Anlässlich des Forum Romand des Schweizerischen Versicherungsverbands haben Sie zum Thema Solidarität und Privatversicherer referiert. Warum?

Als Genossenschaft ist Solidarität für die Vaudoise seit eh und je ein wichtiges Thema und vor allem gelebter Alltag. Zudem basiert das Geschäftsmodell aller Privatversicherer auf Solidarität. Damit meine ich nicht nur die Solidarität unter den Kunden, sondern in Form des Elementarschadenpools auch die Solidarität in der Zusammenarbeit der Versicherer untereinander und mit dem Staat.

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Der Elementarschadenpool ist ja so etwas wie eine «Zwangssolidarität» - ist das nicht ein Widerspruch?

Nein, das ist kein Widerspruch. Denn um grosse Risiken abdecken zu können, braucht es eine grosse Anzahl von Prämienzahlenden - und dazu braucht es ein Gleichgewicht zwischen den Versicherern und den Versicherten. Bei einer individuellen, risikobasierten Prämie besteht die Gefahr, dass sich Eigentümer mit einem tiefen Risiko nicht versichern. Als Versicherungskunden bleiben nur jene Eigentümer übrig, die ein hohes Risiko ausweisen mit höheren Prämien. Das ist negative Selektion. Daher existieren reine Marktmodelle ohne Staatseingriffe praktisch nirgendwo. Die Alternativen sind «Solidarität vor dem Ereignis», mit der Versicherungspflicht, das heisst «Solidarität aus dem Kopf», sowie «Solidarität nach dem Ereignis», mit staatlicher Zahlungsbereitschaft, damit meine ich «Solidarität aus dem Herzen».

 

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Mit dem von der Branche vorgeschlagenen Pandemie-Pool war ein ähnliches Modell für eine Pandemieversicherung angedacht. Dieses wurde vom Bund verworfen. Kommt die Solidarität bei Grossrisiken an Grenzen?

Die Privatversicherer allein könnten diese Risiken unmöglich alle decken. Aber wir wollen mithelfen und zusammen mit dem Staat und der Wirtschaft einen Pandemie-Pool bilden. In diesem Sinne ist die Pandemie ein gutes Beispiel, um aufzuzeigen wie wichtig eine solidarische Partnerschaft zwischen Privaten, dem Staat und den kantonalen Stellen wäre für die Zukunft. Dasselbe gilt auch für die anderen Grossrisiken - nicht alles ist versicherbar, doch wenn wir zusammenarbeiten, können wir machbare Lösungen finden.

Sie arbeiten bereits seit 15 Jahren bei der Vaudoise - ist das auch ein Zeichen der Solidarität?

Ich fühle mich in diesem Unternehmen sehr wohl. Seit ich dabei bin, habe ich viel von diesem Unternehmen erhalten und gebe ihm auch viel zurück. Die Mitarbeitenden leben die Werte der Vaudoise-Gruppe, genau wie ich. 

Ist die Organisationsform auch ein Grund, warum die Vaudoise in Sachen Arbeitgeberattraktivität seit Jahren zuoberst auf dem Treppchen steht?

Ich denke schon. Indem wir unsere Werte nicht nur organisatorisch abbilden, sondern auch wirklich leben, konnten wir das Vertrauen in unsere Arbeitgebermarke in den vergangenen zehn Jahren massiv verstärken, was gerade bei den jüngeren Generationen sehr gut ankommt. Diese möchten nicht einfach arbeiten, sondern fordern eine raison d’être, daher sprechen sie sehr gut auf das Genossenschaftsmodell an.

Vaudoise gilt heute nicht mehr als altmodisch, sondern als dynamisch und partnerschaftlich. Das zeigt sich auch daran, dass wir keine grossen Probleme mehr damit haben, Leute aus der ganzen Schweiz zu rekrutieren. 

Apropos partnerschaftlich - die Vaudoise hat ihre Partnerschaften in den vergangenen Monaten stark ausgebaut. Was ist ihnen als Unternehmen wichtig, wenn Sie Partnerschaften eingehen?

Wichtigstes Kriterium ist, dass sie in unsere Strategie passen. Diese bildet die Rahmenbedingung und gibt uns die Richtung vor. Zudem schauen wir darauf, wo es für uns in einem bestehenden Markt noch Potenzial gibt und wo wir in neue Märkte vorstossen könnten. Wir wollen unseren Kunden komplette Versicherungslösungen anbieten. Wir haben diese Produkte entweder bereits in unserem Sortiment oder wir gehen Allianzen ein, um sie anzubieten.

Dazu zählen zum Beispiel die Partnerschaft im Bereich Zweite-Säule-Produkte mit Swiss Life oder die Krankenkassen-Produkte mit Groupe Mutuel. Auf der anderen Seite wollen wir natürlich auch unsere Lösungen bei den Partnern anbieten. Deshalb schauen wir darauf, ob die Gesellschaft, mit der wir zusammenarbeiten möchten, vertrauensvoll und glaubwürdig ist.  

Eröffnet ihnen die Partnerschaft mit Valiant, die sie im Frühling verkündet haben, neben den neuen Hypothekar-Kunden auch einen Eintritt in die Allfinanz?

Ich möchte betonen, dass es bei dieser Zusammenarbeit ganz klar um das Hypothekargeschäft geht. Ich habe die Allfinanz-Thematik nicht so gern, sie hat einen negativen Touch. Klar diskutieren wir auch über andere Formen der Zusammenarbeit, denn für mich ist klar, dass die Banken und die Versicherer das Beste von beiden Seiten geben müssen, um neue Produkte und Dienstleistungen zu kreieren. Wenn es etwas Schlaues für die Kunden gibt, begrüsse ich die Zusammenarbeit. Ist das nicht der Fall, finde ich das nicht so wichtig. 

Was wären denn solche schlauen Produkte?

Das Lebensversicherungsgeschäft und die klassischen fondsgebundenen Produkte der Banken sind eigentlich nicht so weit voneinander entfernt, vor allem im Lichte des aktuellen Tiefzinsumfelds betrachtet. 

Konkret arbeiten wir an attraktiven Sparprodukten für Kunden über 65. Ob wir diese alleine lancieren oder mit einem Bankenpartner, ist zweitrangig, Hauptsache, sie decken die Bedürfnisse unserer Kunden ab. Ich hoffe, dass wir 2022 mit einem ersten Produkt auf den Markt kommen können.

Und wie ist die Partnerschaft mit Toni Digital und der Migros einzuordnen?

Hier geht es ganz klar darum auszuprobieren, was wir in neuen Märkten machen könnten. Für uns sind solche Partnerschaften wichtig, denn sie beschleunigen unsere Kapazitäten und wir können unser Wissen ausbauen. 

Ist die Zusammenarbeit mit Migros also kein neuer Kanal, um in der Deutschschweiz noch mehr zu wachsen?

Nicht nur, denn wir sind seit über 100 Jahren in der Deutschschweiz. Das Wachstum ist aktuell deutlich grösser als in der Westschweiz und wir werden schon bald die Schallmauer von 200 000 Kunden durchbrechen. Dennoch ist der Kontakt mit der Migros sehr interessant für uns, um in der Deutschschweiz unser Image auszubauen, denn wir fahren nach wie vor eine Schweiz-Strategie und haben Kapazität, um in allen Kantonen zu wachsen. 

Toni Digital ist auch Teil der Digitalisierungsoffensive der Vaudoise. In einem Interview haben Sie erwähnt, dass die Vaudoise mehr als 100 Millionen in die Digitalisierung investieren möchte, um den Kunden ein einzigartiges Erlebnis zu bieten. Was heisst das?

Wir haben unsere Bekanntheit und unser gutes Image ganz klar unseren Aussendienstmitarbeitenden zu verdanken, das möchte ich hier betonen. Dank ihnen ist die Qualität unserer Services sehr hoch. 

Aber ja: für den künftigen Erfolg ist eine Omnikanal-Strategie absolut matchentscheidend und wir müssen unseren Kunden auf allen Kanälen einen top Service bieten. Und natürlich muss der Preis unserer Produkte in allen Kanälen der gleiche sein. Wir sind zurzeit intensiv daran, neue Produkte zu entwickeln und unsere Leute fit zu machen für die digitale Zukunft.

Was heisst das für die Berater?

Beratung bleibt weiterhin wichtig. Wir wollen keine Produkte verkaufen, sondern Beratung, denn an deren Ende kommt sowieso das Produkt. Mit der Digitalisierung wird die systematische Beratung einfach noch viel wichtiger.

Was meinen Sie damit?

Mit der Digitalisierung ist eine Art Wettrüsten entstanden, um die Bedürfnisse der Kunden schon zu kennen, bevor sie selbst ihre Bedürfnisse kennen. Hier müssen wir unsere Berater mit neuen digitalen Tools unterstützen und unsere Daten noch besser auswerten und verwenden.