Bernie Ecclestone

Bernie Ecclestone: «Ich wurde gefeuert»

Von Stefan Barmettler und Marcel Speiser
am 20.10.2018 - 06:56 Uhr
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Freiwillig ist er nicht gegangen. Ex-Formel-1-Patron Bernie Ecclestone über Risiko und Erfolg, über Putin und seine Liebe zur Schweiz.

Wer einen Wagen kauft, will ihn auch selber fahren. Das gilt auch bei der Formula One, für die Liberty Media immerhin 3,3 Milliarden Dollar hinblätterte.
Absolut, dafür habe ich vollstes Verständnis. Weil ich noch nie gefeuert worden war, erschien ich angesichts der Einmaligkeit in Anzug und Krawatte.

Was kann der neue Formula-One-Chef Chase Carey besser als Sie?
Keine Ahnung. Warten wir ab.

Haben Sie dem Rennsport den Rücken für immer gekehrt?
Nein, ich bin bis 2020 unter Vertrag. Zudem gehe ich oft an die Rennen.

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Welche Aufgaben haben Sie noch? Ehrenpräsident?
Keine, ausser: aus dem Weg gehen (lacht). Ernsthaft: Ich will die Formula One weiter wachsen sehen. Wer etwas aufbaut, will sicher nicht, dass es zusammenfällt. Also tue ich noch ein paar Dinge, um die Formula One zu promoten. Aber das Umfeld hat sich sehr stark geändert. Wenn früher Leute an die Rennen kamen, haben sie sich für Details der Motoren interessiert. Heute geht es nur noch darum, ob Lewis oder Sebastian auf dem Podest steht.

Liberty Media schloss eben einen Kontrakt mit der Interregional Sports Group über 100 Millionen Dollar ab, um Wettfirmen als Sponsoren an die Rennen zu bringen. Sie waren stets gegen Sponsoring-Verträge mit dieser zwielichtigen Industrie.
Es geht nicht um mich, ich habe überhaupt nichts gegen das Wettgeschäft. Ich wusste aber, dass andere Sponsoren – etwa Rolex – nicht sehr glücklich gewesen wären. Viele Sponsoren waren wählerisch, wenn es darum ging, neue Marken an Bord zu holen. Man schätzte eine hohe, glamouröse Positionierung.

Die anrüchige Wettbranche und die edle Rolex: ein No-Go?
Wie gesagt: Wettfirmen sind okay. Kentucky Fried Chicken oder McDonald’s sind auch tolle Firmen, aber sie waren nie im Zirkel der Sponsoren, weil sie nicht optimal zu den anderen Marken gepasst hätten.
 

«Ich hab bis 2020 einen Vertrag. Meine Aufgabe: aus dem Weg gehen.»

Bernie Ecclestone

Also lieber den Vermögensverwalter UBS vom Zürcher Paradeplatz als den Hähnchenbrater aus Kentucky?
Absolut. Ich wollte die Formula One in einem höher positionierten Umfeld. Der neue Eigner der Rennserie verfolgt offenbar eine andere Markenstrategie.

Der ehemalige UBS-Chef Oswald Grübel brachte die Grossbank an die Rennstrecke.
Ich hatte mit ihm ein herzliches und langjähriges Verhältnis.

Sie wurden kritisiert, weil Sie Rennen durchführten an Orten, die nicht für einen ausgeprägten Sinn für Demokratie bekannt sind, etwa Aserbaidschan.
Diese Kritik an meiner Person hat mich nie gestört. Sie ist auch sachlich unfair.

Bernie Ecclestone
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In Baku sitzen keine Demokraten.
Als Baku zum Thema für ein Rennen wurde, wussten die allermeisten Leute gar nicht, wo das lag. Unter uns gesagt: Ichgehörte auch dazu. Und dann wurden Behauptungen über das Land in die Welt gesetzt, die falsch waren. Als ich die Teams 2017 nach dem ersten Rennen in Baku befragte, waren alle begeistert von den Leuten, dem Land, der Rennstrecke.

Ihr nächstes Ziel: Schweizer Bürger?
Ich wurde immer als ein in der Schweiz Domizilierter angeschaut und habe seit über dreissig Jahren eine Niederlassungsbewilligung C.

Und dann der rote Pass?
Es gibt keine Notwendigkeit für einen Schweizer Pass. Aber was klar ist: Ich bewundere dieses Land und bin begeistert, wie die Schweiz politisch geführt wird. Heute betrachte ich die Schweiz mehr als meine Heimat als Grossbritannien.

Ihr nächster Job, den Sie anstreben: Bürgermeister von Gstaad?
Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Immerhin habe ich mich oft für die Schweiz und Gstaad starkgemacht. Ich kann Ihnen verraten, dass ich das Domizil der Formula One Group einst von London nach Gstaad oder Genf holen wollte. Aber ichstiess in London auf Widerstand.

Machtwechsel in der Formel 1

Die Formula One Group, Ausrichterin der Formel-1-Rennen, gehörte der US-Beteiligungsfirma Delta Topco. Ihr Präsident war Nestlé-Manager Peter Brabeck, CEO Bernie Ecclestone. Anfang 2017 übernahm der US-Konzern Liberty Media die Mehrheit und löste Ecclestone ab. Das Gespräch mit ihm fand am Rande des SMG Forum 2018 statt.

Formula one boss Bernie Ecclestone walks through the starting grid before the Canadian Grand Prix auto race Sunday, June 13, 2010, in Montreal. (AP Photo/The Canadian Press,Paul Chiasson)
Quelle: Markus Senn

Acht der elf Rennställe haben ihren Sitz in England. Wird es mit dem Brexit einen Exodus geben?
Sehe ich überhaupt nicht. Ich setzte mich bei der Abstimmung persönlich ein, und zwar für einen Austritt aus der EU.

Kein Umdenken nach den chaotischen Brexit-Verhandlungen?
Nein. Der Ärger kommt höchstens von den britischen Diplomaten, die den Brexit mit Brüssel miserabel verhandeln. Wir müssen den Leuten klarmachen, dass England ein unabhängiger Staat ist und selber entscheiden will. Wenn wir Produkte verkaufen wollen, dann soll es den Europäern freigestellt sein, ob sie die Waren kaufen wollen oder nicht. Das gilt natürlich auch in umgekehrter Richtung. Ich bin durchaus für Freihandel, aber dafür brauche ich die EU. Es macht keinen Sinn, dass in Brüssel ständig neue Vorschriften erfunden werden, an die sich England halten muss. Und dann vergessen wir nicht, dass Europa bloss ein kleiner Teil der Welt ist. Es gibt noch viele andere Orte, die viel stärker wachsen und erfolgreicher sind.

Die Risiken eines harten Brexit sehen Sie nicht?
Ich bin überzeugt, dass England das richtige Niveau der Funktionalität mit der EU findet.

Sie sind kein Fan der EU – und vom Euro?
Den Euro halte ich für eine dumme Währung.

Sie wollen in Franken bezahlt werden?
Damit hat es nichts zu tun. Der Euro ist ein Fehlkonstrukt. Wie kann man einen Währungskreis haben mit Ländern, deren Hauptprodukt der Sonnenschein für Touristen ist – und gleichzeitig haben wir Länder wie Deutschland mit einer riesigen industriellen Macht. Diese ganz unterschiedlichen Regionen sollen im selben Währungsraum sein? Diese Rechnung geht nie auf. Ausser für Deutschland, das dank einer vergleichsweise schwachen Währung auf Teufel komm raus exportieren kann.

Die City of London befürchtet Jobverlust und ein Schrumpfen des Finanzplatzes.
Es werde viele Behauptungen um den Brexit aufgestellt. Fakt ist: Niemand kann es voraussagen. Ich bin überzeugt, dass sich alles über die Jahre einpendelt – mit mehr Freiheiten für England. Und was die Schweiz betrifft: Ich bin zu 100 Prozent zufrieden, dass Ihr Land nicht zur EU gehört. Ich stelle auch gerne fest, dass Sie mit Distanz zu Brüssel gut gefahren sind. Mir wird ja eine gewisse Faszination für Diktatoren nachgesagt, aber die Demokratie in der Schweiz fasziniert mich mehr (lacht).