Martin Emch tut was. Sein B2 Boutique Hotel + Spa auf dem Zürcher Hür­limann-­Areal liefert seit kurzem Luft in Spitalqualität: «Wir haben die komplette Lüftungsanlage des Hotels ergänzt», sagt der Chef der Tu­ricum Lifestyle Hospitality, «mittels UVC-Des­infektionssystem wird die Luft im gesamten ­Gebäude entkeimt.»

56 000 Franken hat Emch dafür investiert, was etwa dem Preis von 160 Hotelnächten im Hotel B2 entspricht. Wenn also die Gäste die versiegelte Tür zu einem der sechzig Zimmer öffnen, betreten sie einen keimfreien Raum. Corona-Aerosole haben hier nichts zu suchen – dem Hotel B2 fehlt es hygienetechnisch an nichts.

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Geschäftsreiseverkehr zusammengebrochen

Nur an Gästen fehlt es. Im August 2019, sagt Emch, sei sein Haus zu 83 Prozent ausgelastet gewesen. Ein Jahr später ist der Wert auf 39 Prozent abgestürzt. Damit gehört das B2 zwar noch zu den besseren in der Stadt und zu den wenigen, die ihre Preise halten konnten – aber das ist nur ein schwacher Trost. Der Geschäftsreiseverkehr, einst eine wichtige Stütze, sei komplett zusammengebrochen, berichtet Emch. Vom benachbarten Google-Schweiz-Sitz beispielsweise, früher ein verlässlicher Gästelieferant, «kommt rein gar nichts mehr».

Mit keimfreier Lüftungsanlage und automa­tischer Raumdesinfektion will Emch potenziellen Kundinnen und Kunden signalisieren, dass sie im B2 sicheres Gelände betreten. Das «optimale ­Sauberkeits- und Hygieneversprechen verleiht Gästen ein gutes Gefühl», sagt Emch. «Es ist eine Investition in die Zukunft.» 

Ein Engagement für eine Zukunft, die noch zu Jahresbeginn so gut aussah. Und jetzt nur eine Gewissheit bietet: Bevor es vielleicht besser wird, wird es ziemlich sicher schlechter werden.

 

Hoteliers in Schweizer und praktisch allen ­europäischen Städten müssen zusehen, wie ihre Belegungsraten tauchen. Und spektakuläre Schliessungen wie beim Swissôtel in Zürich oder beim Luxushotel «Le Richemond» in Genf zeigen, wie dünn die Luft selbst für bekannte Adressen geworden ist. 

Was in der Krise steckt, ist der sogenannte Revenue per available room (RevPar). Diese Kennzahl zeigt, wie viel Geld pro verfügbares Zimmer in der Kasse bleibt. Sackt diese Zahl schneller ab als die Belegungsrate, ist das ein Anzeichen dafür, dass das Hotelmanagement tiefere Preise machen muss, um im Konkurrenzkampf zu überstehen. Oder, was momentan eher das Thema ist, überhaupt noch Gäste anzuziehen.

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66 Prozent Minus

«Der RevPar», sagt Franz-­Xaver Leonhardt, Chef der Basler Krafft Gruppe, «ist die Grösse, die wir in der Hotellerie fokussieren; die Kennzahl zeugt von der Kunst, Belegung und Erlöse smart zu steuern.» Wobei es aktuell wenig zu steuern gibt. In der Gegend Basel dümpelte die Hotelbelegung im Juli 2020 bei 25 Prozent. Im Vorjahr waren es noch 75,2 Prozent – ein Minus von 66 Prozent. Der RevPar stürzte in dieser Zeit um 69,4 Prozent ab und lag noch bei 34.46 Franken. Dass der RevPar nur um wenig mehr als die Belegung absackte, zeigt dem Profi, dass es noch nicht zu verschärften Preiskämpfen gekommen ist.

Ein schwacher Trost, denn: «Wenn die Nach­frage so bescheiden ist, muss man gar nicht erst mit Preisen kämpfen», sagt Leonhardt. In Anbetracht fehlender Leitmessen und des ausbleibenden Geschäftsreiseverkehrs in Basel malt er ein düsteres Bild: «Die Situation ist extrem schwierig. Und sie wird sich auf den Winter hin kaum bessern.»

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«Sehe keine Anzeichen dafür, dass sich auch nur einer dieser Treiber in nächster Zeit wiederbeleben wird.»

Städte sind aktuell die grossen Verlierer im touristischen Konzert der Schweiz. Dabei standen die Metropolen bis vor sechs Monaten noch glänzend da. In der Zeit nach der Euro-Franken-­Krise zeigten Business-Hubs wie Zürich, Basel und Genf die stärkste Erholungstendenz und ­waren die Lokomotiven des positiven Trends. Geschäftsreisende, Touristen aus Übersee und die Generation Easyjet beflügelten Hotellerie und Gastronomie. Wenn jemand ein Problem sah, war es am ehesten das des «Overtourism». Zusätzlich profitierten Städte wie Luzern vom Aufschwung in den fernöstlichen Märkten.

Besonders Städte leiden

Mit dem Einsetzen der Corona-Krise kehrten sich die Verhältnisse in den Städten massiv. Der Befund: Undertourism herrscht. Kommt dazu: Von den reiselustigen Schweizern, die im Sommer notgedrungen das eigene Land entdeckten, profitierten vor allem alpine Gebiete.

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Die Städte hingegen, jahrelange Gewinner des boomenden Tourismus, leiden. Dies vor allem aus drei Gründen, sagt Martin von Moos: «Events, Geschäftsreiseverkehr und Freizeit­reisende aus Fernmärkten fallen fast komplett aus», so der Präsident der Zürcher Hoteliers. «Und ich sehe keine Anzeichen dafür, dass sich auch nur einer dieser Treiber in nächster Zeit wiederbeleben wird.»

Mehr im Podcast

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Was sich hingegen belebt, ist die Zahl der ­Hotels. Gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens JLL von 2019 sollen bis ins Jahr 2022 in und um Zürich 18 zusätzliche Häuser mit rund 2400 Zimmern entstehen. Bisher war die Gegend mit 13 700 Zimmern versorgt; projektiert ist also ein Angebots-Plus von 17 Prozent.

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Angesichts der Tatsache, dass der Airline-Dachverband Iata erst ab 2024 wieder eine Normalisierung des Flug­reiseverkehrs sieht und sich wohl kurzfristig keine wichtige Trendkurve des städtischen Tourismus si­gnifikant verbessern wird, ist diese Hotelflut kein gu­tes Zeichen. Sollte es überhaupt zu einer zarten Erholung kommen, würden die Anbieter wohl auf die Preise drücken müssen.

Pläne bleiben bestehen

So wird es wohl kommen. Von Moos jedenfalls sieht keine Anzeichen dafür, dass sich an der einst so optimistisch gefüllten Pipeline etwas geändert hätte: «Mir ist kein einziges Projekt bekannt, das zurückgezogen worden ist.»

Tatsächlich bestätigen die kommenden neuen Player ihre Pläne und Termine: Hyatt bringt mit zwei Häusern am Flughafen Zürich 555 Zimmer auf den Markt; das «Hyatt Regency» soll im November, das «Hyatt Place» im ersten Quartal 2021 öffnen. Das Budget-Designhotel Ruby in der Nähe des Hauptbahnhofs Zürich soll wie geplant 2021 erste Gäste empfangen, ebenso der 600-Betten-Brummer «Meininger» in Zürich-Süd.
 

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Viele der neuen Objekte sind stark immo­biliengetrieben. Weil Besitzer und Entwickler für Büro- und Retailnutzungen in der jüngeren Vergangenheit weniger optimistisch waren, setzten sie – mitten im Stadttouristik-Bullenmarkt – auf Hotels. Tatsächlich aber dürften die Neuankömmlinge auf einen Bärenmarkt stossen. Nach allen Regeln von Angebot und Nachfrage müssen sie dann zum Start an der Preisschraube drehen.

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Stadtwinter wird hart für Gastronomen

Neben den Hotels leidet auch die städtischen Gastronomen. Was sich im Sommer noch mit grosszügigen Regelungen bezüglich Boulevard-­Bestuhlung retten liess, wird im Winter wohl verloren gehen. Da wird auch eine Heizpilz-Armada nicht viel retten können.

«3500 Gastro-Betriebe sind schwer konkursgefährdet.»

Gastronomie- und Immobilienberater Peter Herzog befürchtet neben dem Stress-Szenario für die Hotellerie auch eines für die Gastronomie in der Stadt. Von den schweizweit rund 28 000 Gas­tronomiebetrieben sieht er 12 Prozent als «schwer konkursgefährdet, die meisten davon in Städten, darunter viele bisher solid arbeitende Unternehmen». Demnach wären 3500 Betriebe akut ­gefährdet; in der Annahme, dass durchschnittlich zehn Leute pro Restaurant auf der Payroll stehen, würde das die Jobs von 35 000 Menschen betreffen – die vielen Zulieferer noch gar nicht ­berücksichtigt.

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In der City wirkten sich fehlender Geschäftstourismus, Homeoffice-Trend und rezessiv gesteuertes Konsumverhalten besonders aus. Auch das im Lockdown so beliebte Liefergeschäft helfe da nicht, sagt Herzog: «Der Delivery-Trend wird zwar anhalten, aber Geld zu verdienen gibt es dabei nur für eine Hauptgewinnerin: die Online-Plattform, die das Liefergeschäft koordiniert und dabei ­abkassiert.»

Peter Herzog, Gastronomie-Experte

Gastronomie-Experte Peter Herzog sieht von den rund 28 000 Gas­tronomiebetrieben 12 Prozent als «schwer konkursgefährdet».

Quelle: ZVG

Wirte und Systemgastronomen könnten zwar mit gezielten Massnahmen – Angebotsreduktion bei den Menus, eingeschränkten Öffnungszeiten, etwa mit geschlossenem Sonntag – Kosten sparen, doch auch das bremse den Trend nicht. Eine grössere Chance sieht der Gastro-Experte im Bereich der sogenannten Ghost Kitchens: Gross­küchen also, die im ersten Agglo-Ring der Städte aufgestellt und von dort aus die private Kundschaft über ein Delivery-System bedienen könnten, wie dies im Ausland schon praktiziert wird. «Das würde Arbeits- und hohe Mietkosten an ­teuren Lagen reduzieren», sagt Herzog, «doch auf diesen Herbst und Winter hin lässt sich das noch kaum im grösseren Stil realisieren.»

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Neue Hotelmarke trotz Krise

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Wenn sich die Verhältnisse um die Viruskrise nicht markant besserten, werde es in den nächsten 18 Monaten «zum grossen Rutsch» kommen, weil Corona-Kredit und Kurzarbeit keine nachhaltige Überlebenshilfe seien. Herzog glaubt, dass der Staat in die Bresche springen müsste: per Reduktion der Mehrwertsteuer, «am besten befristet auf die nächsten zwei Jahre, und im Idealfall auch per Rückzahlung der schwierigen Monate im Frühling und Sommer 2020. Das würde der Branche die dringend benötigte Luft verschaffen.»

«Eine nie dagewesene Insolvenzwelle vermeiden.»

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Franz-Xaver Leonhardt, auch Vorstandsmitglied des Branchenverbandes Hotelleriesuisse Basel und Region, findet ebenfalls, dass der All­gemeinheit etwas an einem intakten urbanen Gastro- und Hotelleben liegen müsste, sichtbar an Massnahmen, wie sie etwa das deutsche Bundesland Baden-Württemberg mit seiner «Stabi­lisierungshilfe Corona für das Hotel- und Gaststättengewerbe» angeschoben hat.

Das Ziel des 300 Millionen Euro schweren Sonderprogramms formulierte die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut so: «Eine nie dagewesene Insolvenzwelle vermeiden.»

  • Dieser Beitrag erschien erstmals am 3. September 2020 und wurde leicht aktualisiert.

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