Data, Machine Learning und künstlicher Intelligenz analysieren und bearbeiten. Erst dadurch entfalten Daten ihre Power und werden zum vielbesagten Öl des 21. Jahrhunderts. «Immer mehr Kunden haben eine immense Anzahl an Daten. Daraus wollen sie Vorteile ziehen», sagt Fanning.

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Ein Beispiel ist etwa eine Anwendung von AWS-Kunde Novartis. Die Wolke soll dem Pharmakonzern bei der Suche nach neuen Medikamenten helfen. Dank den Daten in der Cloud lässt sich eine gigantische Computerpower auf ein Problem ansetzen. Resultat: Man bekommt schneller Ergebnisse denn je. «Innert neun Stunden erzielte Novartis, wofür die computergestützte Chemie bisher 39 Jahre gebraucht hätte», sagt Fanning.

Konkret ging es dabei um die Suche nach Wirkstoffen gegen Krebs. Um die Forschung intern auszuführen, hätte der Pharmakonzern dafür 40 Millionen Dollar investieren müssen. «Tatsächlich hat Novartis aber Rechenkapazität in unserer Cloud angemietet und dafür am Ende nicht einmal 5000 Dollar bezahlt», so Fanning.

Google und Microsoft eröffnen Datencenter in der Schweiz

AWS ist aber nicht der einzige grosse US-Player, der in der Schweiz expandiert. Auch Google will mit der Cloud die Datenmengen für seine Kunden beherrschbar machen und ihnen so helfen, Kosten zu sparen. In der kommenden Woche eröffnet Google seine Schweizer Datenregion und speichert die Daten dann künftig in Zürich.

Google hat dabei vor allem die Banken im Blick. «Wenn eine Bank zum Beispiel das Fraud-Management verbessern möchte, sagen wir von 90 Stunden für die Bearbeitung eines Falls auf 30 Minuten – dahinter steckt ein grosser finanzieller Wert», sagt Christian Sciullo, Cloud-Chef Schweiz. «Aber die Bank will sich nicht vertieft mit Servern und den technologischen Aspekten auseinandersetzen. Das übernehmen dann wir.»

Die Firmen haben nicht die Ressourcen oder die Infrastruktur, um in Eigenregie künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen zu nutzen. Darum schlägt die Stunde von Public-Cloud-Anbietern wie AWS, Microsoft und Google. Als sogenannte Hyperscaler bieten sie ein ganzes Netzwerk an Cloud-Diensten an, die miteinander kombinierbar sind. AWS zum Beispiel offeriert bereits 165 verschiedene Services – von Analyse und Management-Tools über Augmented-Reality-Funktionen bis hin zu Blockchain-Anwendungen.

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Als weltweiter Marktführer vor Microsoft, Alibaba, Google und IBM hat sich AWS auch hierzulande an die Spitze gesetzt. Allerdings sortiert sich der Markt noch. Und die Wettbewerber expandieren ihre Standorte vor Ort deutlich. «Für die Schweizer ist es noch wichtiger als für die Firmen in anderen Ländern, dass sie Daten lokal speichern können», sagt Heiko Henkes, Direktor für den Bereich digitale Transformation bei der Beratung ISG.

AWS könnte an Boden verlieren

Das haben die US-Anbieter verstanden: Microsoft baut eine Cloud-Infrastruktur in der Schweiz auf und speichert ab diesem Jahr die Daten seiner Firmenkunden in Rechenzentren in Zürich und Genf. Und will so AWS Marktanteile abjagen. Die Amazon-Tochter betreibt hierzulande nämlich noch kein eigenes Datencenter, denkt aber darüber nach.

Momentan werden also Daten der Schweizer AWS-Kunden etwa in Frankfurt, Dublin oder Paris gespeichert. Laut den Schweizer Bestimmungen muss der Grossteil der Daten nicht zwingend hier gespeichert werden, solange sie in einem Land sind, das gleich hohe Standards hat. Und diese sind in der EU sogar höher, seit die neue Datenschutzverordnung in Kraft ist. Microsoft etwa hat intern die EU-Verordnung gar zum weltweiten Standard erklärt.

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Dennoch geht Tobias Steger von Microsoft Schweiz davon aus, dass globale Mitbewerber, die keine lokale Datenspeicherung anbieten an Boden verlieren werden. «Wir haben sogar Anfragen von ausländischen Unternehmen, die ihre Daten hier speichern wollen», sagt er. Denn die Schweiz profitiert von ihrem Ruf als zuverlässig und den stabilen Rahmenbedingungen.

Es sei zwar ein kleiner Teil, dennoch gebe es Daten, welche die Schweiz nicht verlassen dürften – etwa jene im Healthcare-Bereich sowie Bankkundendaten. Anderseits rät Steger den Unternehmen, nicht alles auf einmal in die Cloud zu transferieren, sondern mit einem Teil zu beginnen. Die UBS etwa setzt seit einiger Zeit auf Microsofts Cloud-Plattform Azure. Laut Bloomberg will die Bank künftig noch einen Schritt weitergehen und Firmendaten zunehmend dort speichern, während die Zahl der 25 hauseigenen Datencenter reduziert wird. Der Deal soll Hunderte Millionen Dollar schwer sein.

Konkurrenzkampf nimmt zu

Auch wenn Google kommende Woche seine Schweizer Cloud-Region eröffnet, wird wahrscheinlich der Name einer grossen Schweizer Bank fallen. Bei der Eröffnung zugegen sein wird neben Sciullo und Europachef Sébastien Marotte auch Urs Hölzle als Verantwortlicher für die technische Infrastruktur des Konzerns. Der Baselbieter und Google-Mitarbeiter der ersten Stunde gestaltet die Google Cloud entscheidend mit. Bereits im Herbst 2018 sagte er gegenüber der «Handelszeitung»: «Die Schweizer Banken sind ein zentraler Grund, die Cloud-Region in der Schweiz zu starten.»

Die grossen US-Anbieter kommen nun erst richtig in Fahrt in der Schweiz, während immer mehr der hiesigen Konzerne eine Cloud-First-Strategie entwickeln und ihre Daten komplett auslagern. Besonders wenn nun Banken und Pharmaunternehmen vollständig in die Wolke wechseln, hat das Signalwirkung auf andere Branchen.

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In den nächsten Jahren wird es sich kaum ein Unternehmen leisten, von der Cloud fernzubleiben. Sie ist der Motor der digitalen Transformation. Erst durch die ständige Verfügbarkeit von Daten wird die zunehmend erforderliche Vernetzung der Wirtschaft überhaupt möglich.

So nutzen Unternehmen die Cloud

Swisscom

Die IT Services der Swisscom waren 2006 der erste Unternehmenskunde für Google Schweiz. In der Cloud verfolgt der Telekomkonzern eine Hybrid-Strategie, setzte dabei aber auch früh auf Google. Für Firmenkunden bietet die Swisscom 159 Programmierschnittstellen (API) an, deren Technologie über die Cloud von Google-Tochter Apigee läuft. Kunden, zum Beispiel aus dem Bankingbereich wie Avaloq, könnten dort mit ihren Dienstleistungen andocken.

Life Capital, Swiss Re

Der Rückversicherer Swiss Re betreibt seine Tochter Life Capital, um Versicherungs-Startups zu kreieren. «Life Capital wäre ohne Cloud nie und nimmer möglich», sagt deren CEO Thierry Léger. «Die Dienstleistungen, die wir heute anbieten können, wären nicht denkbar gewesen.» Life Capital betreibt etwa das Startup Iptiq, das anderen Versicherungsunternehmen als private Label digitale Lebensversicherungsprodukte anbietet. Im Einsatz ist Iptiq etwa in Spanien, Deutschland, Frankreich, England und den Niederlanden. Ziel: mit einfachen Lösungen Familien zu erreichen, die sich ansonsten keine Lebensversicherungen leisten würden.

Manor

Manor sucht nach dem richtigen Ansatz, um Kunden im E-Commerce anzusprechen, ohne den stationären Handel aufzugeben. Eine Hoffnung setzt das Traditionshaus dabei auf mehrere cloudbasierte Systeme von Microsoft, welche die Speicherung und Analyse von Kundendaten vereinfachen. Von der Warenhauskette ist dieser Schritt auch ein Signal, dass die IT-Sparte von der Peripherie ins Zentrum des Unternehmens rückt. Das erachten die Betreiber als notwendig, um langfristig mit einer Omnichannel-Strategie Erfolg zu haben.

Idorsia

2017 kaufte der US-Konzern Johnson & Johnson das Schweizer Pharmaunternehmen Actelion. Ausgenommen waren sämtliche Medikamente, die sich in der Entwicklung befanden. Sie gingen nun an die neu gegründete Idorsia, die in den nächsten fünf Jahren drei Produkte auf den Markt bringen will. Idorsia funktioniert vollständig in der AWS-Cloud. Laut dem Unternehmen wäre ansonsten der Aufbau innerhalb eines Jahres nicht möglich gewesen. Zudem kann Idorsia nun auf ein eigenes physisches Datencenter verzichten, das Millionen von Franken verschlungen hätte.

Coople

Die Schweizer Jobvermittlungsplattform Coople will bis Ende April sämtliche Daten in die AWS-Cloud transferieren. Das soll die Expansion in weitere Länder wie etwa Belgien, die Niederlande und Frankreich vereinfachen. «Wir wachsen momentan schneller als vorhergesehen», sagt Informatik-Chef Chris Bradford. Mit einem klassischen Provider wäre das nicht möglich. Zudem setzt das Unternehmen mit inzwischen mehr als 300 000 registrierten Arbeitnehmern auf künstliche Intelligenz, um den Arbeitgebern möglichst genau zu sagen, wer am besten auf die offene Stelle passt.

BSC Young Boys

Der Rückhalt von zahlungskräftigen Sponsoren ist für den Erfolg einer Fussballmannschaft zentral. Die Berner Young Boys wollen ihren Geldgebern das Leben darum so leicht wie möglich machen und haben ihr Sponsorenmanagement digitalisiert. Seit vergangenem Jahr setzt der aktuelle Schweizer Meister auf Microsoft Dynamics 365. Statt Kundendaten in Excel-Dateien zu verwalten wie zuvor, können die YB-Mitarbeitenden diese jetzt zentral speichern, bei Bedarf darauf zugreifen und ein konstantes Partnernetzwerk aufbauen.