Handelszeitung
Bernie Ecclestone

Bernie Ecclestone: «Ich wurde gefeuert»

Von Stefan Barmettler und Marcel Speiser
am 20.10.2018
Quelle:

Freiwillig ist er nicht gegangen. Ex-Formel-1-Patron Bernie Ecclestone über Risiko und Erfolg, über Putin und seine Liebe zur Schweiz.

Wie verdienten Sie ihre ersten Pennys?
Bernie Ecclestone: Als Bub trug ich in Dartford östlich von London jeden Tag zwei Tageszeitungen aus. Die waren richtig dick und schwer. Heute würde ich den Job gerne wieder machen, weil die Blätter viel dünner sind. Es wäre leichter verdientes Geld (lacht).

Ihr Vater war Fischer, Sie haben es zum Milliardär gebracht. Ihr Masterplan?
Bin ich Milliardär? Es tönt wenig schmeichelhaft für mich, aber ich hatte keine Langfriststrategie. Ich entschied immer schnell. Gerade für börsenkotierte Firmen wäre es schwierig, wenn oben einer sitzt, der rasch entscheidet und auf Umsetzen drängt. Normale Firmen haben einen Zeithorizont von drei Jahren, deshalb sitzen in der Chefetage mehr Bürokraten als echte Unternehmer. Schrecklich.

Also keinen Masterplan, keine Vision?
Opportunitäten liegen mir besser. Wenn ich eine Chance sehe, wird nicht gefackelt. Dann packe ich zu. Es gibt viele Manager, die von sich behaupten, genial zu sein. Ich würde eher sagen: glückliche Fügung. So wars auch bei mir. Ein Genius muss man nicht sein, Passion und Zupacken genügen.

Auch kein Geschäftsgeheimnis?
Nein, und wenn, ist es simpel: Kauf günstig, verkauf teuer – und dazwischen: Halt die Kosten tief. Daran hielt ich mich.

Sie haben vierzig Jahre den Formel-1-Rennsport aufgebaut und dominiert. Haben Sie was verpasst auf Ihrem Weg?
Nein, ich habe zugeschlagen und keine Risiken gescheut. Aber eben: Ich war kein Genius, sondern sah überall Opportunitäten. Es gibt zweifellos viele Leute, die besser sind als jene, die erfolgreich sind – aber sie haben irgendetwas verpasst. Das ist wie bei der Miss Universum.

Sie sind zum dritten Mal verheiratet und haben Expertise.
Miss Universum wird nicht die hübscheste Frau auf dem Planeten, sondern jene, die ihre Chance packt, engagiert ist – und Glück hat. Vermutlich gibt es auch im Rennsport tolle Fahrer, aber sie erhalten nie die Gelegenheit, in einen Formel-1-Wagen zu steigen.

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Wie wurden Sie zur Rennsportlegende?
Eine Legende bin ich nicht. Ich bin ein bescheidener Mensch. Und ich durfte auf die Unterstützung von grossen Persönlichkeiten zählen – von Enzo Ferrari, aber auch von Colin Chapman, dem Chef von Lotus.

In einer Ihrer Biografien steht: Mit Bernie zu geschäften, ist ganz einfach: Man muss verlieren können.
Stimmt nicht. Ich habe geschaut, dass meine Geschäftspartner glücklich bleiben und ihr Geld verdienen.

Klingt schön, aber ist es die Wahrheit?
Ich habe ja die allermeisten Formel-1-Rennen dieser Welt lanciert, mit zwei Ausnahmen: Monte Carlo und Monza. Den Chefs der Rennstrecken habe ich am Anfang gesagt: Wenn ihr das Risiko nicht eingehen könnt, auch mal Verluste einzufahren, dann lasst es bleiben.

Es funktionierte?
Absolut. Wir haben nie schriftliche Verträge abgeschlossen, sondern alles per Handschlag besiegelt. Ich habe ihnen auf den Weg gegeben: Ich halte mich an die Abmachungen, aber ich akzeptiere auch, wenn ihr mal eure Meinung ändert und aussteigt. Es ist nie passiert. Daraus schliesse ich, dass sie zufrieden waren.

Sie bliesen im Sommer 2017 zum Rückzug und gaben die operative Führung der Formula One Group ab. Wie ging das?
Ich wurde gefeuert. Zum ersten Mal in meinem Leben, weil ich ja sonst nie angestellt war. Ich hatte mich in der Vergangenheit immer selber angestellt.

Ein harter Abgang?
Nein, aber der Zeitpunkt war überraschend, obwohl ich merkte, dass etwas in der Luft lag. Ich trage ja eigentlich nie eine Krawatte, aber als mich die Verantwortlichen des neuen Eigners Liberty Media zu einer Sitzung sehen wollten, zog ich einen Anzug an. Zuerst sagte man mir, man habe am Vortag die Formula One Group gekauft, worauf ich gratulierte. Dann erklärte man mir, ich müsse als Chef zurücktreten, weil ein anderer meinen Job übernehmen würde.

The Boss

Name: Bernard «Bernie» Charles Ecclestone

Funktion: langjähriger Chef der Formula One Group

Alter: 87

Familie: zum dritten Mal verheiratet, drei Kinder

Ausbildung: Chemiestudium an der Woolwich Polytechnic School

Karriere:

1946 bis 1951: Motorradhandel mit Compton & Ecclestone

ab 1955 Manager von Rennwagenteams

1971 bis 1988: Besitzer des Brabham-Rennstalls

1974 bis 1996: Präsident Formula One Constructors’ Association

1996 bis 2017: CEO Formula One Group

seit 2017: Chairman Emeritus

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