Der Vorschlag aus St. Gallen fand letztes Jahr in der ganzen Schweiz Beachtung. Die SP-Fraktion schlug im Stadtparlament vor, Immobilienbesitzer mit einer Abgabe zu bestrafen, wenn die Retailfläche wegen zu hoher Mieten leer steht. Die kontroverse Massnahme sollte das Ladensterben in der Innenstadt bremsen.

Das Problem bewegt nicht nur die St. Galler Politik. Viele, insbesondere kleinere, Städte und Gemeinden leiden unter dem Ladensterben. Die Shopping-Gewohnheiten verändern sich, Konsumenten kaufen im Internet oder im Ausland ein – und immer mehr Geschäfte stehen leer.

Es gibt in der Schweiz keinen Bedarf für zusätzliche Ladenflächen. Und doch werden derzeit viele neue Räumlichkeiten für den Detailhandel gebaut. Das geht aus dem aktuellen Immobilienbericht der Bank Raiffeisen hervor.

Ein Nebeneffekt des Immobilienbooms

Die zusätzliche Fläche befindet sich häufig im Erdgeschoss von grossen Überbauungen in den Zentren des Mittellands – dort, wo institutionelle Investoren weiterhin rege neue Mehrfamilienhäuser aufstellen. Es sind Orte, wo zusätzliche Verkaufsflächen keinen Sinn ergeben.

Wieso bauen Investoren an der Nachfrage vorbei? Sie hätten keine andere Wahl, glaubt Raiffeisen. Denn vielerorts schreiben ihnen Vorschriften und Verordnungen eine Mischnutzung vor. Wer Wohnungen baut, muss auch Retailflächen einplanen.

Die Gesetzgeber möchten auf diesem Weg für belebte Quartiere sorgen, in denen die Bewohner in der Nachbarschaft ihre Lebensmittel oder Blumen kaufen, Kaffee trinken gehen und das soziale Leben pflegen. Die Realität sieht oft anders aus: Die Ladenflächen im Erdgeschoss lassen sich meist nur mit Schwierigkeiten füllen. Und es fällt noch schwerer, damit Geld zu verdienen. Wenn sich Interessenten finden lassen, dann oft nur, nachdem die Vermieter beim Preis heruntergehen.

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Die Wohnungsmieter bezahlen mit

Die Entwickler rechneten laut Raiffeisen bereits im Vorfeld damit, Probleme bei der Vermarktung der Parterrefläche zu bekommen – und kalkulierten die drohenden Leerstände und Mietzinsreduktionen ein. Die Wohnungsmieter müssten die Kosten in Form von höheren Mieten mitbezahlen.

«Dies sind Entwicklungen, welche wohl kaum mit den ursprünglichen Zielen von Bauordnungen, Überbauungsplänen und Einzonungen vereinbar sind», schreibt Raiffeisen.

Im Erdgeschoss könnte man durchaus Wohnungen einrichten, sagt Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. Auch andere Nutzungen, beispielsweise Gemeinschaftsräume, liessen sich im Parterre umsetzen. «Es gibt viele gestalterische Möglichkeiten.»

Die Immobilienspezialisten der Bank rufen dazu auf, Investoren freiere Hand zu gewähren.

Statt der Migros zieht ein Yogastudio ein

Der Druck auf den Detailhandel – und entsprechend auf die Mieten für Retailflächen – wird aus Sicht von Raiffeisen anhalten. Der Trend wird aber nicht zwingend zu vielen leeren Geschäften führen. Denn die tiefen Ladenmieten locken Interessenten aus anderen Branchen an. Statt Detailhändlern richten sich Gastronomen, Kinderkrippen oder Coiffeure in den Räumlichkeiten ein. «Um als Vermieter Leerstände verhindern zu können, braucht es Offenheit», schreibt Raiffeisen. Und auch über den Preis, die Mietdauer und die Kündigungsfristen müssten Vermieter mit sich reden lassen.

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