Der Bundesrat müsse ganz laut sagen: «Ihr dürft wieder raus und einkaufen, wenn ihr euch an die Hy­gienemassnahmen haltet!» Diesen dringlichen Appell lanciert Severin Pflüger an die Adresse der Landes­regierung. Der Grund? «Ohne ein starkes Signal seitens des Bundesrates ist die ­Gefahr gross, dass der wirtschaftliche Neustart zum Reinfall wird.» Heute Donnerstag fällt der Entscheid dazu.

Pflüger ist Direktor des einflussreichen Verbands Schweizerischer Filialunternehmen (VSF). Er vertritt unter anderem H&M, Ikea, Esprit, PKZ, Tally Weijl, Dosenbach-Ochsner, Beldona, Mediamarkt, McOptic, Orell Füssli, Mobilezone und Bucherer. Der Non-Food-Detail­handel generierte bis zur Schliessung Mitte März rund 4 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung. Alle diese Ketten würden gerne ihre Läden am 27. April wieder ­öffnen. Rund 30 000 Angestellte könnten wieder zur Arbeit gehen.

Doch haben laut Pflüger immer mehr Anbieter Bedenken: «Was ist, wenn wir öffnen und niemand kommt?» Auslän­dische Beispiele, etwa in Schweden und Dänemark, wo die Läden offen geblieben sind, zeigen, dass die Leute aus lauter Angst zu Hause bleiben. Die dortigen ­Filialen des Detailhandels erzielen bloss noch 30 bis 40 Prozent der Umsätze – und dies trotz gesundheitlichen Schutzmassnahmen wie Distanzpflicht, Plexiglasscheiben und Maskentragpflicht.

Mit einem halbierten Umsatz aber können Filialbetriebe weder Löhne noch Mieten noch die laufenden Rechnungen bezahlen. «Zieht sich dies über Monate hin, geht die halbe Branche bankrott», warnt Pflüger. «Nur wenn die Behörden klar sagen, dass sich unter den neuen ­Hygieneregeln die Ansteckungsgefahr beim Einkaufen stark minimiert, wird der Neustart gelingen.»

Neun Branchen appellieren an den ­Bundesrat

Dennoch steckt Pflügers Verband den Kopf nicht in den Sand. Er vertritt eine von neun Branchen, die über den Gewerbeverband ein Restart-Konzept eingereicht haben, darunter Coiffeure, Autohändler, Papeterien, Schuhverkäufer, Sportartikelverkäufer, Fotografen, Fahrlehrer und die Fitnessbranche. «Jetzt liegt es am Bundesrat, zu entscheiden, ob wir am 27. April starten können», sagt Coiffure-Suisse-Präsident Damien Ojetti.

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Die Konzepte nennen die Schutzmassnahmen jeder Branche. Sie wollen zeigen, dass Kunden bedient werden können und trotzdem vor Ansteckungen weitgehend geschützt bleiben. «Grundsätzlich ist in vielen Branchen eine Zwei-Meter-Wirtschaft möglich», sagt die Gewerbeverbandssprecherin Corinne Aeberhard.

Je näher der Kunde am Anbieter, desto schwieriger die Umsetzung, Beispiel ­Coiffeure. Sie berühren ihre Kunden und müssen deshalb fast wie Chirurgen bei einer Operation zum Haare- oder Bartschneiden antreten: Maske, Plexiglasschutzbrille, Wegwerfschutzkleidung und Wegwerfhandschuhe. Die Salons sollen die Zahl der Plätze halbieren, um den Zwei-Meter-Abstand zu gewährleisten.

Dies heisst aber auch, dass nur halb so viele Angestellte wie vor dem Lockdown antreten können. Dies heisst wiederum für den Betreiber, mit einem stark reduzierten Umsatz rechnen zu müssen. «Nur wenn wir solche Vorkehrungen treffen, haben wir überhaupt eine Chance auf Wiedereröffnung», sagt Ojetti. Doch auch er sieht den Erfolg nicht garantiert: «Nur wenn die Leute nicht aus Angst zu Hause bleiben, wird der Neustart Erfolg haben.» Mit anderen Worten: Die ganzen Massnahmen bringen nur etwas, wenn die Leute sich wieder hinauswagen.

Vertrauensverlust hemmt die Nachfrage

«Es ist ein totaler Vertrauensverlust eingetreten, der die Nachfrage hemmt», sagt der Freiburger Ökonom Reiner ­Eichenberger. Die Schuld dafür trage der Bundesrat. «Er hat den Leuten einen derart grossen Schrecken vor dem Virus eingejagt, dass jetzt viele selbst auf wichtige Güter und Dienstleitungen verzichten, die im Kontakt mit Menschen besorgt werden.» Der Bundesrat müsse einen Ausweg finden, sonst werde eine extreme Krise die Wirtschaft erfassen, viel länger als vom Bund bisher vorausgesagt.

Dass die Schweiz auf diesem Weg ist, zeigen die Aussagen des Chefs Wirtschaftspolitik beim Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, Eric Scheidegger. Am Samstag sagte er, man gehe «von einer schwereren Rezession aus als bisher angenommen». Es drohe ein Rückgang des Bruttoinlandprodukts von bis zu 10,4 Prozent. Damit ist das vor einer Woche präsentierte Szenario einer raschen Erholung, eines V-Verlaufs der Kurve des Bruttoinlandprodukts, bereits Makulatur.

Viel wahrscheinlicher ist ein L-Verlauf, das heisst ein lang anhaltendes ­Absacken. Die Folge? «Entlassungswellen, Firmenbankrotte oder Kreditausfälle häufen sich.» Jeder 14. dürfte arbeitslos werden und viele Menschen dürften ­dauerhaft ihr Einkommen und Vermögen verlieren: «Es entstehen sehr grosse ­permanente Wohlstandsverluste», beschreibt der Bundesrat die Folgen.

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Quelle: BFS, SECO, Expertengruppe Konjunkturprognosen
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Dass es bei einer Zwei-Meter-Wirtschaft nur schwer aufwärts gehen dürfte, zeigt der Streit um die Gewerbemieten für behördlich stillgelegte Lokale. «Mit den geltenden Abstandsvorschriften des Bundes können die allermeisten Mieter ihre bisherigen Umsätze nicht mehr erreichen. Nach der Wiedereröffnung werden viele der bisherigen Mietzinsverein­barungen obsolet», sagt der Vizepräsident des Verbands der Geschäftsmieter, Armin Zucker. «Die Mieten müssen massenweise nach unten korrigiert werden.»

Selbst Branchen, die vom Shutdown nicht betroffen waren, könnten nicht auf Dauer mit Abstandsregeln arbeiten. Dies zeigen die Schilderungen des Präsidenten des Schreinermeisterverbandes, Thomas Iten. Man könne noch ganz gut arbeiten – trotz Hygieneregeln, sagt er. Zu schaffen machten die Abwesenheit von Mitarbeitern, die sich vorsorglich in Quarantäne begeben – in seinem Betrieb sind es 9 Prozent der Belegschaft –, und die Distanz zum Kunden.

«Es ist schwierig, mit Bauherren die Details per Video zu besprechen.» Auch seien gewisse Arbeiten aufgeschoben, weil man den Abstand nicht einhalten könnte. «Ewig können wir die nicht aufschieben, sonst sind wir blockiert.» Er spricht von drei bis vier Wochen.

Bundesrat steht am Scheideweg

Ökonom Eichenberger sagt, der Bundesrat stehe an einem Scheideweg: «Entweder schenkt er dem Volk reinen Wein ein und entscheidet sich für eine gelenkte Immunisierung mit höheren Ansteckungs­raten als heute. Oder er hält am bisherigen Kurs fest und führt die Schweiz in den wirtschaftlichen Abgrund.» Dazu brauche es aber weit mehr als tausend getestete Ansteckungen pro Tag.

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Das Volk müsse auf eine zweite Ansteckungswelle vorbereitet werden, die wohl höher, aber weniger ­dramatisch als die bisherige ausfalle. «Wir haben die Spitalkapazitäten ausgebaut. Sie sind nicht ausgelastet. Also können wir wesentlich mehr Leute sich anstecken ­lassen, als dies heute der Fall ist.»


Er räumt mit dem Dogma des Bundesrates auf, dass eine Wiederansteckungszahl von eins – also dass eine Person eine andere ansteckt – die richtige Strategie sei. Laut Epidemiologen sind bisher rund 3 Prozent der Bevölkerung infiziert worden. Nötig wären aber 70 Prozent, um das Virus auszuhungern. «Würden wir die Immunisierung weiter so langsam durchführen, sind wir in einem Jahr ruiniert.»

So weit dürfe man es nicht kommen lassen, sagt auch Pflüger von den Filialhändlern. In einer Übergangsphase seien Massnahmen sinnvoll, um das Ansteckungs­risiko zu bremsen. Doch der Bundesrat müsse möglichst rasch die Normalität anstreben und die Leute aus den Häusern ­lassen. «Sonst kommen wir mit unserer Zwei-Meter-Wirtschaft nirgends hin.»

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