Massenarbeitslosigkeit, Konsumeinbruch, Nachfrageeinbruch – die Folgen der Corona-Pandemie sind schwerwiegend und belasten Volkswirtschaften rund um die Welt massiv. Auch in der Schweiz überholen sich die Wirtschaftsforscher gegenseitig mit immer düstereren Prognosen.

Wie es nun weitergeht nach dem Lockdown, hängt nicht nur vom Virusverlauf ab – sondern auch davon, wie schnell sich die Wirtschaft wieder erholen kann. Die erste Frage lautet: Wie steht die Schweiz da am Ende des fatalen Jahres 2020?

Wachstum: Wir werden etwas ärmer sein

Damit aus dem derzeitigen Wirtschaftseinbruch keine lang anhaltende Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit wird, müssen Wirtschaft und Konsum in den nächsten Wochen wieder spürbar anziehen. Immerhin: Die Wirtschaftspolitik des Bundes habe dafür eine gute Grundlage gelegt, sagen die Ökonomen der UBS.  

Auf der anderen Seite befürchten die Experten des Bundes Schlimmstes: Die Wirtschaftsleistung werde um fast 7 Prozent einbrechen, prognostiziert das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Zum Vergleich: 2019 war die Wirtschaft mit 1,4 Prozent noch vergleichsweise moderat gewachsen. Es wäre der heftigste Wachstumseinbruch seit 1975 – als die Ölkrise in der Schweiz einschlug. In einem Worst-Case-Szenario geht das Seco von einem Einbruch von mehr als 10 Prozent aus. Nämlich dann, wenn der Shutdown verlängert werden muss – etwa aufgrund einer neuen Infektionswelle – und die wirtschaftliche Erholung im zweiten Halbjahr ausbleibt.

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Arbeitslosigkeit: Es trifft alle Branchen

So dramatisch wie in anderen Teilen der Welt – etwa den USA – ist die Lage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt bisher nicht. Doch bereits im März ist die Arbeitslosenquote von 2,5 auf 2,9 Prozent gestiegen, obwohl der Bundesrat erst am 16. März den Shutdown anordnete. Ende April waren dann insgesamt 153’000 Menschen arbeitslos. Derzeit sind rund 1,9 Millionen Angestellte von 187’000 Unternehmen für Kurzarbeit angemeldet.

So federt die zügig eingeführte Kurzarbeitsregelung die Folgen der Corona-Krise deutlich ab: Ohne sie würden laut Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) bis zum Sommer bis zu 550’000 Menschen ihre Arbeit verlieren – das entspräche einer Arbeitslosenquote von mehr als 10 Prozent.

Daher rechnen die Seco-Ökonomen auch nur mit einem eher moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit auf rund 4 Prozent in diesem und im nächsten Jahr – macht 180’000 bis 190’000 Personen ohne Job.

Die ersten Tendenzen im Frühjahr zeigen, dass der Anstieg sich recht gleichmässig verteilt – sowohl über die Altersgruppen als auch über die Branchen hinweg. So sprang die Arbeitslosigkeit auch in Sektoren wie dem Bau oder den Banken nach oben, obwohl diese gar nicht direkt betroffen waren durch den Lockdown.

Konsum: Wir werden wohl vorsichtiger sein

Selbst wenn Geschäfte und Restaurants allmählich wieder öffnen, bleibt die Unsicherheit über die wirtschaftliche Lage und mögliche künftige Jobverluste hoch. Der private Konsum wird nach offiziellen Schätzungen in diesem Jahr mit 7,5 Prozent also massiv einbrechen

Und damit fällt eine wichtige Konjunkturstütze weg: Selbst zu Zeiten der Finanzkrise sorgten die konsumfreudigen Schweizer dafür, dass die Wirtschaftsleistung 2009 nicht noch stärker abrutschte. Es gibt aber auch Experten, die nicht ganz so schwarz sehen: Der Konsum könnte auch rasch wieder anziehen, wenn es denn keine weitere Welle von Corona-Infektionen gibt.

In China, wo die ganze Entwicklung etwas früher verlief, zeichnet sich ein erstes Muster ab: Bei den Luxusgütern brummt das Geschäft wieder; bei vielen normalen Produkten – etwa Kleidern und Möbel – gibt es aber enorme Zurückhaltung.

Verschuldung: Steuerfragen und Sparprogramme

Klar ist, dass Staaten, Unternehmen und Privathaushalte sehr viel höher verschuldet aus dieser Krise kommen werden. Der Bund hat ein Hilfspaket von insgesamt 62 Milliarden Franken aufgelegt, um die Wirtschaft zu stützen. Das entspricht 9 Prozent des BIP. Sollte es hart auf hart kommen, besteht nach Ansicht einiger Experten aber noch Spielraum. Bis zu 125 Milliarden lägen drin, sagt etwa die UBS.

Zumal die Staatsverschuldung in der Schweiz mit rund 45 Prozent gemessen am Bruttoinlandprodukt im internationalen Vergleich ziemlich niedrig ist. Damit ist die Schweiz auch besser auf eine möglicherweise länger andauernde Rezession vorbereitet als andere Länder, die bereits vor der Krise hoch verschuldet waren. 

Wenn Menschen ihren Job und damit ihr Einkommen verlieren, können sie nicht nur weniger konsumieren, sondern müssen sich schlimmstenfalls auch verschulden. Die Schweiz ist zwar eines der reichsten Länder der Welt, gleichzeitig ist aber kein anderes Volk so hoch verschuldet. Die helvetische Schuldenstandsquote liegt derzeit bei 128 Prozent – was bekanntlich am stetig wachsenden Hypothekarvolumen liegt.

Bereits vor der Corona-Pandemie waren die Privatschulden weltweit bedenklich hoch gewesen: In den vergangenen fünf Jahren stiegen sie fast auf das Niveau von vor der Finanzkrise 2008, errechnete der «Global Wealth Report 2019» von Allianz. Besonders stark verschuldet sind Privathaushalte in den USA und auch in Asien – dort vor allem in China. Zu einer Welle von Konsum-Pleiten dürfte es hierzulande aber nicht kommen, denn der hohen Verschuldung stehen auch grosse Vermögen gegenüber.

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Pleiten: Mehrarbeit für die Konkursämter

Weniger gute Finanzpuffer haben einige Unternehmen. Viele werden sich weiter verschulden müssen – weltweit sind die Unternehmensschulden auf Rekordniveau. In der Corona-Krise verschärft sich das Problem – bis zur Zahlungsunfähigkeit

Einige Firmen könnten die Krise daher nicht überleben. Im März ist die Zahl der Konkurse zwar laut dem Wirtschaftsinformationsdienst Bisnode noch um 13 Prozent gesunken, aber über 412 Betriebe eröffneten Konkurs. Und für die kommenden Monate erwarten die Experten eine massive Zunahme der Insolvenzen.

Wie gut Unternehmen durch die Krise kommen, hängt auch stark davon ab, wie hoch ihre finanziellen Polster sind. Das grösste Insolvenzrisiko besteht einer Untersuchung von Avenir Suisse zufolge in der Hotellerie und in der Reisebranche. 

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Weltwirtschaft: Weitere Erschütterungen

Wie sich die Schweizer Wirtschaft in Zukunft entwickelt, hängt in starkem Masse auch davon ab, wie es dem Rest der Welt geht. Als Exportland ist die Schweiz auf die Nachfrage aus dem Ausland angewiesen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert einen Einbruch der Weltwirtschaft von 3 Prozent – der grösste Einbruch seit der Grossen Depression in den 1930er Jahren.

Auch die Europäische Kommission zieht den Vergleich zur Great Depression. Sie schätzt, dass die Wirtschaft der Euro-Zone dieses Jahr um 7,7 Prozent schrumpft und sich auch 2021 nicht vollständig erholt. Die Arbeitslosenrate dürfte auf rund 9,5 Prozent in diesem Jahr ansteigen. 

Wenn die grössten Handelspartner in Europa und die USA einbrechen, bekommt das auch die Schweiz zu spüren. Die Exporte von Schweizer Firmen werden laut Seco-Schätzungen dieses Jahr um satte 10,7 Prozent einbrechen.

Kommt die Schweiz mit einem blauem Auge davon? 

Eine Prognose abzugeben, wie es Ende des Jahres aussieht, ist fast unmöglich. Denn niemand weiss, wie schnell sich die Wirtschaft von diesem Schock erholen kann und ob es zu weiteren Infektionswellen kommt, die eine Erholung hinauszögern würden. Der Blick an die Börsen verrät: Die Investoren scheinen nicht so düster in die Zukunft zu blicken wie manche Ökonomen. Denn seit dem Crash von Ende März, als die Pandemie-Massnahmen eingeführt wurden, hat eine Erholungsrally eingesetzt.

Die Chance, dass die Schweiz mit einem blauen Auge davonkommt und aus der Rezession keine Depression wird, stehen nicht schlecht. Die niedrige Staatsverschuldung und die Kurzarbeit als Instrument, um einer hohen Arbeitslosigkeit vorzubeugen, sind gute Voraussetzungen, um das Land durch die Krise zu bringen. Klar ist aber auch: Das Wirtschaftswachstum dürfte auf Jahre hinaus niedrig bleiben, denn Firmen werden auch hierzulande weniger investieren und die Menschen weniger konsumieren. 

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