Sie waren 74 Tage und 23 Stunden allein auf dem Atlantik unterwegs, jetzt sind Sie seit 35 Tagen in Corona-Quarantäne. Was hilft gegen die Einsamkeit?
Gabi Schenkel: Ich weiss, dass ich Chefin meiner eigenen Gedanken bin, und fokussiere mich entsprechend auf die positiven Aspekte der aktuellen Situation.

So einfach?
Mir geht es bestens, weil ich jetzt eine ­Luxusvariante von dem erlebe, was ich vorher hatte. Statt in vom Meerwasser feuchter Bettwäsche schlafe ich in trockenen Leintüchern, statt des permanenten Ruderns bei Wellenschlag kann ich im Wald spa­zieren oder joggen. Dann habe ich keine gefriergetrocknete Nahrung, sondern kann den Kühlschrank öffnen und am Kochherd etwas ausprobieren. Und die Dusche mit warmem Wasser funktioniert auch.

Also fehlt es Ihnen an nichts?
Doch, am persönlichen Kontakt. Der fehlte mir schon auf dem Boot, obwohl ich in der ersten Hälfte noch via Satellitentelefon kommunizieren konnte. Doch gesehen oder gar umarmt habe ich wochenlang keinen Menschen.

Als ich in Antigua nach über zwei Monaten in den Hafen ruderte, standen viele Leute, auch Einheimische, am Pier und umarmten mich. Das war ein unglaubliches Erlebnis.

Keine Lust auf endlich wieder einen ­Besuch eines Theaters oder Kinos oder auf ein Nachtessen im Restaurant?
Nein, ich weiss ja, dass dies derzeit nicht möglich ist, deshalb mach ich mir nichts draus. Allerdings hätte ich meine Sponsoren gerne getroffen, um ihnen persönlich Danke zu sagen.

Und Ihre Praxis als Osteopathin?
Ich habe seit fünf Monaten kein Einkommen mehr. Zuerst war ich am Rudern, nun muss ich die Arbeit in der Praxis wegen ­Corona ruhen lassen. Weil ich selbstständig bin, bekomme ich keine Kurzarbeitsentschädigung. Zudem bin ich nicht berechtigt, ein vom Staat verbürgtes zinsloses Darlehen zu beantragen, weil meine Praxis ja nicht behördlich geschlossen wurde.

Anzeige

Ich dürfte notfallbehandeln, aber Notfälle sind in einem Jahr an zwei Händen abzuzählen. Und die pandemische Angst ist in den letzten Wochen derart stark geschürt worden, dass sich niemand mehr in die Osteopathie oder in die Physiotherapie wagt.

Das heisst: sparen?
Ich drehe jeden Franken zweimal um. Aber das ist kein Grund, um mich zu ärgern. Ich finde es hingegen etwas schade, dass ich meine Erfahrungen aus der Atlantic Challenge noch nicht mit Vorträgen weitergeben kann.

Sie warteten auf die Lockerung durch den Bundesrat?
Anfang Mai kann ich wieder öffnen. Aber ich lasse mich nicht ablenken und bin mental stark. Mein ganzes Leben war nie gradlinig oder einfach. Ich stand oft vor grossen Herausforderungen und bin überzeugt, dann man immer nur so viel Suppe erhält, wie man auch auslöffeln kann.

Zudem haben mir die diversen Ultramarathons, die ich bestritten haben, viel gegeben. Wenn man eine Strecke zwischen 50 und 250 Kilometern wettkämpferisch übersteht, hat man eine gewisse Robustheit (lacht).

Ein Ultramarathon, der zwischen 50 und 100 Kilometern Streckenlänge beträgt, gilt als extreme Art des Extremsports.
Ich habe in den letzten 25 Jahren unzählige Marathons absolviert. Dabei habe ich viele schöne Orte und Landschaften entdeckt. Vor allem habe ich mich selber besser kennengelernt.

Man kann sich da schlecht mit Ausreden durchmogeln oder sich verstecken. Man ist eingeladen, sehr ehrlich mit sich zu sein und sich genau einzuschätzen, wie weit man gehen kann. Ob ich ab Kilometer 50 weiterrenne, kann nur ich entscheiden. Diese Auseinandersetzung mit sich selbst ist hart, aber sehr bereichernd. Ich sollte meine Grenzen genau erkennen können, aber auch meine Möglichkeiten, die viel grösser sind, als viele meinen.

Was treibt Sie als Extremsportlerin zum Ultramarathon oder zur Atlantiküberquerung im kleinen Ruderboot an? Der Sieg?
Nein, mir geht es nie um einen Podiumsplatz. Ich sehe diese Rennen als persön­liche Herausforderung. Zudem macht es mir Spass, andere Läufer zum Durchhalten zu motivieren. Wenn ich sehe, dass sie kurz vor dem Aufgeben plötzlich wieder zu Kräften kommen, ist das für mich ein schönes Erlebnis.

Ist Siegen nicht schöner, als andere vom Aufgeben abzubringen?
Siegen «gegen» jemanden interessiert mich nicht. Als ich beim Olympian Race in Griechenland Zweite wurde, bin ich mit der Drittplatzierten über die Ziellinie ­gelaufen. Nein, mir bringt es nichts, wenn ich drei Sekunden schneller bin als die ­anderen. Den Sieg erlebe ich in meinem Innersten. Mir geht es darum, mich besser kennenzulernen, gerade in Extremsitua­tionen.

Die Pokale, die ich holte, brauche ich nicht, um sie in einer Vitrine auszustellen, sondern um Süssigkeiten darin aufzubewahren oder um sie zweckentfremdet als Blumentopf zu nutzen (lacht). Diese Einstellung, nicht möglichst schnell über die Ziellinie zu kommen, hat mir auf dem Atlantik sehr viel geholfen.

Anzeige

Das heisst?
Man könnte es «Der Weg ist das Ziel» nennen. Ich wusste, dass sich eine Situation rasch ändern kann und dass man oft einen Plan spontan und schnell ändern muss, um über die Runden zu kommen.

Da geht es um Loslassen oder um das Weglegen von Wut oder Frust, damit man sich aufs grosse Ziel konzentrieren kann. Verdrängen ist ignorieren – das hilft nicht, sondern blockiert.

Foto: Dutch Motion (zVg), 8.11.2019, Gabi Schenkel rudert mit ihrem Boot

Gabi Schenkel: «Wenn ich nicht gut drauf war, motivierte ich mich selber. Indem ich mir gut zuredete, mich lobte, sang oder tanzte.»

Quelle: Dutch Motion

Auch wenn das Ziel 2500 Seemeilen entfernt ist?
Absolut. Hätte ich nur wild drauflosge­rudert, wäre ich vielleicht gar nie angekommen. Weil ich allein unterwegs war, musste ich mich ständig auf neue Situationen einstellen. Mal wechselte das Wetter von Sonne auf Sturm, dann rollten plötzlich haushohe Wellen aufs Boot zu.

Deshalb bringt mich die Diskussion, wann Schulen, Restaurants oder Industriebetriebe wieder öffnen, nicht aus der Ruhe. Ich nehme es, wie es kommt, und stelle mich bestmöglich darauf ein. In Selbstmitleid zu verharren, ist nicht meine Art. Meine De­vise lautet: Get up and show up.

Anzeige

Immer so einfach?
Übung macht den Meister. Ich hatte zwei Langarm-Shirts mit Sonnenfaktor 50 und zwei T-Shirts an Bord. Als eines der T-Shirts über Bord ging, haben ich mich geärgert, aber nur kurz. Dann wollte ich es möglichst schnell vergessen, um wieder zum Ruder zu greifen.

Wieder voll motiviert?
Praktisch sofort. Und wenn ich grad nicht gut drauf war, motivierte ich mich selber. Indem ich mir gut zuredete, mich lobte, sang oder tanzte. Ich wollte dem Negativen keinen Platz lassen und das Positive in den Vordergrund drängen.

Je schneller man aus der Selbstzerstörung herauskommt, desto besser. Geholfen hat mir auch eine Sturmschwalbe, die regelmässig beim Boot aufgetaucht ist und mich begleitet hat.

Haben Sie nie pausiert und sich entspannt auf dem Atlantik?
Ich wusste: Wenn ich mich täglich eine Stunde ausruhe, komme ich eine Woche später an. Aber unfreiwillig war ich ein paar Tage stark lädiert. Ich wurde früh krank, hatte eine Entzündung in Ohr, Nase und Hals. Ich musste tagelang Antibiotika schlucken, um das Fieber wegzukriegen.

Weil ich angeschlagen war, habe ich zwischendurch eine halbe Stunde auf Deck gedöst und mir in der Nacht zehn Stunden gegönnt. Ich merkte richtig, wie mich die Kräfte verliessen.

Eine neue Erfahrung?
Nein, ich kannte das von einem Ultra­marathon, als mir die Kraft förmlich aus dem Körper gesogen wurde und ich mit Verdacht auf Lungenentzündung aus dem Rennen genommen wurde. So etwas zu verdauen, kostet viel Energie. Vor allem auf dem Meer in totaler Einsamkeit. Zudem habe ich deswegen viel Zeit und den näheren Kontakt zu den anderen Booten verloren.

Die Folgen?
In solchen Situationen hat man die Tendenz, sich selber schlechtzumachen und in eine demotivierende Negativspirale zu geraten. Nach fünf Tagen war es über­standen. Dann fuhr ich mein Ruder-Tagespensum wieder auf 12 bis 14 Stunden hoch – und ruderte von 4 Uhr 45 bis 18 Uhr durch.

Anzeige

Und legen sich Millionen mal in die Riemen?
Ich hatte ja nichts an Bord, was mich auch nur im Geringsten ablenken konnte – kein Buch, kein iPad, kein Zeichenblock. Ich konnte also nicht fliehen, es blieb nur das Rudern – je mehr, desto besser.

Und bloss nach Lust und Laune zu arbeiten, liess mir mein Sportsgeist nicht zu. Ich hatte den Willen, als erste Sportlerin aus dem ­kleinen Binnenland Schweiz alleine über den Atlantik zu rudern.

Aufgeben war keine Option?
Nie, nie, nie. Gut, als ich wegen eines ­Ausfalls meines Autopiloten von der Ideal­linie abkam und nach Süden driftete, ­fragte ich mich schon, wie ich das schaffe, jedoch nicht, ob das schaffe. Aber nur ganz kurz. Dann war ich wieder felsenfest überzeugt: Antigua, ich komme.

Weil ich kurz vor dem Ziel wieder südwärts gedrängt wurde, wusste ich, was mich er­wartet: Da habe ich 24 Stunden am Stück gerudert, mit einer halben Stunde Pause.

Anzeige

Ihr Autopilot ist ausgestiegen, die Ersatzruder brachen.
Beide Autopiloten stiegen aus. Sie sind konzipiert für Segelboote, aber nicht für die ständige Unruhe auf einem Ruderboot auf hoher See. Denn es gab oft eine starke Strömung aus Nordrichtung. Auch meine beiden Satellitentelefone gaben ihren Geist auf, weil die Batterien korrodierten.

Weshalb?
Sie kamen mit Salzwasser in Kontakt, weil mein Boot nach etwa 1500 Kilometern von einer Sieben-Meter-Welle von der Seite erfasst wurde, die ausgerechnet über mir zusammenbrach. Das Boot hat sich einmal um die eigene Längsachse gedreht.

Ich wurde von Bord gespült, war aber mit einer Leine verbunden und konnte zurück aufs Deck steigen. Im ersten Augenblick war ich schockiert, erholte mich aber relativ schnell wieder.

Durch den Ausfall der Satellitentelefone hatten Sie keinen Kontakt mehr mit der Aussenwelt?
Doch, dank dem Modem, mit dem ich über eine Satellitenverbindung SMS versenden und empfangen konnte, hatte ich täglich trotzdem Wetterupdates und konnte die Organisation über meine aktuelle Situation informieren.

Anzeige

Weil sich mein Kontakt zur Aussenwelt entsprechend extrem einschränkte, war es überwältigend, als nach sechzig Tagen ein Begleitboot auftauchte und ich nach Wochen wieder mal mit Menschen reden konnte.

Was können Manager von Ihrer Erfahrung lernen?
Drei Dinge: Eine ungeschminkte Selbsteinschätzung, Empathie für sich und für andere, die Dinge nochmals nüchtern aus anderer Optik anschauen, um keine ­Chance zu verpassen. Ich habe regelmässig Manager in der Praxis, da merkte ich, dass die Klischees – hart, zielgerichtet – oft nur zutreffen, wenn man nicht genau hinschaut.

Die anderen Seiten sind genauso vorhanden. Und viele sind auch selbst­kritisch. Es braucht viel Selbsterkenntnis, um die eigenen Schwächen oder die ausbaufähigen Faktoren zu erkennen und sie als starke Eigenschaften zu sehen.

Und nachzubessern?
Es lohnt sich, daran zu arbeiten, denn das mündet in besseres Führungsverhalten und mehr Authentizität. Daraus ergibt sich sehr viel Respekt, weil die Leute merken, dass hier niemand eine Rolle spielt.

Weitere wichtige Erfahrungen von Ihnen?
Obschon ich physisch alleine über den ­Atlantik gerudert bin, ist das positive Resultat das Ergebnis eines Teams. Ohne die finanzielle Hilfe von Sponsoren, Dona­toren, die mentale Unterstützung meiner Schwester und den Rückhalt von meinen Eltern und Freunden sowie von den vielen interessierten Mitfiebernden wäre ich kaum bis nach Antigua gelangt.

Rudern, Ultramarathon – Sie betreiben nur Einzelsport?
Ich bin keine Einzelgängerin und arbeite gerne im Team. Es ist auf die Dauer ziemlich anstrengend, immer alleine für alles verantwortlich zu sein. Aber ich habe halt ziemlich klare Meinungen und halte ­damit nicht zurück. Doch ich suche stets den Kompromiss oder das Optimum. Bei der Atlantic Challenge habe ich mir ein Zweierteam gewünscht.

Anzeige

Die Extremsportlerin

Name: Gabi Schenkel
Funktion: Inhaberin einer Osteopathiepraxis in Zürich
Alter: 43
Ausbildung: Jus-Studium an der Uni Zürich, Athletic Training am College of the Sequoias, Visalia, Kalifornien, Interkantonales Diplom GDK, Ecole Suisse d’Ostéopathie, Lausanne (Osteopathin D.O.)
Karriere:
seit 2007: Eigentümerin einer 
Osteopathiepraxis
2012 bis 2015: Vorstand Schweizerischer Verband der Osteopathen
2012 bis 2017: Kommission der Weiterbildungskontrolle des SVO

Sie hatten Sponsoren im Rücken. Ging Ihre ­persönliche Rechnung auf?
Nein. Die Suche war sehr schwierig. Viele haben zwar gehört, dass ich Ultramarathon laufe, aber allein über den Atlantik war dann doch ein etwas anderes Kaliber.

Weil ich bloss 60 Kilogramm wiege und vorher gerudert hatte, zweifelten wohl viele dran, dass ich das schaffen kann. Und wollten im Falle meines Nichtankommens nicht mit dem Namen genannt sein.

Ausser die Universitätsklinik Balgrist in Zürich.
Gut, ich selber war 200 Prozent überzeugt, dass ich es schaffen würde. Nur war es wohl für die meisten eine nicht ganz greifbare Idee. Umso wohltuender war es für mich, als der Balgrist als Medical Partner und Sponsor zusagte und ich spürte: Da gibt es Leute, die an mich glauben. Die Unterstützung hatte ich auch auf dem Meer, indem ein Sportmediziner rund um die Uhr erreichbar war.

Als ich krank wurde, konnte ich so per Telefon eine Zweitmeinung einholen. Und ich konnte ab und zu mit jemandem reden, der mich mo­tivierte und mich verstand, wenn ich mit meiner Meinung und meinen Emotionen nicht hinter dem Berg hielt.

Mit den Sponsorengeldern kamen Sie über die Runden?
Nein, trotz weiteren drei Sponsoren. Ich musste bei der Familie ein zinsloses Darlehen aufnehmen und steckte einen Teil meines Privatvermögens ins Projekt. Indem ich das Boot, das mich 85 000 Franken gekostet hat, verkaufen werde, kann ich den Kredit zurückzahlen. Nun will im Dezember 2021 ein Schweizer Frauenteam an den Start gehen.

Ihre nächste Herausforderung?
Meine Osteopathiepraxis wieder in die Gänge zu bringen. Und vielleicht am ­Spartathlon teilzunehmen.

Ein 100-Kilometer-Lauf?
Nein, 246 Kilometer. Das Rennen führt von der Akropolis in Athen nach Sparta. Dort küsst man den Fuss der Leonidas-­Statue. Das ist das Höchste für Ultramarathonläufer in Griechenland. Die Quali­fikation habe ich geschafft, jetzt wird nach dem Lotteriesystem entschieden, wer laufen darf.

Da ist man zwischen 20 und 30 Stunden unterwegs. Sollte es diesmal nicht klappen, weiss ich: Es gibt noch viele andere schöne Orte, wo man laufen kann.

Die Podcasts auf HZ

Upbeat: Die Startup-Serie • Schöne neue Arbeitswelt • Insights: Hintergründe und Analysen

Jetzt reinhören und abonnieren
Placeholder