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Management
Die neue Mächtige bei Migros

Migros-Managerin Sarah Kreienbühl
Sarah Kreienbühl ist seit Anfang 2018 bei Migros an Bord und verantwortet zahlreiche Dossiers. Quelle: Valeriano Di Domenico

Sarah Kreienbühl spielt beim Umbau des Detailhandelsriesen eine zentrale Rolle. Ihr Stil: wenig zimperlich.

Von Stefan Barmettler
am 23.11.2018

Und wieder landet ein Dossier – die Gesundheitsplattform iMpuls – im Einflussbereich von Sarah Kreienbühl. Und wieder habe man es ihr angetragen. Mittlerweile ist die 48-jährige Managerin für ganz vieles im Mi­gros-Konzern zuständig: Sie ist ­Personalchefin in einem Unternehmen mit gut 105'400 Mitarbeitenden, gebietet über das Kulturprozent, das alljährlich 120 Millionen Franken vergibt, sie führt die wichtige Konzernkommunikation, lenkt den Migros-Verlag, der das « Migros Magazin» mit 2,3 Millionen Lesern verbreitet. Sie ist für die Klubschulen zuständig, für den Geschäfts­bericht, für das Gottlieb Duttweiler Institut, für die Parks im Grünen, die Monte-Generoso-Bahn, den Förderfonds Engagement und das Migros-Kunstmuseum in Zürich.

Die Fülle an Dossiers zeigt: Mi­gros-Generaldirektorin Kreienbühl, erst Anfang 2018 zum Detailhändler gestossen, ist im Schnellzugtempo zur zentralen Führungsperson aufgestiegen. Sie geniesst das Vertrauen von Konzernchef Fabrice Zumbrunnen und hält dem Chefstrategen den Rücken frei. Er hat ihr die Kommunikation übertragen, die ansonsten usanzgemäss beim Chef angesiedelt ist. So war es auch bei Zumbrunnens Vorgänger Herbert Bolliger. Manch einer fragt sich intern erstaunt, wie eine Quereinsteigerin, die bis Ende letzten Jahres bei der Hör­gerätefirma Sonova wirkte, derart zügig arrondieren konnte.

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Kreienbühl hat an der Uni Zürich Psychologie studiert. Sie sagt von sich, sie sei effizient, lösungsorientiert, strukturiert. Ihre beiden Pulte lassen auf Ordnung schliessen, alles hat seinen Platz, der funkelnde Thermos­krug mit dem heissen Wasser für den Tee steht an der Tisch­kante, die Pultuhr im Blick. Die ­einzige Dissonanz im Eckbüro auf Etage 19 sind zwei halboffene Handtaschen auf einem Stuhl.

Ambitioniert ist Kreienbühl zweifellos. Anfang der 1990er Jahre war sie Schweizer Meisterin, Europameisterin und Weltmeisterin im Boogie-Paartanz. Mittlerweile ist sie als Outdoor-Performerin unterwegs: Ihr Ziel ist es, alle Viertausender des Landes zu besteigen, wobei bereits die Hälfte (24) erklommen sind. Die letzte Route führte sie auf die Dufourspitze. Nebenher will sie mit dem Rennvelo sämtliche ­Alpenpässe (112) traversieren. Im «Migros Magazin», wo die Migros- Kommunikationschefin seit Anfang Jahr bereits zwei grosse Interviews gab, sagte sie: «Ich bin nicht auf der Jagd nach Trophäen, sondern geniesse das Erlebnis, ohne Ablenkung und mit wenig im Rucksack unterwegs zu sein.»

Nicht erstaunlich, dass bei der Gipfelstürmerin das Gefühl aufkommt, bei der Migros gehe es etwas langsam zu und her. Für gestandene Migros-Mitarbeitende ist die Topmanagerin derweilen eine Herausforderung: Sie redet vielenorts rein, treibt an, ist sehr direkt, kontrolliert fürs Leben gerne, setzt sich in Szene – und schreibt beim Zeitungsinterview ihre Antworten fleissig um.

Migros-Managerin Sarah Kreienbühl
Sarah Kreienbühl in der Migros-Zentrale in Zürich.
Quelle: Valeriano Di Domenico

Gewinneinbruch bei der Migros

Manche in der Mi­gros-Zentrale in Zürich sind verunsichert. Denn im Hochhaus Limmatplatz, wo der Migros-Genossenschafts-Bund untergebracht ist, fliegen die Späne. Es wurden Projekte angestossen, Arbeitsgruppen formiert, Analysen vorangetrieben, Teams fusioniert, Leute umgetopft, abgebaut, frühpensioniert und entlassen. Vorgänge, die man bei der Genossenschaft, die den Begriff des sozialen Kapitals erfand, in dieser Intensität nicht kennt.

Der Startschuss fiel Anfang Jahr, als Zumbrunnen dem Topmana­gement den Ernst der Lage erklärte und ein Fitnessprogramm ankündigte. Online-Handel, Einkaufstourismus und Kleinanbieter setzen dem Detailhandel zu. Der Gewinn ist letztes Jahr um fast einen Viertel eingebrochen. Dass dringender Handlungsbedarf besteht, wissen eigentlich alle, die im Detailhandel unterwegs sind. Alle? In der «Sonntagszeitung» sagte Kreienbühl kürzlich, sie hätte bei der Migros «eine Organisation angetroffen, in welcher viele Mitarbeitende Veränderungen nicht gewohnt waren».

Zuerst war das Programm Neue Arbeitswelt, das für mobile Arbeitsplätze und Grossraumbüro steht. Darüber legte sich das Fast-Forward-Programm, dem 290 Mitarbeitende aus allen Direktionen – oder 10 Prozent der Mitarbeitenden in der Zentrale – zum Opfer fallen. Die kommunikative Begleitung dieses Kraftaktes wird von vielen Internen als schwach bemängelt. Darauf lassen ein Dutzend Wortmeldungen aus dem Personal schliessen, die in den letzten Wochen bei der «Handelszeitung» eingingen.

Kontrollaktion beim Telefon

Nicht zur Vertrauensbildung beigetragen hat, dass eine Audit-Firma gerufen wurde, um Telefonkontakte von Mitarbeitenden zu überprüfen. Knackt es heute in einer Telefonleitung, wird intern schon mal gefrotzelt, da sei wohl wieder ein Horchtrupp am Werk. Sarah Kreienbühl, oberste HR- und Kommunikationschefin, möchte sich zu Fragen der «Handelszeitung» nicht äussern. Gemäss ihrer Ankündigung in der «Sonntagszeitung» sollen die medialen Botschaften aus der Mi­gros künftig «aus einem Guss daherkommen und auf allen Kanälen konsistent sichtbar werden».

Konsistent und vor allem maximal kon­trolliert, wie eben eine Pressemitteilung zur Neuausrichtung der ­Migros-Kulturförderung vermuten lässt. In fetten Buchstaben wurde darin betont, dass die Migros seit 1957 total 4,7 Milliarden Franken in die Kulturförderung gesteckt habe. Beim zweifellos verdienten Eigenlob ging allerdings vergessen, dass beim Projekt Kulturprozent auch vier Arbeitsstellen gestrichen werden. Es kommt zu einer Kündigung und drei Frühpensionierungen. Auch beim Künstler-Residenz-Projekt namens Arc, das ebenfalls durch das Kulturprozent finanziert wird, gibt es wenig zu ­feiern. Da heisst es bloss: «Wir schlies­sen ­unsere Türen Ende 2018.»

Womöglich treffen hier ja nur zwei Sphären aufeinander, die sich noch annähern müssen: Hier die Top-down-Welt von Sonova, die von Quartalsergebnis und Börsenperformance getrieben ist. Dort die Konsenskultur einer komplexen Genossenschaft, die höchste Reputationswerte geniesst.

Diese Differenz sieht Kreienbühl nicht. Es gebe mehr Parallelen, als man denkt, sagte sie im «Migros Magazin»: «Beide Unternehmen sind in der Schweiz verankert und wurden stark von Pionieren geprägt.» Sonova von Andy Rihs, die Migros von Gottlieb Duttweiler.
Und was meinte der Migros-Gründer in seinem Vermächtnis: «Alles, was die Treuhänder des ­Genossenschafter-Volkes tun, muss von diesem Volk gewusst werden dürfen – bis ins Letzte.» Eine Maxime, die im Migros-Hochhaus kaum mehr gilt.