Nora Kronig Romero hat nicht viel Zeit, hetzt von Termin zu Termin, den nächsten hat sie gleich mit Bundesrat Alain Berset. Ihre Miene ist ernst, der Blick geradeaus, als ob sie mit ihren Gedanken längst woanders wäre. Sie wirkt angespannt, etwas genervt von den ständigen Meldungen, was sie bei der Impfstoffbeschaffung wieder alles falsch gemacht habe. Zu wenig Impfdosen, Lieferengpässe, Zahlenwirrwarr – der Druck auf die Vizedirektorin im BAG ist riesig.

Kronig ist die oberste Impfstoff-Dealerin des Landes. Mit dem Segen von Berset führt sie die Verhandlungen mit Vakzin-Herstellern und muss dafür kämpfen, dass genügend Impfstoff für die Schweiz gesichert ist. «Die Verhandlungen sind hart», sagt Kronig Romero. Es komme aufs Detail an, auf das, was der Staat und die Pharmafirmen im Vertrag alles fixiert haben wollen. Es ist viel. Laut Agreement zwischen Pfizer und Israel sind es Gerichtsstand, Haftungsfragen und allfällige Folgeschäden nach dem Impfen. «Es muss juristisch sauber sein, warum worauf geklagt werden könnte», sagt ein Insider.

Die «Staatsdienerin»

Manchmal harzt es nicht nur in den Verhandlungen, sondern auch in den eigenen Reihen. Intern gestritten werde nicht. «Aber Diskussionen darüber, wo es Herausforderungen geben könnte, gibt es schon», sagt Kronig Romero. Wie da die Zusammenarbeit mit dem Bundesrat funktioniere? Ihre diplomatische Antwort: «Zur Zusammenarbeit mit dem Bundesrat äussere ich mich als Staatsdienerin nicht.» Ihre Arbeit sei es, Lösungen zu finden. «Sonst bräuchte es mich nicht.»

Diese Aufgaben sind neu für die öffentlichkeitsscheue Karrierediplomatin. Kronig Romero ist ausgebildete HSG-Ökonomin und seit jeher im Staatsdienst. Die Privatwirtschaft, mit der sie nun dealen muss, kennt sie bloss von aussen. Gut zehn Jahre war sie im Aussendepartement. Sie vertrat die Schweiz in multilateralen Fragen bei der UNO in Genf, war Stabschefin und Assistentin von Staatssekretär Yves Rossier (heute Botschafter in Russland) und Peter Maurer (heute Präsident des IKRK).

550'000 Impfdosen

Impfstoff: Mehr als 550'000 Dosen wurden per Anfang Februar an die Schweiz ausgeliefert. Eine Woche davor waren es noch 135'000. Mit Curevac und Novavax wurden zusätzlich Impfungen für 5,5 Millionen Menschen gesichert. Sofern Swissmedic diese Impfstoffe zulässt, könnten sie ab dem zweiten Quartal ausgeliefert werden.

Covax: An der internationalen Allianz hat sich die Schweiz mit 10 Millionen Franken beteiligt und hat Anspruch auf 3,2 Millionen Dosen. Jedoch würde es lange dauern, diese abzurufen.

Lonza: Ein Engagement des Staates bei dem Basler Konzern für die Produktion für den Eigenbedarf wäre in die Milliarden gegangen, heisst es beim BAG. Dafür fehlten die Gesetze.

Im diplomatischen Dienst verdiente sie sich ihre Sporen ab. Kaum im Gesundheitswesen, das BAG vertritt sie gegenüber dem Ausland in Gesundheitsfragen seit 2017. Sie lernte, hinter verschlossenen Türen von Staat zu Staat zu verhandeln: höflich, aber bestimmt, wie es heisst. Den Titel «Botschafterin» trägt sie heute noch.

Jetzt steht sie an der Front und muss sich mit Pharmaverkäufern, Juristen und Medienleuten herumschlagen. Spitze Ellenbogen sind da gefragt. Im Wochentakt tritt sie neben Alain Berset und BAG-Direktorin Anne Lévy ans Podium, berichtet der Öffentlichkeit über die Anzahl bestellter und (nicht) gelieferter Impfdosen, allfällige Produktions- und Logistikprobleme.

Über vier mal mehr Dosen

Waren es gegen Ende Januar noch 135'000 frisch zu verimpfende Dosen, sind es eine Woche später bereits 550'000. Zwei weitere Impfstoffe sollen ab dem zweiten Quartal in der Schweiz verfügbar sein, von Curevac und Novavax. Die Zulassung dafür fehlt aber noch. Kronig Romero ist dennoch zuversichtlich, dass vergangene Lieferengpässe im Quartal ausgeglichen sein werden. Gleichwohl hält die Kritik an ihr und dem BAG-Verhandlungsregime an.

Die Vizedirektorin würde nicht genug tun, um die Impfversorgung zu sichern, habe zu zögerlich, zu knausrig verhandelt. «Bei solchen Beschaffungen ist von Anfang an wichtig, genügend unterschiedliche Impfstoffe zu beschaffen. Ein Puffer verhindert einen akuten Impfstoffmangel, der durch Lieferschwierigkeiten auftritt.» Sagt René Buholzer, Verbandschef von Interpharma.

Kronig Romero meint, die Schweiz habe genügend bestellt. Auf das bisher Erreichte ist sie stolz. «Bei den Vertragsabschlüssen waren wir unter den Ersten, die Verträge unterzeichnet haben.» Die Knappheit im ersten Trimester 2021 hänge nicht ausschliesslich davon ab, wie man beschafft hat. Alle Länder sässen im gleichen Boot und sind mit Engpässen konfrontiert. «Ein globales Problem», sagt sie.

Dass es auch anders geht, zeigt Israel, Vorbild in Sachen Impfstoffdeals: Früh und in rauen Mengen bestellt, zu höheren Preisen und mit dem Trumpf, der Pharmafirma Pfizer aggregierte Patientendaten für wissenschaftliche Zwecke herzugeben. Israel soll 47 Dollar pro Dose bezahlt haben, weltweit sind es im Einkauf zwischen 10 und 30 Dollar, wobei die Schweiz am oberen Preisende liegt.

Mit einem Kraftakt hat es also Premier «Bibi» Netanjahu geschafft, weltweit höchste Durchimpfungsraten zu erreichen. Ganz im Gegensatz zur Schweiz, die im Kampf um Impfdosen im Mittelfeld rangiert. Ein Vergleich, den man BAG-intern nicht gelten lässt: «Israel war später dran als wir. Aber es hat die Impfstoffe schneller zugelassen.» Die Schweiz kenne halt keine Notzulassungen, sagt ein Involvierter.

Impfziel: Mitte Jahr

Die Kritik geht viel weiter. Etwa, dass Kronig Romero mit dem ruppigen Umgang in der Privatwirtschaft wenig vertraut sei. «Sie ist eine Diplomatin mit Erfahrung bei WHO und UNO, hat aber weder operative noch relevante Healthcare- oder Krisenmanagementerfahrung», sagt Stephan Rietiker, Präsident vom Pharma-Rekrutierer Aurigavision. Keine optimale Besetzung, sagt er. Andere wiederum lassen nichts auf sie kommen. Von ihrer Kollegenschaft wird sie geschätzt, von ihren Pendants ernst genommen. Sie steht in regem Austausch mit Regierungsvertretern in Grossbritannien, Israel, Kanada, Australien, Neuseeland, Südkorea und Singapur: diplomatische Kontakte hat sie.

Kronig Romero ist weiter überzeugt, dass ihre Planung aufgehen wird: Bis Mitte Jahr würden alle Freiwilligen geimpft werden können. Den Zeitpunkt wird sie nicht in ihrem Berner Büro erleben, sie erwartet ein Kind. «Mein Mutterschaftsurlaub wird unsere Arbeit nicht tangieren.»