Der Preis für Rohöl ist am Montag um rund 30 Prozent eingebrochen. Dies ist der grösste Rückgang, seit der erste Golfkrieg im Januar 1991 ausbrach. Im Tagesverlauf erholten sich die Notierungen etwas.

Was ist der Hintergrund?

Es droht ein Wirtschaftsabschwung, ausgelöst durch die Coronakrise. Die Befürchtung daraus: Es braucht weniger Rohöl, weil sich die Konsumenten etwa beim Autofahren oder beim Heizen zurückhalten. Ebenso wird weniger Öl in der Industrie nötig, zur Herstellung von Produkten etwa. Weiter dürfte die Nachfrage sinken, weil viele Flugzeuge am Boden bleiben und kein Kerosin verbrauchen.

Das ist aber nur die eine Seite. Neu und dramatisch ist: Hinzu kommt noch ein Preiskrieg zwischen den grossen Ölförderländern Saudi-Arabien und Russland. Dieser Streit könnte Monate anhalten. Diese beiden Faktoren, Rezessionsfurcht und Preiskrieg grosser Anbieter, drückt massiv auf die Preise.

Rohöl

Ölpreis: Starker Abschwung

Quelle: HZ

Worum geht es bei dem Streit?

Am Freitag war nach drei Jahren eine Absprache zwischen Russland und der Organisation erdölxportierender Länder (Opec) zu Fördermengen im Streit aufgekündigt worden. Russland lehnte es ab, wegen der Coronavirus-Epidemie die Förderung zu drosseln.

Darauf reagierte Saudi-Arabien: Nach dem Scheitern der Gespräche zwischen der Opec und Russland über eine gemeinsame Förderbremse senkte der Wüstenstaat seine Ölpreise. Der staatliche Öl-Konzern Saudi Aramco gab bekannt, den offiziellen Verkaufspreis (OSP) für alle Sorten und alle Abnehmer zusammenzustreichen. So werde der OSP für Lieferungen nach Nordwest-Europa um acht Dollar je Barrel gesenkt.

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Neu also ist: Statt sich wie bisher über Fördermengen abzustimmen und die Weltmarktpreise für Öl massgeblich zu bestimmen - und hoch halten zu könnnen - sind Russland und Saudi-Arabien sowie die anderen Opec-Länder mittlerweile völlig zerstritten.

Was sind die Folgen?

Der starke Preissturz sowie der Streit zwischen den wichtigsten Ölförderländern hat weitreichende Konsequenzen. Zum einen führt die Preissenkung zu niedrigeren Energiekosten – sowohl für Konsumenten als auch die Industrie. Dies erfreut in der Regel die Konsumenten wie Unternehmen und beflügelt ihren Willen, mehr zu verbrauchen. Doch in Zeiten von Corona-Angst könnte dieser Effekt verpuffen. Die sonst zu beobachtende konjunkturelle Stimulierung durch sinkende Ölpreise wäre demnach nicht da.

«Sie wollen raus. Big time. Der Himmel stürzt ein. Raus, raus, solange du noch kannst.»

Auf der anderen Seite nehmen die Einnahmen von Ländern, die stark von Ölverkäufen profitieren, ab. Dazu zählen etwa Nigeria, Irak und Saudi-Arabien und Russland. Derweil könnte der politische Einfluss von Anbietern wie Saudi-Arabien weiter leiden, sollte der Ölpreis für eine lange Zeit auf einem sehr tiefen Niveau verharren.

Gewinner sind hingegen Länder, allen voran China, die sehr viel Rohöl verbrauchen. Ihre Kosten sinken massiv.

Derweil sinken auch die Einnahmen von Rohölkonzernen wie BP und Exxon, entsprechend stark sind ihre Aktienwerte nun unter Druck. Die Aktien von Royal Dutch Shell und BP sanken am Montag Vormittag um über 13 beziehungsweise über 17 Prozent. Auch Währungen von Ölfördernationen wie Norwegen sind stark unter Druck. Derweil steigt der Goldpreis, weil Anleger in turbulenten Zeiten, aus ihrer Sicht sichere Anlageziele suchen.

Wieso krachen die Börsen ein, wenn der Erdölpreis stürzt?

Am Montag rauschten die Aktienkurse stark nach unten. In den USA gaben die Kurse auch aus Furcht vor einer Pleitewelle in der US-Ölindustrie nach. Rein nach Lehrbuch wären tiefere Ölpreise eine Stimulation für die Wirtschaft, obendrein helfen sie, die Inflation im Zaum zu halten. Doch offenbar wird der schlagartige Entscheid der Saudis in der jetzigen Lage vor allem als weiterer Unsicherheits-Faktor wahrgenommen: In dieser Lage werden offenbar die Risiken ernster genommen – etwa die Bedrohungen für gewisse Unternehmen (etwa die teuren amerikanischen Schieferölförderer) oder gewisse Staaten: Was geschieht nun in Venezuela? Was in Mexiko? Was in Nahost? Einige Analysten sprechen am Montag von «Chaos im Markt», viele Börsenhändler wurden überrascht und fragen sich, mit welchen Ölpreisen sie nun rechnen sollen.

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«Die Idee, dass tiefere Benzinpreise den Arbeitnehmern mehr Geld in die Taschen bringen und damit via Konsumausgaben die Wirtschaft ankurbeln, scheint den Schlag für die Aktienanleger nicht zu dämpfen», sagte Chris Rupkey, ein Finanzmarktstrategie der MUFG Union Bank, in der Nacht gegenüber CNBC. «Sie wollen raus. Big time. Der Himmel stürzt ein. Raus, raus, solange du noch kannst.»

Welche Ölsorten gibt es?

Es gibt viele verschiedene Sorten von Rohöl, die wichtigsten sind West Texas Intermediate (WTI) in den USA und die europäische Sorte Brent. Wichtigster Spieler im Ölmarkt ist die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC). Ihr gehören vierzehn Staaten an, die damit ein Ölkartell bilden. Führende Opec-Mitglieder wie Saudi-Arabien verfügen über grosse Ölvorräte und bestimmen mit ihrer Förderpolitik, wie sich die Preisentwicklung entwickelt. Die wachsende Bedeutung von Schieferölförderung, besonders in den USA, und das damit verbundene Mehrangebot hat allerdings in den vergangenen Jahren den Einfluss der Opec reduziert.

 

(mit Agenturen)