Vor einem Jahr zog ich mit ­einer halben Million anderer Frauen lautstark durch die Strassen von Zürich. Respekt, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und Anerkennung für unbezahlte Arbeit waren unsere Forderungen. Sie haben nichts an ihrer Dringlichkeit eingebüsst: Gemäss neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) verdienen Frauen in der Schweiz im Schnitt 11,5 Prozent weniger als Männer, in Kaderfunktionen beträgt der Unterschied 18,6 Prozent. Frauen leisten 60 Prozent der unbezahlten Arbeit, und auch wenn Männer im Haushalt aufholen – der Löwenanteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit bleibt an den Frauen hängen.

Wie wird nun der Lockdown die Situa­tion der Frauen verändern? Als Ökonomin lautet meine Antwort wie so oft: Es kommt darauf an. Es ist noch zu früh für eine Prognose, aber es stehen verschiedene Thesen im Raum.

Mehr Wertschätzung, höhere Löhne in klassischen Frauenberufen

These 1: Corona wertet klassische Frauenberufe auf. Pflege, Verkauf, Kinder­betreuung, Bildung – diese Aufgaben ­bestreiten mehrheitlich Frauen. Viele ­hegen die Hoffnung, dass nun die Löhne in diesen systemrelevanten Jobs steigen und sich die Arbeitsbedingungen verbessern.

Ich bin da verhalten optimistisch. Es braucht politischen Willen und Druck der Gewerkschaften. Diese Löhne werden oft von der öffentlichen Hand festgelegt (vom Verkauf einmal abge­sehen). Ergreifen Bund und Kantone in den kommenden Jahren Sparpakete, könnte dies den Spielraum für Lohn­forderungen schmälern.

Frauen zurück am Herd

These 2: Frauen werden in ihre alte Rolle als Hausfrau und Mutter zurück­gedrängt. Befragungen aus verschiedenen Ländern zeigen, dass während des Lockdowns die Frauen ihr Arbeitspensum im Homeoffice stärker reduzierten als Männer. Weil Frauen mit Kindern weniger stark ins Arbeitsleben eingebunden sind, ziehen sie sich in Wirtschaftskrisen häufiger vom Arbeitsmarkt zurück, wenn sie die Stelle verlieren.

Diese Sorge ist gerade in der Schweiz, wo der Teilzeitanteil bei Frauen sehr hoch ist, berechtigt. Verschlechtern sich die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, wird es schwieriger, eine Stelle mit flexiblen Arbeitsbedingungen zu finden.

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Männern können sich mehr beteiligen

These 3: Die Rollenaufteilung ist egali­tärer geworden. Viele Männer arbeiteten jetzt konsequent im Homeoffice. So konnten sie sich an der Betreuung der Kinder beteiligen. Offenbar hatten Männer es aufgrund mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz bisher schwieriger als Frauen, Homeoffice oder Teilzeitarbeit einzufordern. Während des Lockdowns haben nun auch jene Firmen Erfahrungen mit ­Homeoffice gesammelt, die dem Konzept skeptisch gegenüberstanden. Ich bin überzeugt, dass dadurch die Akzeptanz für mehr Flexibilität gestiegen ist. Damit sich nachhaltig etwas ändert, müssen Männer diese Flexibilität aber auch einfordern.

Welche dieser Thesen dem Test der Zeit standhalten, wird sich zeigen. Corona hat zutage gebracht, wo es bei der Gleichberechtigung noch immer hapert – und wo sich hoffentlich etwas tut.

Isabel Martinez

Isabel Martinez
Quelle: ZVG

Wir bei der Handelszeitung freuen uns sehr über unsere neue Kolumnistin Isabel Martínez. Sie ist Ökonomin an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich und Mitglied der Wettbewerbskommission. In ihrer Forschung befasst sich Martínez mit Fragen zur Einkommens- und Vermögensungleichheit.