Dass ein CEO zurücktritt, kommt häufig vor. Aussergewöhnlich ist der Grund, wieso Eric Olsen bei LafargeHolcim im letzten Juli von Bord ging. Der CEO demissionierte offenbar wegen der Verstrickungen von Lafarge in den syrischen Bürgerkrieg. Die französische Vorgängerfirma von LafargeHolcim hat dort inmitten des Konflikts eine Fabrik betrieben. Dabei zahlte sie Geld, welches in die Hände der Terrorgruppe IS gelangte.

Die französischen Behörden ermitteln schon seit längerem wegen den Aktivitäten von Lafarge in Syrien. Gestern Donnerstag haben sie offenbar ein Verfahren gegen Olsen eröffnet. Nach Informationen der Agentur Reuters muss der Spitzenmanager mit einem Prozess rechnen. 

Vom Zeitungbericht bis zur Krise

Lafarges problematisches Vorgehen in Syrien ist schon seit Sommer 2016 bekannt: Im Juni berichtete die französische Zeitung «Le Monde» erstmals über Geldzahlungen des Zementherstellers an Terrorgruppen in Syrien.

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Die Vorwürfe entwickelten sich erst allmählich zu einer Krise für LafargeHolcim. Als der Skandal publik wurde, wies der Zementkonzern die Anschuldigungen nur mit einer kurzen Mitteilung zurück. Anschliessend schwieg er sich monatelang aus, und verwies lediglich auf eine interne Untersuchung, die LafargeHolcim in der Sache durchführte. Im März 2017 ging der Konzern dann mit den Ergebnissen dieser Untersuchung an die Öffentlichkeit – und bestätigte, dass Lafarge sich in Syrien mit terroristischen Gruppen arrangiert hatte.

Ein Ex-Manager gibt Einblick

Schon im Sommer 2016 erschien ein Buch, welches das Ausmass des Skandals aufzeigte. Jacob Waerness schildert darin seine Erfahrungen in Syrien. Er war während des Bürgerkriegs für die Sicherheit der Fabrik zuständig.

Aus seinen Schilderungen wird klar, dass das frühere Lafarge-Management für das problematische Vorgehen in Syrien in der Verantwortung steht. Waerness hat sein Buch jedoch erst auf Norwegisch veröffentlicht, darum hat es wenig Beachtung gefunden. handelszeitung.ch konnte sich im Herbst 2016 mit dem Norweger über seine Erfahrungen unterhalten.

Lafarge verstrickt sich in den Bürgerkrieg

Waerness erzählte, wie sich Lafarge in den Bürgerkrieg verstrickte. Das passierte allmählich: Als der Konzern die Fabrik im Norden des Landes 2010 in Betrieb nahm, war der bewaffnete Konflikt noch nicht ausgebrochen. Erst im Verlauf vom nächsten Jahr startete der Bürgerkrieg. Zu Beginn befand sich die Fabrik in der Nähe der Türkei jedoch weitab vom Kriegsgebiet.

Das änderte sich im Sommer 2012. Die syrische Armee zog sich aus der Gegend zurück. In den nächsten zwei Jahren – bis zur Schliessung der Fabrik – hatten verschiedene Kriegsparteien dort das Sagen. Die Fabrikleitung musste sich auf die wechselnden Machtverhältnisse einstellen. «Wir wussten nie, was als nächstes passieren wird», erzählte Waerness. Das Management verliess sich auf Mittelsmänner, um mit den Kriegsparteien zu verhandeln.

Paris war auf dem Laufenden

Lafarge griff auf fragwürdige Methoden zurück, um die Fabrik weiter betreiben zu können – beispielsweise zahlte das Unternehmen via die Mittelsmänner Wegzölle und wahrscheinlich auch Schutzgelder. Dem Management in Paris musste bewusst sein, unter welchen problematischen Bedingungen die Werkleitung arbeitete: Laut Waerness wurde es ab Ende 2011 regelmässig auf dem Laufenden gehalten.

Die Frage ist, wie viel die Konzernspitze wusste. LafargeHolcim spricht von «bestimmten Mitgliedern» des Gruppenmanagements, die über die Verstösse gegen interne Richtlinien informiert gewesen seien. CEO Eric Olsen sei weder dafür verantwortlich, noch habe er davon gewusst. Der Spitzenmanager war bis zur Fusion mit der Schweizer Holcim in der Konzernleitung von Lafarge. Es gibt auch Stimmen, die Syrien nur als einen Vorwand für Olsens Abgang halten: Der Konzernleiter sei wegen seinen enttäuschenden Ergebnissen bei LafargeHolcim von Bord gegangen.

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«Lafarge nahm seine Verantwortung wahr»

Jacob Waerness wollte sich auf Anfrage nicht erneut zu seinen Erlebnissen äussern. Der Norweger hielt es im ersten Gespräch aber für richtig, dass Lafarge die Produktion nach Kriegsbeginn fortsetzte. Schliesslich habe das Werk rund 300 Arbeiter beschäftigt und die lokale Wirtschaft mit Zement versorgt, als einzige Fabrik im ganzen Land. «Lafarge nahm seine Verantwortung wahr», sagte Waerness.

Doch zu einem bestimmten Zeitpunkt hätte sich Lafarge aus Sicht von Waerness aus Syrien zurückziehen müssen: Als radikal-islamische Kräfte in der Gegend um die Fabrik die Überhand gewannen. Im Sommer 2013 rief die Terrororganisation IS das rund 135 Kilometer südöstlich vom Werk gelegene Rakka als ihre Hauptstadt aus. Dennoch dauerte es noch rund ein Jahr, bis Lafarge die Produktion im September 2014 einstellte.

«Lafarge-Führung hätte das erkenne sollen»

Lafarge musste sich über Monate hinweg mit einer Terrorgruppe arrangieren. Der Zementhersteller nahm so in Kauf, dass diese radikale Organisation vom Werk profitierte. «Wir konnten nicht mehr in der Region arbeiten, ohne indirekt mit terroristischen Organisation zu kooperieren. Die Lafarge-Führung hätte das erkennen sollen», sagte Waerness.

LafargeHolcim hat offenbar die Lehren aus der Syrien-Affäre gezogen. Der Zementkonzern hat neue Sicherheitsmassnahmen eingeführt, um seine Fabriken besonders in instabilen Staaten zu schützen, wie die «Handelzeitung» in ihrer aktuellen Ausgabe aufzeigt. Die Massnahmen dürften den Konzern teuer zu stehen kommen – LafargeHolcim führt weltweit rund 2300 Produktionsstätten in mehr als 50 Ländern.

 

Jacob Waerness ist Sicherheitsexperte für den Nahen Osten und Afrika. Der Norweger mit Jahrgang 1978 arbeitet als selbständiger Berater in Zürich. Sein Buch «Risikosjef i Syria» erschien im Sommer 2016 auf Norwegisch. Waerness möchte das Buch auch auf Französisch, Deutsch und Englisch herausbringen.

 

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