Amazon hat im vergangenen Jahr stark von den Restriktionen, die die Pandemie nach sich zieht, profitiert. Während Einzelhändler ihre Läden aufgrund des angeordneten Lockdowns ganz oder teilweise schliessen mussten, übertraf Amazon im vierten Quartal 2020 nicht nur die Erwartungen der Analysten, sondern sogar die eigenen, ambitionierten Vorgaben. Der erzielte Umsatz von 125.56 Milliarden US-Dollar stellt einen Meilenstein dar und übertraf das Vorjahresquartal um mehr als 44%.

Microsoft Azure macht Amazon Konkurrenz

Auf der Höhe des Erfolgs kündigte nun der Gründer Jeff Bezos, seinen Rückzug vom Chefposten im laufenden Jahr an. Zwar bleibt Bezos als Vorsitzender des Verwaltungsrats dem Unternehmen weiterhin erhalten, das operative Geschäft soll künftig jedoch Andy Jassy leiten. Genau wie Bezos ist auch Jassy ein Urgestein der Amazon Familie.

Seit 1997 im Unternehmen und seit 2003 Chef der Sparte Amazon Web Services (AWS), die für etwa 10% des Umsatzes sorgt. AWS ist mit über einem Drittel Marktanteil der weltweit grösste Anbieter von Cloud Services, wuchs aber zuletzt deutlich schwächer als die Konkurrenz von Microsoft.

Während AWS im Vergleich zum Vorjahresquartal um 29% wuchs, schaffte es Microsoft in diesem Segment mit dem Zugpferd Azure die Umsätze um 48% zu steigern. Mit der Aufgabe des Chefpostens bei AWS, wird es für Jassy schwieriger werden, diesen Trend umzukehren und die Vormachtstellung in diesem Segment zu verteidigen.

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Geschäft mit Drittanbietern boomt

Eine weitere Herausforderung für den neuen CEO ist das Geschäft mit Drittanbietern, welche ihre Waren über Amazon verkaufen. Während dieser Geschäftsbereich mittlerweile 22% des Umsatzes von Amazon ausmacht und im letzten Quartal um 50% wachsen konnte, besteht ein Qualitätsproblem bei den Verkäufern, die überwiegend aus China kommen.

Christos Maloussis ist Market Analyst und Premium Client Manager bei der IG Bank.

Christos Maloussis ist Market Analyst und Premium Client Manager bei der IG Bank.

Quelle: ZVG

Mit Waren minderer Qualität könnte Amazon von den eigenen Kunden haftbar gemacht werden und würde sich somit angreifbar machen. Jassy wird also den Spagat zwischen weiterem Wachstum im Billigsegment und der Gewährleistung von Mindeststandards bei der Produktqualität meistern müssen, wenn er dieses fulminante Wachstum in diesem Segment aufrechterhalten will.

Arbeitsbedingungen vs. Automatisierung

Auch die Arbeitsbedingungen bei Amazon bleiben ein offenes Thema, welches der neue CEO angehen muss. Automatisiert er die Abläufe in den Lagerhallen weiter, wird er zwar die Gewinnspannen verbessern, jedoch den Unmut der Konsumenten auf sich ziehen.

Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter wird auf der anderen Seite das Image des Unternehmens verbessern, jedoch die Gewinnspannen belasten. Auch hier wird Jassy eine richtungsweisende Entscheidung treffen müssen.

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Zu guter Letzt wird die grösste Herausforderung der Zukunft für Jassy wohl der wachsende politische und rechtliche Druck in den USA, Europa und vielen anderen Ländern bleiben.

Die Forderungen der Politik auf eine Reduzierung der Marktmacht dürften sich weiter intensivieren und dürften letztlich das E-Commerce-Geschäft beeinträchtigen. Um eine Zerschlagung des Unternehmens zu vermeiden, wird Jassy künftig viel Zeit für diese Problemen aufbringen müssen und somit eine Gefahr für das künftige Wachstum darstellen.

Aktienkurs konsolidiert

Amazons Aktien haben sich im vergangenen Jahr nahezu verdoppelt und markierten im September ihr vorläufiges Allzeithoch bei 3.552 US Dollar. Nach der Ankündigung des Wechsels in der Chefetage fiel der Aktienkurs zunächst. Die Aussicht, dass Bezos nicht ganz aus dem Unternehmen ausscheiden wird, scheint den Markt mittlerweile beruhigt zu haben.

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Aktuell befindet sich die Aktie weiterhin in einer intakten steigenden Dreiecksformation, die eine Konsolidierungsphase darstellt. Sollte der Aktienkurs über den oberen Widerstand bei etwa 3.400 US Dollar ausbrechen, dürfte zügig das alte Allzeithoch getestet werden.

Eine Anschlussbewegung bis mindestens in den 50% / 61.8% Fibonacci Extension Bereich bei 3.800 / 4.100 US Dollar scheint dann möglich. Sollte der Kurs jedoch unter die untere Begrenzung des Dreiecks brechen, dürfte ein Test des Zwischentiefs von Ende September bei 2.872 US Dollar anstehen.

Andy Jassy übernimmt in diesem Jahr die Führung des gemessen an der Marktkapitalisierung viertgrössten Unternehmens der Welt auf einem vorläufigen Höhepunkt. Ob er in die grossen Fusstapfen von Jeff Bezos treten kann, wird sich zeigen.

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