Der Befund ist erschütternd. Privatanleger erzielen im Schnitt eine um 3 Prozentpunkte schlechtere Rendite als der Weltaktienmarkt. Das hat der Ökonom Andreas Hackethal von der Goethe-Universität Frankfurt herausgefunden. Er analysierte dafür weltweit die Kundendaten von Online-Banken, zusammen mit Kollegen.

3 Prozent sind viel: Während der Weltaktien-Index im Schnitt der letzten Jahrzehnte mit 5 Prozenten rentierte, blieben dem durchschnittlichen Privatanleger nur 2 Prozent. Dieser würde also viel besser fahren, wenn er passiv in einen Fonds investieren würde, der sich am Weltindex orientiert.

Es ist nicht das erste Resultat dieser Art. Vergleiche zeigen immer wieder, dass der typische Privatanleger an den Finanzmärkten miserabel abschneidet. Er ist sich dessen aber häufig nicht bewusst. Gemäss Studien merkt der durchschnittliche Privatanleger nicht, wie schlecht seine Performance ist. So haben etwa niederländische Forscher im letzten Frühling gezeigt, dass Marktteilnehmer sich vor allem an ihre positiven Investment-Ergebnisse erinnern und weniger an ihre Misserfolge.

Die Psyche ist ein schlechter Ratgeber

Es fällt dem privaten Investor wohl auch nicht auf, was mit hoher Wahrscheinlichkeit die Ursache der mageren Rendite ist: seine Emotionen. Gefühle wie Gier und Angst, Freude und Enttäuschung sind häufige Begleiterscheinungen beim Geldanlegen. Wenn man sich dieser Gefühle nicht bewusst wird, entscheidet die Psyche mit, wann welche Titel gekauft werden, wie lange sie gehalten und wann sie wieder abgestossen werden.

Aber die Psyche ist ein schlechter Ratgeber. Wer sich von ihr leiten lässt, hat schlechte Karten hinsichtlich der Rendite. Es drohen eigentliche Psychofallen, in die Privatanleger immer wieder tappen und die den Investitionserfolg mindern.

Podcast: Diese Fehler machen Börsen-Anleger am meisten

An den Aktienmärkten lauern viele Fallstricke. Wie vermeiden Anleger die grössten Probleme? Antworten im Podcast.

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Lange ging man in den Wirtschaftswissenschaften vom «Homo oeconomicus» aus, einer durch und durch rationalen Person, die alle relevanten Informationen kennt und Entscheidungen alleine mit dem Verstand trifft. Als Folge dieses Menschenbilds müssten die Finanzmärkte zu 100 Prozent effizient sein. Denn alle verfügbaren Informationen und Ereignisse wären den Marktteilnehmern bekannt. Die Aktienkurse wären darum bis ins Letzte begründbar und würden nie von der angemessenen Höhe abweichen, so die Vorstellung.

Doch in den letzten Jahrzehnten setzte sich in den Wirtschaftswissenschaften die Erkenntnis durch, dass Menschen nicht nur mit dem Kopf entscheiden, sondern auch mit dem Bauch. Emotional geprägte Verhaltensmuster, die bis in die Steinzeit zurückreichen, beeinflussen das wirtschaftliche Geschehen. So auch an der Börse: Es gibt Schätzungen, wonach 80 Prozent der Marktaktivitäten das Resultat emotional getriebener Entscheidungen sind. Deshalb sind die Marktteilnehmer immer in Gefahr, über psychologische Fallstricke zu stolpern.

Problem Selbstüberschätzung

Eine der wichtigsten Psychofallen ist die Selbstüberschätzung. Wir bilden uns ein, bestens informierte Marktteilnehmer zu sein, relevante Entwicklungen erkennen zu können und immer zu wissen, welche Aktien das grösste Aufwärtspotenzial haben. Wir trauen uns zu, die besten Schnäppchen zu erkennen, und wir meinen, klüger als die anderen zu sein. Es gibt eigentliche Optimisten an den Finanzmärkten, die Erfolge immer sich selber zuschreiben und Misserfolge mit Pech und Zufall abtun.

Die Selbstüberschätzung führt zu einem riskanten Anlageverhalten. Man setzt auf einige wenige Titel, von denen man sich viel verspricht, statt das Portfolio breit abzustützen. Auch jagt man vermeintlichen Megatrends hinterher, von denen man angeblich weiss, dass sie sich lohnen. Vor allem, wenn die Märkte allgemein steigen, fördert das die Selbstüberschätzung, weil der aktuelle Erfolg einem scheinbar recht gibt. Die nächste Börsenbaisse kommt aber bestimmt, und dann ist der Schaden angerichtet.

Finanzmärkte sind nicht kontrollierbar

Die Selbstüberschätzung tendiert dazu, hartnäckig zu sein. Sie nimmt oft gar noch zu, je mehr Zeit seit einem Ereignis vergangen ist.

Eng mit der Selbstüberschätzung verknüpft ist die Kontrollillusion. Sie bezeichnet das Gefühl, den Erfolg beim Anlegen steuern zu können und das Portfolio jederzeit im Griff zu haben. Aber die Finanzmärkte sind ein komplexes System, das niemand durchschauen kann. Kein Mensch kann kontrollieren, was passiert, ja nicht einmal die Entwicklung vorhersehen. Es gibt lediglich Strategien, um mit einiger Wahrscheinlichkeit an Aufwärtstrends zu partizipieren und Verluste zu begrenzen.

10 typische Psychofallen

  1. Herdentrieb: Wer an der Börse immer so agiert wie die anderen, verpasst Chancen und übersieht Gefahrensignale.
  2. Gier: Wer an der Börse immer die höchste Rendite einfahren will, wird dazu verleitet, jedem Tipp hinterherzulaufen – was meist im Misserfolg endet.
  3. Angst: Wer bei fallenden Kursen sogleich in Panik gerät und sein Depot räumt, sollte besser in festverzinsliche Papiere statt in Aktien investieren.
  4. Heimatliebe: Wer vor allem in Titel des eigenen Landes investiert, ist schlechter diversifiziert und verzichtet auf Renditechancen im Ausland.
  5. Ungeduld: Wer Aktien aus Freude über erste Gewinne sofort verkauft, verpasst mögliche grössere Chancen.
  6. Einseitige Wahrnehmung: Wer immer nur das zur Kenntnis nimmt, was ihn in seiner Meinung bestärkt, hält zu lange an schlecht gehenden Aktien fest und verkauft gut gehende zu früh.
  7. Trotz: Wer trotzig an den getroffenen Entscheidungen festhält, obwohl sich die Kurse anders entwickeln, und bei fallenden Kurse gar noch zukauft, hält schlecht gehende Aktien zu lange und wirft schlechtem Geld oft gutes hinterher.
  8. Freunden vertrauen: Wer sich vor allem an den Tipps und Empfehlungen von Freunden und Kollegen orientiert, vertraut zu wenig auf die eigene Urteilsfähigkeit.
  9. Selbstüberschätzung: Wer wegen Erfolg an der Börse seine eigenen Fähigkeiten überschätzt, neigt dazu, sein Geld in zu riskante Anlagen zu investieren.
  10. Verlustaversion: Wer schlechte Gefühle wegen realisierten Verlusten vermeiden will, bleibt zu lange in Verliereraktien investiert.

Eine weitere Psychofalle ist der Ankereffekt. Dazu ein Experiment: Versuchspersonen sollten schätzen, wie hoch der grösste Riesenmammutbaum ist. Der einen Hälfte wurde 366 Meter vorgeschlagen. Die durchschnittliche Schätzung lag dann bei 257 Meter. Der anderen Hälfte der Probanden wurde 55 Meter vorgeschlagen. Sie schätzten die Höhe des Baumes auf 86 Meter. Das zeigt, dass eine numerische Vorgabe das Urteil beeinflussen kann. Zahlen können als Anker wirken, an denen man sich orientiert – auch wenn sie völlig irrelevant sind.

Früherer Kurs ist irrelevant

Auch an der Börse wirkt dieser Effekt. Wenn eine Aktie zuerst bei 20 Franken steht, einige Tage später aber bei 25 Franken, dann empfinden wir 25 Franken als teuer und kaufen nicht. Ist der Kurs umgekehrt von 30 auf 25 Franken gefallen, gehen wir von einem Schnäppchen aus und kaufen den Titel. Es ist aber so, dass ein früherer Kurs nichts darüber aussagt, ob ein späterer Kurs angemessen ist. Auch haben wir die Tendenz, uns bei einem gekauften Titel ständig am Einstandspreis zu orientieren, obwohl dieser – nach dem Kauf – eigentlich keine Bedeutung mehr hat

Ein wichtiger psychologischer Fallstrick ist der Herdentrieb. Man triff immer die Entscheidung, die andere Marktteilnehmer schon vorher getroffen hat. Wenn eine Aktie viel gekauft wird, kauft man auch. Wenn sie viel verkauft wird, stösst man sie ebenfalls ab. Das muss nicht unbedingt falsch sein, schliesslich heisst es ja «der Trend ist dein Freund». Aber wenn man sich mit der Herde bewegt, besteht das Risiko, ständig zu spät zu sein. Jeder Aufwärtstrend hat einmal ein Ende, und wenn es ein verrückter Aufwärtstrend ist, kann es böse enden. «Kaufe, wenn die Kanonen donnern, verkaufe, wenn die Violinen spielen», sagt eine Börsenweisheit. Sie regt zum antizyklischen Investieren an.

Es ist aber manchmal schwer, nicht mit der Herde zu gehen. Denn wenn Medien voll sind mit Lobgesängen auf die Börsenentwicklung, die Freunde davon schwärmen und die Kurse immer weiter nach oben gehen, bekommt man irgendwann das Gefühl, dass so viele Stimmen nicht falsch liegen können. Sie können doch – und oft sind die langweiligeren Titel die bessere Investition als die spektakulären.

Eine andere Falle ist das sogenannte Gesetz der kleinen Zahlen. Es geht auf den Psychologen Daniel Kahneman zurück, der 2002 den Wirtschaftsnobelpreis gewonnen hat. Dieses Gesetz bezeichnet die Tendenz, dass man aufgrund einer kurzen Zahlenreihe fälschlicherweise auf langfristige Trends schliesst. Bei der Suche nach lohnenden Investments fällt einem vielleicht eine kurzzeitige Aufwärtsbewegung eines Titels auf. Schon sieht man darin eine Gewinneraktie, die eben begonnen hat, durchzustarten – und kauft dazu. Oft setzt sich der vermeintliche Trend aber nicht fort.

Auch die Verlustaversion zählt zu den Psychofallen. Angenommen, wir haben zwei Aktien gekauft und brauchen nun dringend Geld. Beide Aktien haben 50 Franken gekostet, aber während die eine auf 45 Franken abgerutscht ist, ist die andere auf 55 Franken gestiegen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit verkaufen wir die gut gehende Aktie – in der Meinung, dass es sinnvoll ist, einen Gewinn zu realisieren und in der Hoffnung, dass die schlecht gehende ihren Rückstand aufholen wird. Zu empfehlen ist allerdings, die Aktie im Minus zu verkaufen. Verluste schmerzen aber etwa doppelt so stark, wie Gewinne erfreuen – das hat ebenfalls Daniel Kahneman nachgewiesen. Und angeblich werden Verluste im gleichen Hirnareal verarbeitet, wo auch Schmerzen ankommen. Darum fällt es uns so schwer, sich von schlecht laufenden Titeln zu trennen.

Emotionen lenken uns also meist in die falsche Richtung. Insgesamt führen sie dazu, dass unerfahrene Marktteilnehmer oft bei hohen Kursen kaufen und bei tiefen Kursen verkaufen. Die schlechte Rendite von Privatanlegern ist programmiert.

Wie kann man sich vor Psychofallen schützen und zu einer besseren Rendite kommen? Zuerst einmal sollte man sich der eigenen Gefühlslage bewusst werden. Wichtig sind dabei nicht nur Schmerz und Wut, sondern auch Freude und Begeisterung. Auch positive Emotionen können zu Fehlentscheiden führen.

Auch Märkte verhalten sich irrational

Auch sollte man auf impulsive Transaktionen verzichten. Es ist gut, wenn man über die Absicht, zu kaufen oder zu verkaufen, eine Nacht geschlafen hat. Weiter ist es wichtig, dass man sich nicht nur bei Freunden informiert, sondern bewusst andere Meinungen einholt. Generell sollte man auch diejenigen Informationen zur Kenntnis nehmen, die der eigenen Beurteilung entgegenlaufen. Bei Titeln, von denen alle schwärmen, ist Vorsicht angebracht. Es gilt, die Gier im Zaume zu halten. Empfehlenswert ist dagegen, ein breit diversifiziertes Aktienportfolio zu halten.

Auch Märkte als Ganzes können sich irrational verhalten. Manchmal herrscht Euphorie, und die Kurse gehen immer weiter nach oben, manchmal nimmt Angst überhand, und die Bewertungen sausen in den Keller. Zwar wird die Markteffizienz immer höher. Immer mehr Informationen sind in den Kursen eingepreist. Trotzdem dürften bei vielen Börsenbewegungen psychologische Faktoren hineinspielen.

Als Anleger sollte man sich bewusst sein, dass Irrationalität vorherrschen kann, auch über längere Zeit. Aktien können unterbewertet bleiben, obwohl sie gemäss Kennzahlen längst steigen sollten. «Märkte können länger irrational bleiben, als man Geld hat», hat der berühmte Ökonom John Maynard Keynes einmal gesagt.

«Das Bauchgefühl hat an der Börse nichts zu suchen»

Investoren redeten sich ihre Performance gerne schön, sagt Stefan Zeisberger. Ein Interview über Emotionen beim Anlegen und ihre Risiken. Hier gehts zum Gespräch.

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