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Experiment
Wenn Mitarbeiter nur mehr Freunde rekrutieren

Sitzen im Büro bald nur mehr Freunde und Bekannte?
Sitzen im Büro bald nur mehr Freunde und Bekannte?Quelle: Keystone

Der Konzern ­Baloise will, dass sich vor allem Freunde von Mitarbeitern auf neue Stellen bewerben. Fördert das Effizienz oder Klüngelei?

Von Stefan Mair
am 12.01.2018

Die Aussage «Wir sind alle eine grosse Familie» hört man meist bei rührigen Weihnachtsfeiern oder internen Motivationsseminaren. Bei der Versicherung Baloise mit ihren 7400 Mitarbeitern könnte die Aussage schon bald wahr werden. Ein neues Rekrutierungsprogramm mit dem Titel «Friends4Baloise» soll sicherstellen, dass möglichst viele Mitarbeiter ihre Freunde und Bekannten für ausgeschriebene Stellen empfehlen.

Inzwischen beteiligen sich schon fast 25 Prozent der Mitarbeiter am Freundeempfehlungsprogramm des Unternehmens, das vor fünf Wochen gestartet ist. «Unser Sechs-Monate-Ziel von 20 Prozent Anmeldungen haben wir bereits in einer Woche erreicht», erklärt Timm Süss, Projektleiter Talent Acquisition bei Baloise.

Frage nach Benachteiligung

Aber was passiert, wenn sich irgendwann nur mehr Kandidaten mit Vitamin B bewerben? Verstopft dieses Lockprogramm für Freunde nicht die Eintrittsmöglichkeiten für Menschen, die noch niemanden bei Baloise kennen, und ­begünstigt damit informelle und intransparente Netzwerke zwischen Mit­arbeitern? «Ein solches Risiko besteht ­allenfalls dann, wenn wir allein auf ­Mitarbeiterempfehlungen als Rekrutierungskanal setzen würden. Das tun wir aber nicht und setzen in der Rekrutierung weiterhin klassische Ausschreibungen, Online-Werbung, soziale Medien und Vermittlungsagenturen ein», so Projektleiter Timm Süss.

Das Ziel ist, dass es weiterhin eine grosse Diversität bei den Bewerbungen gibt. «Ausserdem durchlaufen alle Bewerbenden denselben Rekrutierungsprozess, so vermeiden wir, dass jemand nur aufgrund seines Netzwerkes eine Stelle erhält.» Das heisst, auch mit Empfehlung prüft die HR-Abteilung die tatsächlichen Kompetenzen des Kandidaten.

Attraktive Geldprämien

Das Projekt von Baloise besteht aus zwei Komponenten: Einmal der Einsatz der Vermittlungsplattform Xing Referral Manager, die aufgrund eines Matching-Algorithmus Mitarbeitenden geeignete Kontakte in ihrem Netzwerk empfiehlt und ihnen erlaubt, Empfehlungen einfach vorzuschlagen. Zweitens das Prinzip, dass, wer Freunde und Bekannte in die Firma holt, davon profitieren soll. Das Prämienprogramm besteht aus Geldprämien zwischen 2000 und 4000 Franken, einer variablen Sonderprämie oder auch zusätzlichen Ferientagen, Budgets für Team-Events, Reisegutscheinen und Fitnessabos.

Je nach Rekrutierungsschwierigkeit erhöht sich die Anzahl der Sonderprämien. Je wichtiger die Stelle ist, für die man Freunde reinholt, desto reicher wird man also beschenkt. Die Vorteile von Kandidaten, die über Empfehlungen in die Firma kommen, seien mehrfach belegt. «Untersuchungen zeigen, dass empfohlene Mitarbeiter eine höhere Chance haben, eingestellt zu werden, länger beim Unternehmen bleiben und bessere Resultate liefern», erklärt Baloise-Sprecher Dominik Marbet. Deshalb sei die Wette auf Freunde von bestehenden Mitarbeitern durchaus berechtigt und gewinnbringend.

Neue Kunden für Xing

Tatsächlich ergeben Forschungen der Stanford Universität und des Instituts zur ­Zukunft der Arbeit (IZA), dass nach drei Jahren fast 50 Prozent der empfohlenen Mitarbeiter immer noch beim selben Unternehmen tätig sind. Empfohlene Mitarbeiter würden zudem eine kürzere Einarbeitungsphase brauchen, da sie durch den Kontakt mit einem Mitarbeiter eine realistischere Vorstellung vom künftigen Job hätten.

Baloise arbeitet bei diesem Projekt eng mit dem Karrierenetzwerk Xing zusammen, das mit seiner Software Referral Manager Firmen verspricht, Zugang zum Netzwerk ihrer Mitarbeiter zu bekommen. Zudem sollen sich die Kosten für das Recruiting durch Empfehlungssoftware für Mitarbeiter um 46 Prozent verringern. Für Xing hat das Projekt
den Vorteil, dass ein Gruppendruck entsteht, sich bei Xing anzumelden, wenn das erklärte Firmenziel ist, dass sich möglichst viele Mitarbeiter an den Empfehlungen beteiligen, die über ein Xing-Profil durchgeführt werden können.

Die Freund-zu-Freund-Empfehlungen von Firmen wie Baloise passen damit genau ins Konzept des Karrierenetzwerks: nämlich eng mit Rekrutierungsprozessen verbunden zu werden – und Konkurrenten wie Linkedin abzudrängen.

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