«Das Potenzial der Schweizer, die hier Ferien machen, ist beschränkt.»: Das sagten Sie im Dezember dem «Blick». Würden Sie diese Aussage jetzt so auch noch machen?
Die Situation hat sich natürlich dramatisch verändert. Wenn die Reisebeschränkungen im Sommer andauern, werden hoffentlich viel mehr Schweizer in der Schweiz Ferien machen.

Janine Bunte Schweizer Jugendherbergen

Janine Bunte leitet seit Anfang 2019 die Schweizer Jugendherbergen. Die ausgebildete Buchhalterin war vorher für die Finanzen im Unternehmen zuständig und ist seit 1996 bei der Organisation.

Quelle: ZVG

Hören sie im Podcast «HZ Insights»: «Ferien 2020: Reisen oder annullieren?»

Glauben Sie, dass Schweizer Gäste die Betten füllen werden, die normalerweise ausländische Gäste belegen?
In einem normalen Sommer war der Schweizer Anteil bei uns schon immer hoch. Da sehen wir die Möglichkeit, die Logiernächte der ausländischen Gäste zu kompensieren.

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Aber sobald die Schweizer Schulferien vorbei sind, wird das nicht mehr möglich sein. Im September und Oktober haben wir für gewöhnlich einen hohen Anteil ausländischer Besucher – die kommen jetzt sehr wahrscheinlich nicht.

Wie stark werden die Übernachtungszahlen sinken? Anfang Jahr hatten Sie noch das Ziel, um drei Prozent zu wachsen.
Das war damals ein realistisches Ziel. Im Januar und Februar lagen wir um zehn Prozent im Plus. Der Schweizer Tourismus befand sich in einem hervorragenden Lauf, wir hatten neun Prozent mehr Buchungen fürs ganze Jahr als zum gleichen Zeitpunkt 2019. Wir hätten das Ziel locker erreicht.

Dann kam uns die Corona-Krise dazwischen, nun haben wir bereits über einen Monat keine Logiernächte. Das werden wir nicht mehr aufholen können. Im besten Fall haben wir dreissig Prozent Einbussen, im schlechtesten Fall bis zu achtzig Prozent.

Die Schweizer Jugendherbergen

- In der Schweiz gibt es 52 Jugendherbergen. Drei weitere werden demnächst eröffnet, in Burgdorf, Laax und Schaan/FL.

- Die Betriebe zählen über 723'030 Übernachtungen pro Jahr (2018). Fast 70 Prozent der Gäste kommen aus der Schweiz. Die wichtigsten ausländischen Herkunftsländer sind Deutschland und Südkorea.

- Mehr als 20 Prozent der Gäste sind Familien, Gruppen machen weitere fast 18 Prozent aus.

- Das Durchschnittsalter der Gäste ist rund 40 Jahre.

Treffen bereits Buchungen für den Sommer ein?
Ja, und deshalb hoffen wir, dass das Sommergeschäft stattfinden kann. Aber es gibt natürlich weniger Buchungen als sonst zu dieser Zeit.

Werden die Jugendherbergen 2020 einen Verlust machen?
2019 erzielten wir ein kostendeckendes Ergebnis, unsere Organisation steht entsprechend gut da. Wie 2020 ausfällt, hängt vom Zeitpunkt der Öffnung ab. Im Januar und Februar konnten wir uns zum Glück ein Polster für die Einbussen von März und April erarbeiten.

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Aber das Ergebnis des Vorjahrs zu erreichen, wird schwierig. Unsere Fixkosten fallen in jedem Fall an, und wir sind nicht gewinnorientiert. Wir werden deshalb nicht mit den Preisen nach oben gehen.

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Jugenherberge in Richterswil: Vor allem bei Familien sind die Betriebe beliebt.

Quelle: mischa scherrer

Werden Sie weniger Gäste empfangen können? Jugendherbergen haben auch Mehrbettzimmer – da dürfte es schwierig werden, im Normalbetrieb die Sicherheitsmassnahmen einzuhalten.
Unsere 17 Topbetriebe sind der Hotelkategorie zugeordnet, dort können wir die Hygieneregeln problemlos einhalten. Bei den anderen rund dreissig Betrieben müssen wir die Zahl der Betten leicht verkleinern.

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Massenschläge, wie man sie von früher kennt,  haben wir ohnehin praktisch keine mehr.

Haben Sie die Hoffnung aufgegeben, dass diesen Sommer noch ausländische Gäste kommen werden?
Wann die Grenzen geöffnet werden, kann ich auch nicht sagen. Es heisst, es liefen Verhandlungen zwischen der Schweiz, Deutschland und Österreich, inwieweit man den Reiseverkehr im Sommer zulasse. Das ist natürlich eine spannende Möglichkeit. Aber im Moment wissen wir noch nicht einmal, in welcher Form wir in der Schweiz reisen werden.

Haben die Menschen Lust, in die Ferien zu reisen? Viele haben noch Bedenken, überhaupt das eigene Haus zu verlassen.
Das hängt davon, ob unsere Branche glaubhaft machen kann, dass der Gesundheitsschutz sichergestellt ist. Ich habe Verständnis, dass Menschen, die zur Risikogruppe gehören, lieber in der Isolation bleiben.

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Doch die letzten Wochen haben in der Bevölkerung die Lust aufs Reisen geweckt. Es war für alle schwierig, wir konnten uns nicht gross bewegen und haben viel Zeit auf engem Raum verbracht. Gerade Familien, in denen die Kinder jetzt ständig zu Hause waren, haben den Drang, einen Tapetenwechsel vorzunehmen. Sie benötigen positive Erlebnisse.

Dann werden Ihre Gäste dieses Jahr im Schnitt jünger sein, weil ältere Menschen vermehrt auf Besuche verzichten?
Das ist gut möglich. Aber Besucher aus den Risikogruppen bleiben bei uns willkommen – wir vermindern durch unsere Schutzmassnahmen die Gefahr, sich anzustecken. Am Schluss muss jeder Mensch selbst entscheiden, welche Risiken er oder sie eingehen will.

«Die Campingplätze füllen sich bereits»

So präsentiert sich die Lage:

Auf den 24 Campingplätzen des TCS

- Seit dem letzten Wochenende sind die Buchungszahlen in die Höhe geschnellt - «Wir gehen davon aus, dass es vor allem Stammgäste sind, welche ihre Sommerferien absichern wollen», schreibt der Chef TCS Camping, Oliver Grützner.

- Die Campingplätze hoffen, dass Sie die fehlenden ausländischen Gäste mit Schweizer Campern wettmachen können. In einem normalen Jahr belegen Inländer fast achtzig Prozent der TCS-Plätze.

In den Bed&Breakfasts

- Bis jetzt treffen erst vereinzelt Buchungen ein. «Der grössere Boom kommt erst, wenn der Bundesrat grün Licht zum Reisen innerhalb der Schweiz gibt», schreibt Dorette Provoost, Chefin von Bed and Breakfast Switzerland.

- In einem normalen Jahr kommt die Hälfe der Gäste aus der Schweiz. Dieses Jahr könnte der Anteil der Inländer auf 70 Prozent steigen. Dies reicht aber wohl nicht aus, um den Wegfall der ausländischen Gäste zu kompensieren.

In den 13 Feriendörfer der Reisekasse/Reka

- Reka hat noch wenige Reservierungen erhalten. «Die Buchungstätigkeit ist nach wie vor extrem tief», schreibt Reka-Chef Roger Seifritz.

- In einem normalen Jahr kommen 85 Prozent der Gäste aus der Schweiz. Reka sieht die Chance, mit zusätzlichen inländischen Gästen das Ausbleiben der Ausländer dieses Jahr ausgleichen zu können.

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Der Tourismusverband will einen klaren Fahrplan des Bundesrats über die Öffnung. Sie haben sich als Vertreterin der Parahotellerie diesem offenen Brief angeschlossen. Was fordern Sie genau?
Wir forderten mit dem Aufruf mehr Planungssicherheit für unsere Branche. Das ist auch für die Bevölkerung wichtig: Sie muss wissen, dass Ferien in der Schweiz möglich werden.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat toll reagiert und für kommenden Sonntag einen Tourismusgipfel einberufen. Dort werden wir Gelegenheit haben, unsere Bedürfnisse direkt mit der Bundespräsidentin zu besprechen.

Schweiz Tourismus wirbt für 20 Millionen Franken für Ferien im eigenen Land. Ist diese Investition sinnvoll? Sollten die Touristiker das Geld nicht aufsparen, um später wieder ausländische Gäste anzulocken? Diesen Sommer sind Auslandsferien vermutlich sowieso nicht möglich – Ferien in der Schweiz sind die einzige Option.
Die Bewerbung von Schweiz-Ferien sind auch dieses Jahr sehr wichtig. Nicht alle Schweizerinnen und Schweizer kennen sich mit den vielfältigen Reiseangeboten in der Schweiz aus. Wir unterstützen diese Aktion sehr.

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Wo wollen Sie dieses Jahr Ferien machen?
Ich bin ein grosser Schweiz-Fan, und verbringe meine Ferien ohnehin meistens hier oder im grenznahen Ausland. Aber ich weiss noch nicht, wie viel  Zeit ich dieses Jahr dafür haben werde. Wir sind in einer ausserordentlichen Situation, da haben die Bedürfnisse unserer Organisation für mich Vorrang.