Donald Trump (74) gegen Joe Biden (77) – das ist wie Feuer und Eis.

Hier der Amts­inhaber mit seinem feurigen Temperament, unberechenbar, geliebt oder gehasst. Dort der Herausforderer, von einer abgeklärten Coolness, für geordnete Verhältnisse stehend, weitherum geschätzt. Noch weiss man nicht, wer das Weisse Haus für sich gewinnen kann.

 

Trump ist eigentlich der Favorit der Wirtschaft und der Börse.

Trump liegt in den Umfragen derzeit zwar klar hinter Biden zurück. Doch bis zu den Wahlen sind es noch siebzig Tage – eine lange Zeit, in der viel passieren kann.

Die vergangenen vier Jahre, in denen Trump an der Macht war, waren für die Wirtschaft gute Jahre, zumindest bis zum Beginn der Corona-Krise. Trump reduzierte den Unternehmenssteuersatz von 34 auf 21 Prozent und lichtete den Wald an Regulierungen aus, der unter seinem Vorgänger Barack Obama immer dichter geworden war.

Die Jahre waren von Wirtschaftswachstum und steigenden Aktienkursen geprägt: Der Dow-Jones-Index hat seit der Amtseinführung Trumps um weit über einen Drittel zugelegt (trotz Corona), der S&P-500-Index sogar um die Hälfte.

Von daher ist Trump eigentlich der Favorit der Wirtschaft und der Börse. Denn Joe Biden hat angekündigt, die Steuersenkungen teilweise rückgängig machen zu wollen und insbesondere im Gesundheitssektor und in der Finanzindustrie wieder für mehr staatlichen Einfluss zu sorgen. Auch will er die Auflagen für Investmentbanken verstärken.

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Fakten zum Thema

4 Prozentpunkte betrug der Rückstand von Donald Trump gegenüber Joe Biden in den jüngsten Umfragen.

78 Jahre alt wäre der Demokrat Joe Biden bei seinem Amtsantritt – so alt wie noch kein US-Präsident vor ihm.

28 Prozent statt 21 Prozent Unternehmensteuern: Auf diesen Wert will Joe Biden die von Trump gesenkten Abgaben wieder erhöhen.

2 Billionen Dollar. So viel Geld will Biden in den Umbau der Energieversorgung und gegen den Klimawandel investieren.

Die US-Bank Goldman Sachs rechnete vor, dass ein vollständiger Sieg der Demokraten, also inklusive eines Siegs im Kongress, einen durchschnittlichen Rückgang der Gewinne der S&P-500-Unternehmen um 12 Prozent zur Folge hätte. «Starke Aktienmärkte! Ihr wollt sie abtauchen sehen? Dann stimmt für die radikale Linke mit ihren grossen Steuererhöhungen», twitterte ­Donald Trump als Reaktion auf das Wahlprogramm von Biden.

Handelskrieg und Gehässigkeiten

Doch Trump war nicht nur ein Segen für Wirtschaft und Aktienmärkte. Seine Präsidentschaft war auch geprägt von Gehässigkeiten gegenüber Europa und vom Handelskrieg mit China. Die Unsicherheiten, die daraus resultierten, waren Gift für die Kurse.

Entsprechend hat J. P. Morgan einen Sieg von Biden sogar als «neutral bis leicht positiv» für den Aktienmarkt eingestuft. Die US-Bank verspricht sich von Biden im Weissen Haus eine diplomatischere und weniger erratische Politik als von Trump.

US-Wahlen

  • Lesen Sie das Interview mit Martin Naville, dem Chef der schweizerisch-amerikanischen Handelskammer hier.
  • Don Beyer war US-Botschafter in Bern. Nun ist er im Kongress und einer von Donald Trumps härtesten Gegnern. Seine Hoffnung: Dass Joe Biden siegt. Mehr hier.

Interessant ist dabei, dass sich die Aktienmärkte historisch gesehen unter demokratischen Präsidenten sogar besser entwickelt haben als unter republika­nischen. Das hat eine Auswertung der Investmentgesellschaft Schroders ergeben, die bis 1933 zurückreicht.

Demnach stieg der S&P-500-Index während demokra­tischen Präsidentschaften jährlich real um durchschnittlich 10,2 Prozent an, während republikanischen Präsidentschaften nur um 6,9 Prozent (siehe Grafik unten).

Märkte legen nicht jedes Wort von Trump auf die Goldwaage

Dennoch: Donald Trump ist zwar umstritten, aber er ist der Favorit der Börse. Dieser Ansicht ist auch Martin Lück, Chef-Investmentstratege für Deutschland, Schweiz, Österreich und Osteuropa beim Vermögensverwalter Blackrock. «Denn die Kapitalmärkte sind pragmatisch und schätzen Steuersenkungen oder den Abbau von Regu­lierungen wie beispielsweise Umweltstandards.»

Auch hätten die Finanzmärkte gelernt, sich ein Stück weit von der Unberechenbarkeit der Trump’schen Politik zu emanzipieren, etwa von der Eskalation der Spannungen mit China oder von den Drohgebärden gegen Russland, so Lück. «Daher glaube ich, dass die Märkte nicht jedes Wort von Trump auf die Goldwaage legen.»

Joe Biden hingegen bedeute für die Märkte wohl mehr Ungewissheit. Biden selbst habe wirtschaftspolitisch zwar eher moderate Ansichten. «Doch bei den Demokraten insgesamt sind Forderungen populär, Technologiekonzerne zu zerschlagen», meint Martin Lück. «Dies könnte Biden ­innerparteilich unter Druck setzen, eine entsprechende Richtung einzuschlagen.»

Auch aus Sicht von Matthias Jenzer, CEO der Vermögensverwaltung Quilvest Switzerland, dürfte eine Bestätigung des Amtsinhabers den Aktienmärkten Aufwind verschaffen. «Sollte eine Trump-­Wiederwahl aufgrund der laufenden Vorwahlergebnisse eine Überraschung sein, wird der Aktienmarkt mit Sicherheit stark beflügelt werden.»

Zurück zum Pariser Klimaabkommen?

Sektoren wie Energie und Technologie würden zu den grössten Gewinnern gehören. Denn: «Bidens Agenda ist weniger aktienfreundlich, zumindest unmittelbar. Wir rechnen mit einer kleinen Korrektur der Märkte im Fall einer Wahl Bidens

David Goodman, Aktienanalyst bei ­Columbia Threadneedle Investments, ist überzeugt, dass eine Biden-Administra­tion die Sektoren Energie und Automobile stärker regulieren würde. Zudem würden sich die USA wieder zum Pariser Klima­abkommen bekennen.

Grundverschieden

Das passende Anlageverhalten hängt stark davon ab, ob Trump oder Biden gewinnt.

Investoren, die mit einem Sieg von Trump rechnen, sollten diese US-Branchen berücksichtigen

  • Klassisches Öl- und Energiegeschäft, Fracking-Industrie: Trump dürfte weiterhin auf strenge Umweltauflagen verzichten.
  • Finanzindustrie: Könnte von weiterer Deregulierung durch die Administration Trump profitieren.
  • Technologie: Die Demokraten wollen eine Zerschlagung von Big Tech. Solche Pläne hat Trump nicht.
  • Pharma: Die Medikamentenpreise kommen bei Trump weniger unter Druck als bei Biden.
  • Raumfahrttechnologien: Trump steht für eine Weiterentwicklung der Raumfahrt ein.

Investoren, die mit einem Sieg von Biden rechnen, sollten diese US-Branchen berücksichtigen

  • Erneuerbare Energie, Energieeffizienz: Biden will eine grüne Agenda durchsetzen und das Pariser Klimaabkommen wieder anerkennen.
  • Exportwirtschaft: Unter Biden dürften sich die Beziehungen zu China und Europa normalisieren, was den Exporten zugutekommt.
  • Maschinenbau, Stahlindustrie, Infrastruktur: Biden will mit 700 Milliarden Dollar staatlichen Investitionen die Wirtschaft stärken und die Infrastruktur ausbauen.
  • Konsumgüter: Könnten von der von Biden angekündigten Erhöhung des Mindestlohns profitieren.

«Das würde wahrscheinlich Gegenwind für den Energiesektor und für damit verbundene Industrien wie Maschinenbau bedeuten.» Finanz­unternehmen könnten ebenso unter verstärkter Regulierung leiden, zudem könnte Biden grosse Technologieunternehmen stärker kontrollieren, so Goodman.

Ähnlich sieht es Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz bei der UBS. Kurzfristig gesehen sei aber weniger wichtig, wer die Wahl gewinnt, sondern dass die USA politisch handlungsfähig seien und die zahlreichen Problemfelder adressiert werden könnten. «Insofern wäre für die Märkte eine hohe Unsicherheit bei einer extrem knappen Wahl und einem allfälligen Rechtsstreit über den Ausgang das wohl schlechteste Szenario», sagt Kalt.

Entscheidung auch im Kongress

Beobachter weisen darauf hin, dass am 3. November nicht nur der Präsident auserkoren wird, sondern auch Parlamentswahlen stattfinden. Neu gewählt werden alle Mitglieder des Repräsentantenhauses sowie 35 Senatoren.

Anleger-Tipps

Wir erleben derzeit einen fundamentalen Wandel der Wirtschaft, der von Dauer sein dürfte. Was heisst das für Ihr Portfolio? Mehr hier.

Die Auswirkungen der Wahlen auf Wirtschaft und Aktienmärkte hängten sehr davon ab, ob eine Partei nicht nur den Präsidenten stelle, sondern auch im Kongress (Parlament) bestimmen könne.

Aus Sicht von Daniel Kalt von der UBS ist dabei ein eindeutiger Wahlsieg, für welche Partei auch immer, zu bevorzugen: «Klare Verhältnisse mit einem Kongress, in dem einer der beiden Parteien beide Kammern beherrscht, würde die Unsicherheit kurzfristig am schnellsten beseitigen.»

David Goodman dagegen sieht Vorteile, wenn keine Partei durchmarschieren kann. «Der auf kurze Sicht marktfreundlichste Ausgang könnte eine geteilte Herrschaft sein», betont er, «entweder der Status quo oder eine Biden-Präsidentschaft mit einem republikanisch kontrollierten Senat.» So unterschiedlich sind die Einschätzungen.

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