Fast schon ist es Tradition, dass Schweizer Bundesräte im Vorfeld des Davoser WEF auch in St. Moritz Halt machen. 2018 war es alt Bundesrat Johann Schneider-Ammann, in zwei Monaten wird es Aussenminister Ignazio Cassis sein, der wie sein Vorgänger der Crypto Finance Conference in St. Moritz seine Aufwartung macht. Investoren aus Asien, den USA und Europa lassen sich dort im Januar über die neusten Trends in der Blockchain-Branche orientieren. Cassis seinerseits wird über die künftige Schweizer Aussenpolitik referieren.

Cassis’ Auftritt in der Krypto-Branche ist kein Zufall. Seit Monaten konkretisiert sein Aussendepartement die Pläne, das Thema Technologie auf die aussenpolitische Agenda der Schweiz zu hieven. In den Fokus rückt dabei seit kurzem das Thema Blockchain. Bundesrätliche Auftritte in den heimischen Bergen, aktive Botschafter im fernen Ausland: Ganz scheint es so, als verankerten Cassis und sein Departement die junge Technologie gerade als Teil der Aussen- und Entwicklungspolitik.

Afrikanische Startups

Erst letzte Woche reiste eine Schweizer Wirtschaftsdelegation auf die östlich vor Afrika liegende Insel Mauritius. Eine gute Million Einwohner, viel Sonne, vor allem aber ein wachsendes Bankenviertel mit Tech-Affinitäten in der Hauptstadt Port Louis: Das erwartete die Schweizer Teilnehmer, grösstenteils Geschäftsleute aus dem Crypto Valley rund um Zug.

«Wir haben ein grosses Interesse, nach vorne zu schauen.»

Ignazio Cassis, Bundesrat

Ignazio Cassis, Bundesrat

Quelle: Keystone Images
Anzeige

Den «explorativen» Besuch – wie es ein Teilnehmer ausdrückt – hatte die für Mauritius zuständige Schweizer Botschaft in Südafrika zusammen mit lokalen Wirtschaftsverbänden organisiert, angeführt wurde sie von der Swiss Blockchain Federation. Die Mission: die Bande zwischen der Schweiz und dem aufstrebenden Finanzzentrum Mauritius stärken und Afrika mittels Technologie voranbringen. Tech-Diplomatie heisst das im Jargon der Aussenpolitiker. Investoren sprechen auch von Geschäftsopportunitäten.

Am Anfang der Geschichte stand die von Cassis initiierte neue Vision für die Schweizer Aussenpolitik fürs Jahr 2028 – die sogenannte Avis28. Demnach soll die Aussenpolitik künftig auf fünf Säulen fussen. Eine davon ist neuerdings die Hinwendung zur Technologie. In einem Satz: Die Schweiz mit dem internationalen Genf soll zum Standort für globale, gesellschaftsrelevante Technologiefragen aufsteigen. Gleichzeitig sollen die Chancen von neuen Technologien für die Schweiz, aber auch für die Welt optimiert werden. Dazu gehören natürlich auch der Export von Fachwissen aus der Schweiz und das globale Vernetzen.

Afrika Tech
Quelle: Handelszeitung
Anzeige

Die Aktivitäten in Mauritius sind noch in der Projektphase. Angedacht ist allerdings bereits die Zusammenarbeit mit einer dortigen Universität. Vorderhand hat das Aussendepartement noch wenig damit zu tun; die Federführung liegt eindeutig bei der Swiss Blockchain Federation und bei CV VC – eine Abkürzung für Crypto Valley Venture Capital.

In Zug bietet diese Investmentgesellschaft zahlreichen Startups Infrastruktur, Geld und Betreuung und erhält im Gegenzug Aktienanteile an den Jungfirmen. Nun möchte CV VC auch in Mauritius einen Hub, einen sogenannten Inkubator für afrikanische Startups ins Leben rufen. Die Hoffnung wie immer bei Wagniskapitalgebern: Eines dieser Startups möge dereinst wirklich durchstarten und für die vergebliche Mühe bei anderen entschädigen.

Anreiz für Investoren

Mauritius ist Teil der Initiative Smart Africa, mit der 24 afrikanische Staaten versuchen wollen, ihre Länder digital weiterzuentwickeln und kompetitiv zu machen. Smart Africa, die Aktivitäten von CV VC: Das alles schliesst sich nahtlos an Cassis’ Vorstellung an, Kapital, Fachwissen und Technologie beschleunigt via Schweizer Unternehmen in afrikanische Länder zu transferieren.

internetnutzung
Quelle: Handelszeitung
Anzeige

Von Blockchain war im ursprünglichen Konzeptpapier zur Avis28 noch keine Rede. Doch spätestens im letzten Sommer hat der Wind gedreht. Damals legte die Swiss Blockchain Federation an der offiziellen, im Crypto Valley abgehaltenen Botschafterkonferenz dar, wie es um die Technologie steht und warum die Schweiz im internationalen Kontext dank zahlreich hier angesiedelten Firmen ganz vorne mitspielt.

Die Resonanz unter den Botschaftern war beträchtlich. Und auch im Aussendepartement kam man zum Schluss: Blockchain-Tech – das ist die Rakete, mit der man die neue Mission Tech-Diplomatie so richtig starten kann. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Mehrere Botschaften aus Lateinamerika, Afrika und auch Europa fragten an, ob man nicht Events vor Ort organisieren könne.

Der Anlass in Mauritius jedenfalls scheint gut angekommen zu sein. Ein Meeting mit über hundert Leuten fand statt, ein Workshop mit Beteiligung der Uni. Auch die grossen Banken Mauritius’ waren dabei. Und schon jetzt ist klar: Die Veranstaltung in Port Louis letzte Woche wird nicht die letzte ihrer Art gewesen sein.

wachstum
Quelle: Handelszeitung
Anzeige

Wenn alles klappt, dürfte das afrikanische Kapitel bereits in St. Moritz eine Fortsetzung auf höchster Ebene erfahren. Zumindest ist neben Cassis auch Mauritius’ Ministerpräsident Pravind Jugnauth eingeladen. Und Vertreter von anderen afrikanischen Ländern dürften ebenfalls anwesend sein, will doch die Crypto Finance Conference den anwesenden Investoren und Family Offices einen Überblick über die Chancen und Entwicklungspotenziale in Afrika bieten. Es wäre nicht das erste Mal, dass Aussenpolitik und Geschäftsinteressen das gleiche Parkett betreten.