Manuel Kunzelmann. Als die Migros bekannt gab, wen sie an die Spitze ­ihrer Bank berufen hatte, mussten die meisten erst einmal googeln. Und sich mit dem Wenigen zufrieden geben, was sie fanden: Basler, 45 Jahre alt, Strategiechef bei der Basellandschaftlichen Kantonalbank. Und so sprachen sie dann eher über die Person, die dieser Kunzelmann ablösen sollte: Harald Nedwed, ebenfalls Basler, ewige 17 Jahre Chef der Migros Bank.

Kunzelmann war das wohl gar nicht so unrecht, denn noch muss er sich an seine neue Rolle gewöhnen. Aus der Baselbieter BLKB direkt an die Spitze der bilanzmäs­sigen Nummer acht der Schweizer Retailbanken. Er habe den Wechsel nicht gesucht, sagt er. Er sei angefragt worden. Doch in Liestal munkelt man, Kunzelmann habe das Langfristziel CEO schon länger vor Augen gehabt. Der Basler weiss, was er will, und sagt es auch. Die Migros Bank habe in den letzten Jahren einen sehr guten Job gemacht und sei gut aufgestellt, sagt er. Erste Ideen für Neues hat er auch schon, behält sie aber noch für sich.

Kunzelmann hat klare Vorstellungen davon, wie sich das Banking entwickelt. Man müsse aufhören, alles selbst machen zu wollen, und sollte auch auf Partnerschaften setzen. Für vollständige Eigenentwicklungen hätten die Banken mit Blick auf die zu erwartende Wettbewerbsdynamik gar keine Zeit mehr. «Neue Akteure wie die Fintechs Revolut und N26 zeigen, wie schnell sich beispielsweise das Basisgeschäft verändern kann.»

Das ist es, was man offenbar auch am Migros-Sitz in Zürich suchte: offenes Banking, dynamisches Management, neue Ideen. Kunzelmann soll frischen Wind in die höchst rentable, allerdings nicht mehr allzu agile Bankentochter bringen.

Nedwed hinterlässt eine solide Bank

Harald Nedwed hinterlässt seinem Nachfolger ein grundsoldies Werk. In seinen 17 Jahren hat er der Migros Bank Strukturen, einen modernen Auftritt und eine Strategie verpasst. Aus der Sparkasse, die mit guten Wechselkursen um Kunden buhlte, formte er eine Universalbank. Und was die Aktionärin Migros besonders freut: Unter Nedwed stieg der Gewinn um 180 ­Prozent auf 200 Millionen Franken an. Aus 1 Franken Erlös verbleiben der Bank mehr als 50 Rappen Bruttogewinn.

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Kunzelmanns Job ist es, die Bank weiterzuentwickeln. Sei es im Firmenkunden- und Anlagegeschäft, mit dem man offenbar noch nicht zufrieden ist. Sei es regional über neue Filialen, wie die Bank eben ge­rade angekündigt hat. Kunzelmann soll die Bank in Innovation schulen. Denn genau das war sein Job in Liestal.

Dabei ist Kunzelmann we­der gelernter Banker noch studierter Ökonom wie Nedwed. Nach der Handelsmittelschule startet er bei der Post im Marketing. Nach ­einem Studium an der Fachhochschule wechselt er zur UBS. Zuerst als Inhouse-Consultant und Projektmanager, dann als Manager im globalen Strategiebereich und zuletzt als Segmentsmanager für Hypotheken und Lombardkredite.

2009 holt ihn der damalige BLKB-Chef und frühere UBS-Mann Beat Oberlin nach Liestal. Bald wird er mit strategischen Projekten betraut. Er sei mit Zukunftsorientierung und einem klaren Kopf aufgefallen, erzählt Oberlin. Und mit Durchhaltewillen. Zwei Jahre lang habe er an ­einer Erdbebenversicherung gearbeitet, welche die Bank inzwischen fest in ihr Hypothekarprodukt eingebaut hat.

2017 übernimmt der CS-­Banker John Häfelfinger die BLKB und befördert Kunzelmann in die Geschäftsleitung. Der Geschäftsbereich Strategie und Marktleistungen wird ihm auf den Leib geschneidert. «Faktisch war er der COO, auch wenn es diesen Titel bei uns so nicht gibt», sagt Häfelfinger. Andere in der Bank bezeichnen ihn als «Schatten-CEO».

Robo-Banking und Versicherungen

Die wichtigen Projekte der Bank laufen alle über «Kunzis» Tisch. Er entwickelte die über Swissquote vertriebene Online-Hypothek sowie die Kooperation mit dem Robo-­Vermögensverwalter True Wealth, an dem die BLKB finanziell beteiligt ist, und lanciert Versicherungsangebote zusammen mit dem Broker Anivo und der Baloise. «Wir haben aufgezeigt, wie man eine Bank öffnen und so für den Kunden und das Unternehmen Nutzen schaffen kann», sagt Kunzelmann. Dabei sei Öffnung nicht nur eine Frage der technischen Umsetzung und der Schnittstellen, sondern auch eine der Kultur. «True Wealth hat bei uns die Vermögensverwaltungspalette mit einem Drittprodukt ergänzt. Das war zeitweise schon auch eine interne Belastungsprobe.»

Kunzelmanns Führungsqualitäten werden von vielen gelobt – ob von Kollegen oder Vorgesetzten. Er sei ein scharfer Analytiker, der nur vorantreibe, was sich auch lohne, hört man. Er sei «menschlich sehr gut», aber auch ein harter Verhandlungspartner.

«Manuel Kunzelmann ist ein guter ­Talentförderer, der seine Spezialisten auch in den Aufsichtsgremien der Bank positioniert hat», sagt BLKB-Chef Häfelfinger. «Er hat die ideale Kombination aus Mut, Verstand und ganz viel Herz.»

Auch Oberlin stellt ihm ein gutes Zeugnis aus. «Ich würde ihn jederzeit wieder anstellen.» Kunzelmann sei kein Selbstdarsteller, sagt er. «Davon gibt es in unserer Branche ja mehr als genug.»

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