Ferien auf dem Wasser stehen hoch im Kurs. Allein die Zahl der Schweizer Kreuzfahrer hat sich in den letzten zwölf Jahren verdreifacht – auf rund 150'000 –, weltweit gingen 28,5 Millionen Meer-Enthusiasten an Bord eines der insgesamt 460 Passagierschiffe. Und die Tendenz zeigt steil nach oben.

Insbesondere Schiffsreisen, die den Luxus des wohlbehüteten Abenteuers versprechen, sind gefragter denn je. So erstaunt die Welle der vielen neuen und derzeit entstehenden Expeditionsschiffe nicht. Doch ist der Megatrend Expedition mit Zielen an den entlegensten Ecken der Erde nur die Spitze des Eisbergs; der Trend hat weitreichende Konsequenzen für die gesamte Kreuzfahrtenwelt.

Dies zunächst für die anderen Small Ships, die Warmwasser-Superjachten à la SeaDream oder Crystal Esprit, welche auf fortgeschrittene Reisende setzen und auf neuen Routen immer verborgenere Häfen anlaufen. Orte wie Port-Vendres im Languedoc, Cassis an der Calanque-Küste bei Marseille, die kroatische Insel Vis oder das apulische Küstenstädtchen Gallipoli entwickeln sich zu unverzichtbaren Bestandteilen des Routenangebots.

Manche Hochseedampfer mittlerer Grösse wirken dem Vorurteil entgegen, dass die meisten Reedereien stets dieselben Destinationen ansteuern würden. Hapag-Lloyd Cruises, Oceania Cruises oder Azamara Club Cruises haben das Potenzial erkannt, sich mit interessanten Fahrplänen zu profilieren, was von den 58 beurteilenden Experten im siebten Kreuzfahrten-Ranking der «Handelszeitung» ebenso gewürdigt wird wie das Preis-Leistungs-Verhältnis und sieben qualitative Kriterien (siehe Kasten «Methodik»).

Die Seabourn-Luxuskreuzer, die sich unlängst beim Ausscheren von den Autobahnen des Kreuzfahrttourismus noch zögerlich zeigten, geben neuerdings entschieden Gegensteuer zugunsten von Neuland, während die Windstar-Jachten (Star Breeze, Star Legend und Star Pride), das Schiffstrio von Azamara Cruises und die deutsche MS Hamburg ohnehin auf immer reizvolleren Strecken um den Globus verkehren. Das französische Kreuzfahrtunternehmen Ponant hat sogar den Mut, eine ihrer acht Jachten einfach mal eine Woche ausschliesslich um Sizilien touren zu lassen.

Die sieben Viking-Schiffe hingegen scheinen ein möglichst breites Einsteigerpublikum ansprechen zu wollen. Ähnliches lässt sich über die vier qualitativ ausgezeichneten Regent-Schiffe sowie die Crystal-Schwestern Serenity und Symphony sagen: Sie halten mehrheitlich an den eingefahrenen Routen fest, auch wenn – wie bei Silversea Cruises – versucht wird, pro Reise zumindest einen etwas spezielleren Hafen wie Mahón (Menorca), Hydra (Griechenland), Porto Santo Stefano (toskanische Maremma), Porto Venere (bei den Cinque Terre in Ligurien) oder Portoferraio (Elba) einzubauen.

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Methodik des Rankings

Das jährliche, bereits zum siebten Mal publizierte Cruise-Ship-Ranking der «Handelszeitung» ist der umfassendste Kreuzfahrtschiffsvergleich in der deutschsprachigen Medienwelt. Die Rangliste basiert auf einer Umfrage bei 58 Cruise-Experten, auf den aktuellen Wertungen international relevanter Fachpublikationen und Testportalen sowie auf den Borderfahrungen des Autors Claus Schweitzer. Ausschlaggebend waren folgende neun Kriterien: Ambiente/ Design, Kabinenkomfort, Gastronomie, Spa- und Sportangebot, Unterhaltung/ Infotainment, Service an Bord, Preis-Leistungs-Verhältnis, Routen- und Hafenvielfalt sowie Landausflüge. Pro Beurteilungskriterium werden maximal 10 Punkte vergeben; die Höchstzahl beträgt 90 Punkte.


► SUPERJACHTEN / EXPEDITIONSSCHIFFE

Je kleiner das Schiff, desto grösser und authentischer das Erlebnis: Nach diesem Prinzip bieten immer mehr Kreuzfahrtunternehmen Reisen auf Superjachten in Warmwassergebieten oder auf eistauglichen, hochwertigen Expeditionsschiffen an.

Erstere halten sich bemerkenswert gut im Markt und in den internationalen Cruise-Rankings, obwohl die drittplatzierte SeaDream I und die baugleiche SeaDream II bereits vor 35 Jahren vom Stapel gelaufen sind und die Crystal Esprit (Rang 4) fast ebenso viele Jahre auf dem Buckel hat, doch 2015 komplett erneuert wurde. Die führenden Superjachten begeistern mit gelassenem Understatement, lustvoller Marktküche und liebenswerten Crews. Auch auf der Star Breeze (Rang 6) und deren Schwestern sowie auf den Windjammern Sea Cloud (Rang 10) und Sea Cloud II wird einem eindrücklich vor Augen geführt, was «klein, aber fein» bedeutet.

Drinnen Luxus, draussen grosse Abenteuer

Die Armada neuer Expeditionsschiffe, die gerade in Fahrt gekommen ist und in den nächsten drei Jahren überproportional um mehr als zwei Dutzend weitere Neubauten anwachsen wird, bricht das Eis zwischen Expedition und Luxus. Bisher prägten umgebaute Forschungsschiffe mit labyrinthisch verwinkelten Interieurs diesen hochpreisigen Nischenmarkt. Angelaufen werden die wirklichen Enden der Welt, etwa in der Arktis oder der Antarktis, aber auch Papua-Neuguinea und die Kapverden, die chilenischen Fjorde und die australischen Kimberley-Region, die Great Lakes Nordamerikas sowie die Küsten Irlands und Schottlands. Das war bei den Pionieren der modernen Expedition, etwa der MS Bremen (Rang 7) oder der Silver Explorer (Rang 8), schon immer so – neu bei diesen Reisen sind hingegen die schadstoffoptimierte Technologie sowie der kompromisslos zeitgemässe Komfort und Style. Trendbewusste Freizeitabenteurer müssen also weder auf ästhetisch einwandfreie Balkonkabinen noch auf abwechslungsreiche Spitzengastronomie verzichten.

Hapag-Lloyd Cruises, Hanseatic Nature, Hauptrestaurant Hanseatic , Abendbeleuchtung [ (c) Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten,Alle Bilder zur honorarfreien Nutzung mit dem vollstŠndigen Bildnachweis "Hapag-Lloyd Cruises / Christian Wyrwa"  È Die Bilder dŸrfen nur im Rahmen einer Berichterstattung Ÿber Hapag-Lloyd Cruises verwendet werden, All Photos intended for editorial use. All image use free of charge. Photocredit: Hapag-Lloyd Cruises / Christian Wyrwa. ]

Das Hauptrestaurant der Hanseatic Nature begrüsst die Gäste in hellen, frischen Farbtönen.

Quelle: Hapag-Lloyd Cruises
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Karl J. Pojer, Geschäftsführer von Hapag-Lloyd Cruises, Hamburg, bringt den Zeitgeist auf den Punkt: «Erlebnisse und Horizonterweiterungen sind der neue Luxus.» Diese Erlebnisse bieten jüngeren, einkommensstarken Reisenden ein Oncein-a-lifetime-Gefühl, wie es keine Rolex und keine Gucci-Handtasche bieten. Anders gesagt: Expedition ist Emotion.

Unter den Neulingen sticht die Hanseatic Nature von Hapag-Lloyd als Star am Expeditionshorizont heraus, der sogleich ganz oben auf dem Siegertreppchen landet. Zwar hatte die Nature wie alle Novizen dieses Boom-Segments ihre Kinderkrankheiten (von der üblichen Auslieferungsverspätung der Werft gar nicht zu reden), doch scheinen diese nach fünf Betriebsmonaten behoben. Die heiter stimmenden Standardkabinen sind mit 22 Quadratmetern eher klein, die nächste Kategorie verfügt zusätzlich über einen Balkon – und die doppelt so grosse Juniorsuite kostet rund 40 Prozent mehr. Eine gute Ambiance hat auch das Hauptrestaurant in hellen, frischen Farbtönen, während das Spezialitätenlokal Hamptons recht dunkel geraten ist. Geräumig ist der Fitnessraum mit Personal Trainer, zudem verfügt die Nature – ebenso wie die baugleiche, im Oktober folgende Hanseatic Inspiration – über besonders viel freie Deckfläche, eine interaktive Ocean Academy für Wissbegierige und zwei seitlich ausfahrbare Glasbalkone auf dem Sonnendeck. Am Bug gelangen die Passagiere bis ganz an die Spitze des Schiffs. Die Marina am Heck dient als Ausgangspunkt für Zodiac-Touren und als Basis für Warmwasser-Sportaktivitäten von Kajakfahren bis Stand-up-Paddling.

Die zweitplatzierte Scenic Eclipse hat nicht nur einen hohen Wow-Faktor in jedem Hafen, sondern trägt auch einen wichtigen Teil zur Neudefinition der Entdeckerschiffe bei. Die schnittige Jacht der australischen, bisher auf Flusskreuzfahrten spezialisierten Reederei Scenic Luxury Cruises hat die höchste Eisklasse für Passagierschiffe – in der Kategorie darüber wird ein Schiff zum Eisbrecher. Die Eclipse ist mit Zodiacs, Kajaks, E-Bikes sowie zwei bordeigenen Helikoptern und einem U-Boot ausgestattet. Es gibt ausschliesslich Verandakabinen (die kleinste misst 32 Quadratmeter inklusive Balkon) und bei den fünf Restaurants sind auch Dinners am Chef’s Table oder am Teppanyaki-Grill im stolzen Reisepreis enthalten.

Hapag-Lloyd Cruises, Hanseatic Nature, GlŠserner Balkon [ (c) Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten,Alle Bilder zur honorarfreien Nutzung mit dem vollstŠndigen Bildnachweis "Hapag-Lloyd Cruises / Christian Wyrwa"  È Die Bilder dŸrfen nur im Rahmen einer Berichterstattung Ÿber Hapag-Lloyd Cruises verwendet werden, All Photos intended for editorial use. All image use free of charge. Photocredit: Hapag-Lloyd Cruises / Christian Wyrwa. ]

Auf dem Sonnendeck der Hanseatic Nature befinden sich zwei ausfahrbare Glasbalkone.

Quelle: Hapag-Lloyd Cruises

Unter den neuen Expeditionsschiffen überzeugen zudem die Celebrity Flora (Rang 9), die ausschliesslich für die Erkundung der Galapagos-Inseln entworfen wurde, und die World Explorer (Rang 11), die mit exzellentem Preis-Leistungs-Verhältnis und durch Anfahrt einer Vielzahl kleiner Häfen glänzt. Bei einer Länge von nur 126 Metern kann die Explorer beispielsweise im Puerto Banús von Marbella oder in Londons Stadtzentrum nahe der Tower Bridge anlegen. Exklusiv für Galapagos-Routen wird im kommenden Sommer die Silver Origin von Silversea Cruises hinzukommen und die Silver Galapagos ersetzen. Zeitgleich startet dann die Crystal Endeavor im Fernen Osten, gefolgt von der Seabourn Venture und der SeaDream Innovation im 2021.

Servicequalität darf nicht vergessen gehen

In rasantem Wachstum befindet sich die französische Reederei Ponant, die von der Finanzholding Artémis des Milliardärs François-Henri Pinault übernommen wurde. Im letzten Jahr stiessen die Le Lapérouse (Rang 5) und die identische Le Champlain zur Flotte, jüngst folgten die ebenfalls für 184 Passagiere konzipierte Le Bougainville und Le Dumont-d’Urville. 2020 kommen die Le Bellot und Le Surville hinzu. Im übernächsten Jahr soll die Le Commandant Charcot ausgeliefert werden, ein mit Elektro-Hybrid-Motor und Flüssigerdgas (LNG) angetriebener Polareisbrecher für 270 Passagiere. Allerdings würde es Ponant gut anstehen, die Kunden nicht aus den Augen zu verlieren: Trotz fortschrittlicher Umwelttechnologie und Instagram-tauglichen Ausstattungsmerkmalen wie die Unterwasser-Lounge Blue Eye im Schiffsrumpf der sechs neuen Expeditionsjachten leidet die Servicequalität unter der massiven Expansion.

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MS Europa 2

Die MS Europa 2 bleibt der Kompass, an dem sich andere Kreuzfahrtschiffe messen müssen. Sie schlägt die Konkurrenz aller Grössenkategorien.

Quelle: Bastian Schweitzer
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BOUTIQUESCHIFFE

Der Kompass, an dem sich alle anderen Kreuzfahrtschiffe auf den Weltmeeren messen müssen, bleibt die MS Europa 2. Sie ist nicht nur Klassenbeste, sondern schlägt die Konkurrenz aller Grössenkategorien.

Mit einer spürbar grossen Liebe ihrer Verantwortlichen fürs Detail gestaltet, geführt und perfektioniert, hat das Vorzeigeschiff von Hapag-Lloyd Cruises die optimale Wohlfühlgrösse; alles steht in harmonischem Verhältnis zum Ganzen, der gute Geschmack reist immer mit. Man kann sich immer darauf verlassen, dass die Leistungen in puncto Service, Küche, Spa und Landausflügen konstant state of the art sind. Anders als bei fast allen anderen Luxuskreuzern, die bei Vollbelegung an allen Fronten zu ächzen beginnen und schlicht überstrapaziert und personell überfordert sind, hat man auf der Europa 2 nie das Gefühl, dass sie in puncto Raumangebot sowie Mitarbeiterund Restaurantkapazitäten am Limit läuft.

Die Europa 2 punktet zudem mit puristisch-wohnlichem, von museumsreifer Fotokunst flankiertem Innendesign, grossem und auch abends geöffnetem Pool sowie hochmotorisierten Zodiacs für erlebnisreiche Küstenerkundungen. Zudem versteht es kein anderes Schiff, Kinder aller Altersstufen so gut zu beschäftigen, dass diese das Leben auf den Aussendecks selbst zu Schulferienzeiten kaum beeinträchtigen. Nur das abendliche Unterhaltungsprogramm hinkt demjenigen der grösseren Wellenreiter hinterher.

Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, MS EUROPA 2, Pool Deck

Anders als bei fast allen anderen Luxuskreuzern, die bei Vollbelegung überstrapaziert und personell überfordert sind, hat man auf der MS Europa 2 nie das Gefühl, dass sie in puncto Raumangebot, Mitarbeiter- und Restaurantkapazitäten am Limit läuft.

Quelle: Hapag-Lloyd Cruises
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Die 14 Jahre ältere MS Europa (Rang 3) war bis anhin als Kontrapunkt zur «2» positioniert, mit viel traditioneller ausgerichtetem Borderlebnis – passend zur optischen Erscheinung des Luxuskreuzers, auf dem man sich tatsächlich noch wie auf einem richtigen Schiff fühlt, mit charakteristisch-schöner Silhouette und gewissem maritimem Flair. Was unlängst noch undenkbar gewesen wäre: Hapag-Lloyd Cruises wird das Konzept der Europa nach dem Werftaufenthalt im Oktober 2019 komplett erneuern und das Lebensgefühl an dasjenige der jüngeren Schwester annähern. Es gilt, neue Fans zu generieren, statt nur die Stammgäste mit der Wiederkehr des Immergleichen zu pflegen. Die Zeichen der Zeit stehen auf gepflegter Lässigkeit, also auf sehr gutem Essen bei freier Tischplatz wahl und gelockertem Dresscode im Hauptrestaurant – das in einer entspannten Atmosphäre ohne Galaabende, Kapitänstisch und höfisches Zeremoniell.

Erst die Route, dann die Wahl des Schiffes

Auf eine interessante Gemeinsamkeit der Hapag-Lloyd-Flaggschiffe weist Kommunikationschefin Negar Etminan hin: «Bei der Auswahl einer Reise entscheiden sich unsere Kunden in aller Regel zuerst für die Route, dann für das Schiff

Als Manko der beiden Europa-Kreuzer kann die Tatsache empfunden werden, dass praktisch nur deutschsprachige Mitreisende an Bord sind. Legt man Wert auf einen kosmopolitischen Gästemix, mag man auf der zweitplatzierten Seabourn Odyssey mit ihren Schwestern Seabourn Quest und Seabourn Sojourn oder der Silver Whisper (Rang 4) mit der baugleichen Silver Shadow besser aufgehoben sein.

Unter den Boutiqueschiffen (251 bis 550 Passagiere) sind auch zwei Expeditionskreuzer vertreten: Die Silver Cloud (Rang 5) von Silversea Cruises mit Platz für maximal 254 Passagiere (respektive 200 in Polargewässern) und die brandneue, von Hybridtechnologie angetriebene MS Roald Amundsen der norwegischen Reederei Hurtigruten mit eismeertauglichem Bug und einer maximalen Kapazität von 530 Passagieren. Für übernächstes Jahr hat Seabourn die Seabourn Venture für 264 Expeditionsreisende angekündigt.Weiterhin im Kreis der Top 10 sind die im Südpazifik tourende MS Paul Gauguin (Rang 7), die kleine Weltenbummlerin MS Hamburg und das Segelkreuzfahrtschiff Wind Surf (Rang 10) anzutreffen.

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Seabourn Encore

Die Seabourn Encore katapultierte sich nach einer Qualitätsoffensive vom fünften auf den ersten Platz im Kreuzfahrten-Ranking.

Quelle: Seabourn
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► MITTELGROSSE KREUZFAHRTSCHIFFE

Als rundum verbesserte Version ihrer selbst präsentiert sich die Seabourn Encore, die sich in den Charts der mittelgrossen Kreuzfahrtschiffe (mit 551 bis 2000 Passagieren) vom fünften auf den ersten Rang katapultieren konnte. Sie lief vor zwei Jahren als Weiterentwicklung der Odyssey-Serie vom Stapel, fasst 150 Passagiere mehr und ist im Gegensatz zu den kompakteren Vorgängerinnen recht opulent gestaltet. Allerdings: Zu Beginn liess sie erhebliche Zweifel an der Unantastbarkeit der ikonischen Luxusmarke aufkommen – der Service und die ganzen Organisationsabläufe zeigten zunächst signifikante Schwächen, die Haltung der Crew stimmte nicht und es mangelte an der Grosszügigkeit in kleinen Dingen. Inzwischen wurde die Encore zusammen mit der identischen Seabourn Ovation einer Qualitätsoffensive an allen Fronten unterzogen, zu der auch ein verfeinertes Routing und ein holistisch ausgefeiltes Spa-Angebot gehören.

Ebenfalls bemerkenswert: Während die meisten Mitstreiter stark auf kostengünstiges asiatisches und indisches Personal setzen, sind bei Seabourn die Restaurantteams mit kulinarisch affineren Europäern besetzt. Das schätzt man dann, wenn ein Sommelier zu den ausgeschenkten Weinen oder dem servierten Käse etwas zu erzählen weiss und nicht nur dauergrinst. Die Reederei hat ihre alte Klasse wiedergefunden, dies zu einem fabelhaften Preis-Leistungs-Verhältnis, das jenes von Hauptkonkurrent Silversea bei direkt vergleichbaren Reisen und bei kongruenter Leistung um rund einen Viertel des Gesamtpreises (und damit um ein paar Tausend Franken für zwei Kreuzfahrer) schlägt.

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Lebensart des Understatements

Die Silver Muse (Rang 2), das jüngste und neunte Schiff der Silversea-Flotte, büsst die Vorrangstellung ein, beeindruckt aber nach wie vor mit verlässlicher Gastronomie, überdurchschnittlich viel Raum pro Passagier und zurückhaltendem «europäischem» Dekor in monochromen Braun-, Beige- und Cremefarben. Optisch gibt es nichts an Bord, das einen innehalten und Wow sagen liesse, doch sind gerade das unaufgeregte Understatement und die dezente Eleganz an Bord der Muse das Angenehme. Die Servicekultur hat bis jetzt nicht unter der letztjährigen Übernahme von Silversea Cruises durch den Kreuzfahrtgiganten Royal Caribbean Cruises gelitten. Ein fürs Ranking befragter Reiseprofi stellt treffend fest: «Bei Silversea gibt es kein überambitioniertes, bemühtes Theater um die Gäste, sondern man lässt diese einfach in Ruhe beim individuellen Geniessen, Erleben, Träumen und Loslassen. Dennoch ist der Service immer da, wenn man ihn braucht.»

Seabourn Encore Krezfahrtschiff

In den fünf Restaurants der Seabourn Encore schätzen die Passagiere das kulinarisch affine Personal, das zum ausgeschenkten Wein oder dem servierten Käse etwas zu erzählen weiss statt nur dauergrinst.

Quelle: Seabourn
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Die Seven Seas Explorer (Rang 4), das geschmackvoll pompös gestaltete Flaggschiff von Regent Seven Seas Cruises, wird in der Gesamtbeurteilung der befragten Kreuzfahrtenprofis erstmals knapp von der Oceania Marina (Rang 3) und der gleichartigen Oceania Riviera überrundet, doch bleibt die Ranglistenrochade im Haus: Beide Unternehmen sind im Besitz der Norwegian Cruise Line Holdings aus Miami.

Die Explorer inkludiert – ebenso wie die 14 Jahre ältere Seven Seas Voyager (Rang 7) – alle Restaurantoptionen und Getränke, die WLAN-Nutzung, die meisten Landausflüge, die Hin- und Rückflüge sowie die Transfers zwischen Flughafen und Schiff im zunächst hoch erscheinenden, doch insgesamt adäquaten Reisepreis. Optimal ist der Gegenwert auf den unprätenziös angenehmen Oceania-Schiffen, zu denen auch die kompakte, rundum erneuerte Oceania Insignia (Rang 8) und deren drei noch nicht renovierten Schwestern gehören: Flottenweit sind die Routen- und Hafenvielfalt ebenso herausragend wie die Qualität der Shows und das kulinarische Erlebnis.Unverändert zählen die Crystal Serenity (Rang 5) und deren Schwester Crystal Symphony sowie die Silver Spirit (Rang 6) zu den besten mittelgrossen Schiffen. Im Overdrive befindet sich die nordamerikanische Viking Ocean Cruises, die innert nur vier Jahren sieben baugleiche Schiffe für jeweils 930 Passagiere auf den Markt gebracht hat, zuletzt die Viking Jupiter (Rang 9). Merkmale: Verzicht auf aufgedonnerte Interieurs, hohe Komfortstandards in ausschliesslich Balkonkabinen, diverse Freiluftrestaurants, Infinity-Pool mit Glaswand am Heck.

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Celebrity Cruises Celebrity Edge 2

Die Celebrity Edge siegt in der Kategorie der Ozeanriesen mit mehr als 2000 Passagieren.

Quelle: Celebrity Cruises

► OZEANRIESEN

In der Kategorie der Ozeanriesen (mit mehr als 2000 Passagieren) hat Celebrity Cruises mit seinem neuesten Schiff für einen Paukenschlag gesorgt. Dies jedoch nicht mit Superlativen: Die Celebrity Edge (Rang 1) ist weder das grösste noch das luxuriöseste schwimmende Resort, sie trumpft auch nicht mit den spektakulärsten Freizeitattraktionen oder den geräumigsten Suiten auf. Trotzdem ist sie eines der aussergewöhnlichsten Megaschiffe, die in den letzten zehn Jahren auf den Markt kamen. Die Edge wurde für Menschen konzipiert, die tendenziell wissen, was Spotify ist, gerne Craft Cocktails trinken und DJ-bespielte Lounges im Miami-Style schätzen. Damit sind nicht nur die Millennials gemeint (dazu sind wohl die Preise für die meisten zu hoch), sondern vor allem jung gebliebene Leute mit urbanem Geist und hippem Lebensstil.

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Die Restaurantauswahl ist enorm, sie umfasst zudem kleinere, Streetfood-artige Outlets und Gourmet-Delis. Markenzeichen ist der sogenannte Magic Carpet, eine frei schwebende, seitlich des Schiffs höhenverstellbare Plattform von der Grösse eines Tennisplatzes. Auf Deck 14 erweitert diese den Poolbereich, auf Deck 16 mutiert sie abends zum Restaurant Dinner on the Edge und auf Deck 2 dient sie als grosszügige Tenderebene mit Bar und komfortablen Sofas. Ob hingegen die 918 gänzlich neu angedachten Infinite-Veranda-Kabinen mit zur Hälfte absenkbarer Fensterfront ein wirklicher Fortschritt für die Branche sind, darüber scheiden sich die Geister. Jedenfalls ist bei diesem Kabinentyp die Grenze zwischen Wohnraum und Veranda fliessend, doch fehlt eben ein wirklicher Balkon – und Balkonkabinen im klassischen Sinn gibt es nur wenige. Auf die Lawn-Club-Rasenfläche, mit der die Celebrity Reflection (Rang 4) und deren vier Schwestern der Solstice-Baureihe (2008 bis 2012) auffielen, verzichtet die Edge, dafür bietet sie einen weitläufigen, originell gestalteten Rooftop Garden mit Echtpflanzen, Baumskulpturen, Loungemöbeln und Open-Air-Grillrestaurant.

Erinnerungen an grosse Transatlantik-Liner

Unter den Ozeanriesen punkten die 14 Schiffe der traditionsreichen Holland–America Line mit der grössten Routenund Hafenvielfalt. Mehr als 400 Häfen in 98 Ländern fährt die Flotte an, die aus dem Mainstream herausragt, weil die Schiffe verhältnismässig überblickbare Strukturen haben und mit ihrem dunkelblauen Rumpf Erinnerungen an die Zeit der Transatlantik-Liner wecken. Tatsächlich war die 1873 in Rotterdam gegründete Reederei, die heute zum Imperium von Carnival Corporation gehört, einst wichtiger Transporteur hoffnungsvoller Auswanderer in die Neue Welt.

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Die neue Nieuw Statendam (Rang 2) und die zwei Jahre ältere Schwester Koningsdam bieten Platz für jeweils 2666 Passagiere und erfreuen mit hohem Qualitätsanspruch, gut geschulten Crews und einem grossen Anteil ab Balkonkabinen. Die Designer verwendeten mehr Holz und natürliche Materialien als Plastik, in den Restaurants wird Wert auf gute Frischprodukte gelegt. Das «Culinary Arts Center», welches tagsüber Showküche und abends Restaurant ist, folgt dem Farm-to-table-cooking und serviert unter anderem Kräuter, die im bordeigenen Gewächshaus wachsen. Gleich nebenan können Gäste in der Vinothek Blend unter Anleitung eines Sommeliers aus fünf verschiedenen Rotweinsorten ihren eigenen Wein assemblieren (129 Dollar Zuschlag) und später in einem der Restaurants geniessen.

Celebrity Cruises Celebrity Edge Magic Carpet

Der Magic Carpet: Die frei schwebende, seitlich der Celebrity Edge höhenverstellbare Plattform von der Grösse eines Tennisplatzes wird als Lounge-Bereich, als Restaurant oder als Tenderebene genutzt.

Quelle: Celebrity Cruises

Weiterhin solide auf Kurs sind die Cunard-Königinnen Queen Mary 2 (Rang 3), Queen Elizabeth und Queen Victoria (beide Rang 5). Und obwohl die um 50 Kabinen erweiterte QM2 den Krawattenzwang jenseits der Formal Nights aufgehoben hat, bleibt sie eines der wenigen Kreuzfahrtschiffe, zu denen es keine Alternative gibt: Wer auf einer Nordatlantik-Überquerung zwischen Southampton (oder Hamburg) und New York nostalgisch inszenierten Glamour sehen, fühlen und zelebrieren will, kommt nicht um die Queen Mary herum. 2022 wird eine vierte, noch namenlose Queen zur Flotte stossen.

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Soll es ein Vergnügungsdampfer mit fast durchgehend deutschsprachigem Publikum sein, sind die Mein Schiff 2 (Rang 6) und deren Schwestern 1 bis 6 die beste Wahl.

Auf der Mein Schiff wird deutsch gesprochen

Im Gegensatz zu den 13 Schiffen mit dem knallroten Kussmund, zu denen die AIDAperla (Rang 11) zählt, geht es auf den Mein-Schiff-Kreuzern reizreduzierter und gelassener zu, doch gleicht sich das Bordangebot der beiden Unternehmen tendenziell an. Hier wie dort sind die Sport-, Spa- und Unterhaltungsmöglichkeiten enorm, doch lässt die «Wohlfühlflotte» von TUI Cruises sowohl der Kulinarik wie der individuellen Gästebetreuung ein Quantum mehr Liebe und Aufmerksamkeit zuteil kommen als die AIDA-Konkurrenz aus Rostock.

AIDA Cruises, die zu Costa Crociere gehört, die wiederum im Besitz von Carnival Corporation ist, machte jüngst mit der AIDAnova (Rang 10) von sich reden, dem ersten komplett mit Flüssigerdgas (LNG) angetriebenen Kreuzfahrtschiff. Es tourt nun ohne umweltbelastendes Schweröl um die Kanaren und durch das westliche Mittelmeer. Erstmals im Angebot und eine Seltenheit auf hoher See: schmucke Balkonkabinen für Einzelreisende.

Auch die im November 2019 zu einer ersten Kreuzfahrt von Hamburg nach Savona startende und für 6522 Passagiere konzipierte Costa Smeralda wird mit der zukunftsweisenden LNG-Technologie ausgestattet sein. Derzeit bleibt die «nur» 3724 Passagiere fassende Costa Diadema (Rang 13) mit ihrem betont italienischen Borderlebnis das Costa-Flaggschiff.

Cirque du Soleil für die grossen Gefühle

MSC Cruises, das weltweit grösste familiengeführte Kreuzfahrtunternehmen mit Sitz in Genf, folgte auf der MSC Seaview und der MSC Seaside (Rang 14) dem Trend, das Promenadendeck aus der Versenkung zu holen und so die Nähe zum Wasser aufleben zu lassen. Auf der im März eingeweihten MSC Bellissima (Rang 9) und deren Schwestern MSC Meraviglia und (ab November 2019) MSC Grandiosa ist hingegen der Cirque du Soleil at Sea das Highlight. Ein Ensemble der kanadischen Entertainment-Spezialisten zeigt im Schiffstheater mit 450 Plätzen eigens hierfür geschaffene Produktionen, samt all den spektakulären Elementen, die man vom Cirque kennt: Akrobatik, Kostüme, Story-Zauber, Licht, Musik und die Sehnsucht nach grossen Gefühlen, die jede Kreuzfahrt von gewöhnlichen Ferien am Meer unterscheidet.

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Venedig Meer Boot

So will man Venedig wieder erleben: ohne Kreuzfahrtriesen.

Quelle: Pixabay

Overtourism: Die Reedereien nehmen die weltweite Kritik ernst

Konfliktbewältigung: Die Reedereien reagieren auf das Entstehen von offen zutage tretenden Konflikten zwischen Einheimischen und Besuchern an stark besuchten Zielen. Selbst die Ozeanriesen, die mit Passagierzahlen von 2000 bis nun über 7000 nicht gerade ein Zeichen gegen Overtourism setzen, versuchen die Überflutung von Hafenstädten durch Kreuzfahrttouristen einzudämmen. Manche der Mega-Reedereien sprechen sich ab, ihre Liegezeiten in besonders populären Häfen (beispielsweise Venedig, Barcelona, Dubrovnik und Santorin) nach Möglichkeit zu staffeln und nehmen zudem vermehrt «weniger überlaufene» Grosshäfen wie Malaga, Vigo, Messina oder Valletta ins Routing auf, um die Menschenmassen insgesamt besser verteilen zu können. Celebrity Cruises hat mit Villefranche-sur-Mer bei Nizza und Santa Margherita Ligure bei Rapallo zwei besonders schöne Buchten am Mittelmeer für sich entdeckt.

Landausflüge: Erfreulich ist die Entwicklung auch bei den Landgängen: Selbst bei den Mega-Schiffen nimmt das Interesse an Standard-Stadttouren ab – dies zugunsten von spezifischen Themenführungen und aussergewöhnlichen Ausflügen fern den Zentren. So lassen sich die Touristenströme verschlanken, was sowohl den Besuchern als auch den Einheimischen zugute kommt. Bildlegende: So will man Venedig wieder erleben: Ohne Kreuzfahrtriesen.