Wegwerfsäcke aus Plastik sind eine ökologische Zumutung, deshalb gehören sie verbannt: Diese Logik führt in ganz Europa zu nationalen Gesetzen, regionalen Verboten und diversen Gebühren. In der Schweiz beugten sich schon alle politischen Instanzen über die Raschelsäckli, bis hin zum Bundesrat, und die Grossverteiler greifen seit 2017 durch: Wer solch ein Säcklein will, bezahlt in der Regel fünf Rappen.

Die Theorie dahinter ist einfach: Man benötigt die Dinger einmal, wirft sie dann weg und macht bestenfalls Müll; schlimmstenfalls vergiftet man irgendwelche Fische.

Weniger Säcke, mehr CO2-Schleudern

Aber die Realität ist komplexer. Dies zeigen neue Daten, zu finden im «Journal of Environmental Economics and Management»: Sie erinnern daran, dass die Menschen entgegen der oberflächlichen Idee die dubiosen Tüten oft mehrfach verwenden, für alle möglichen Zwecke – zum Einwickeln, für Abfall, zum Aufbewahren von Gemüse, als Windelsäckli oder um die Hinterlassenschaften des Hundes verschwinden zu lassen.

Dann aber sieht die Rechnung plötzlich anders aus. Denn dann bedeutet ein Verbot: Man ersetzt die Raschelsäckli. Und zwar wählt man dazu gern dickwandigere und grössere Plastiksäcke. 

Erarbeitet wurden die Daten von Rebecca Taylor, einer Ökonomin aus Sydney. Sie wertete Zahlen von Detailhändlern in Kalifornien aus. Denn der Westküstenstaat verfügte 2016 als erster ein Verbot für Carryout Bags.

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Tatsächlich, so Taylors Hochrechnung, gingen danach 18 Millionen Kilo weniger an Wegwerftüten über die Ladentische. Doch auf der anderen Seite wurden 5,5 Millionen Kilo mehr andere – und bedenklichere – Plastiksäcke verkauft. So sprang der Absatz von 15-Liter-Säcken um 125 Prozent hoch. Zur Einordnung verweist Taylor auf eine ältere britische Studie, laut der ein dickerer Plastiksack eine mindestens 9fach schlimmere CO2-Schleuder ist als ein Raschelsäckli. Die Gesamtrechnung ist dann einfach.

Carryout Bags

Gewaltiger Sprung: Verkäufe von Plastiksäcken nach dem Verbot von «Carryout bags» in Kalifornien.

Quelle: Taylor, 2019, https://doi.org/10.1016/j.jeem.2019.01.001, CC BY-ND

In jener Untersuchung aus London kam übrigens auch heraus, dass man im Lebensmittelladen über 130mal ein Einweg-Säckli nehmen müsste, um den Klimaschaden einer Jutetasche zu toppen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Natürlich sind die kalifornischen Daten kaum auf die Schweiz übertragbar. Insbesondere ist es hier nicht üblich, die Plastiktüte aus Migros oder Coop am nächsten Tag mit dem Güsel auf die Strasse zu stellen – ein sehr wichtiger Unterschied. Und notabene empfiehlt Ökonomin Taylor zur Lösung des Dilemmas just das, was sich hierzulande durchzusetzen scheint, nämlich eine kleine Schutzgebühr: Sie würde die Einmal-Verwendung begrenzen, ohne gleich die Mehrfachverwender in grössere Umweltfrevler zu verwandeln.

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Am Ende ist der Fall aus hiesiger Sicht also vor allem ein Lehrstück: Er zeigt wieder einmal anschaulich, wie Politiker mit ihren Gesetzen unbeabsichtigte Nebenwirkungen auslösen. Und wie rasch sie mit richtigen Zielen schräge Anreize setzen.