Mehr Heuchelei geht nicht. Am 5. Januar 1993 durfte der Schweizer Exportmanager Hans Bühler das Militärgefängnis in Teheran verlassen, in dem er fast 10 Monate verhört und gefoltert worden war.

Neun Tage nach der Rückkehr lud Crypto-Chef Michael Grupe den langjährigen Mitarbeiter zum «grossen Wiedersehen» ins Personalrestaurant in Steinhausen ein, wie unveröffentlichte Dokumente aus Bühlers Nachlass zeigen. Ab 16 Uhr klirrten die Gläser, hallten Grupes salbungsvolle Worte und bunte Ballon mit «Welcome-Back-Grüssen» klebten an der Kantinendecke.

Unter Applaus der Belegschaft kündigte Heimkehrer Bühler an, er freue sich, schon bald als Innendienstmitarbeiter anpacken zu dürfen. Doch vorerst gönne er sich zwei Wochen Ferien, die ihm Crypto-Chef Grupe nach der erlebten Folterzeit geschenkt habe.

Die Skiferien in Arosa brachten der Familie allerdings nicht die erhoffte Ruhe, sondern einen Schock: Am vorletzten Ferientag erhielt er die Kündigung. Eine Weiterbeschäftigung sei wegen Vertrauensmangel nicht mehr möglich.

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Iran wollte Bühler loswerden

Soviel ist heute klar: Die Steinhausener Chiffrierfirma Crypto, die ab 1970 durch CIA und Bundesnachrichtendienst (BND) unterwanderte war, wollte Bühler möglichst schnell los werden. Der Rausschmiss war bloss der Anfang einer jahrelangen Kampagne, welche die Firma im Würgegriff westlicher Geheimdiensten gegen den ehemaligen Mitarbeiter inszenierte, wie Dokumente zeigen.

Die Zermürbungs-Operation lief bei den Schlapphüten unter dem Codenamen «Hydra», also jenem schlangenähnlichen Monster, dem man die Köpfe abschlägt – und neue wachsen nach.

Ziel war es, Bühler zum Schweigen zu bringen, um die Manipulationen an den Chiffriergeräten im Dunkeln zu halten. Doch Bühler, der nicht wusste, weshalb ihm die Iraner mit dem Tod drohten, suchte nach der Wahrheit.

Angefangen hatte das Agieren von CIA und BND bereits während Bühlers Haft in Teheran. Man zeigte wenig Interessen, ihn aus dem gefürchteten Gefängnis zu befreien. Nach drei Monaten mit 400 Stunden Verhör war selbst den Iranern klar, dass Bühler nicht der Superagent der Amerikaner war, sondern ein Exportmanager aus der Schweiz – erfolgreich, aber harmlos.

Über zehn Jahre hatte er den Iranern Crypto-Chiffriergeräte im Wert von 100 Millionen Franken verkauft. Dass darunter viele Verschlüsselungsapparate waren, deren Botschaften CIA und BND entschlüsselten, wusste er nicht. Gemäss US-Quellen fingen die Geheimdienste so 19'000 Geheimdepechen der Iraner ab.

Weil selbst die Drohung der Iraner, Bühler beim Verheimlichen von Wissen die Augen auszubrennen, nichts fruchteten, drängten sie im August 1993 auf einen speditiven Abschluss. Via Schweizer Botschaft in Teheran verlangten sie eine Million Dollar für die Freilassung.

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Doch die Crypto-Chefs spielten weiter auf Zeit. Mal war Funkstille, dann feilschte man ums Geld oder man behauptete, Bühler sei ohne Wissen der Firma in den Iran gereist.

Deshalb sollte er sich gar verpflichten, die geforderte Million Lösegeld an die Firma zurück zu zahlen. Ein Ablenkungsmanöver, denn in den Unterlagen liegt ein von zwei Kaderleuten visierter Reiseplan.

Nach Widerspruch seines Anwaltes verzichteten die Firma auf die Geldforderung, doch sie stellten eine nächte Bedingungen an den immer noch inhaftierten Bühler. Vor seiner Rückkehr in die Schweiz musste er sich verpflichten, Crypto-CEO Michael Grupe für ein vertrauliches Gespräch zur Verfügung zu stehen, und zwar in Istanbul.

Am Bosborus würde ihm vom Chef persönlich mitgeteilt, «wie er sich nach seiner Rückkehr in die Schweiz zu verhalten hat», steht im Geheimdeal. Erst dann durfte er nach Hause zur Familie reisen.

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Besuch von der Bundespolizei

Am 3. Januar, Monate nach der Verhandlungsbereitschaft der Iraner, war die Frontfirma von CIA und BND in Zug endlich bereit, die Kaution zu überweisen. Seit den Enthüllungen der Crypto Leaks weiss man vom Gerangel hinter den Kulissen: Die CIA weigerte sich, auch nur einen Cent zu übernehmen, weil US-Geheimdiensten das Freikaufen von Geiseln untersagt ist. Schliesslich kam der BND für Bühlers Rückführung und die Lösegeldzahlung auf.

Für die deutschen Schnüffler war es der Schlusspunkt. Weil ihnen die Spionage-Operation zu heiss wurde, verkauften sie ihren Firmenanteil für 27 Millionen Dollar an die CIA, die nun alleinige Besitzerin der Crypto war.

Während Crypto Bühler rasch fallen liess, tauchten zehn Tage nach seiner Rückkehr – gemäss Bühlers Privatnotizen – drei Beamte der Bundespolizei bei ihm in Zürich-Oerlikon auf.

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Die Herren H.R., E.S. und H.H. löcherten ihn mit Fragen über den Wissensstand der iranischen Verhörbeamten. Offenkundig wollte das Trio aus Bern herausfinden, wie die Iraner auf die Spur der manipulierten Chiffriergeräte gekommen waren – über technisches Wissen oder einen Maulwurf im Westen.

Bühler stand nach seiner Entlassung vor einem Scherbenhaufen. Der Radius des erfahrenen Exportingenieurs war arg eingeschränkt, denn nach der Verurteilung im Iran zu drei Jahren Haft drohte ihm bei Grenzübertritten Verhaftung und Auslieferung. Doch Bühler brauchte dringend Job und Geld.

Gemäss seinen Notizen stand eine grosse Zahnkorrektur an, die gemäss Voranschlag 36'000 Franken verschlingen würde. Der Grund für den Eingriff: Die Mangelernährung in Geiselhaft hatte seinem Gebiss schwer zugesetzt. Weil er illiquid war, stellte er und später seine Frau Vreni bei Aussendepartement Anträge auf teilweise Übernahme von Anwaltskosten, die sich mittlerweile auf 13'500 Franken beliefen. Das Ministerium, das Bühler Monate zuvor einen Anwalt empfohlen hatte, lehnte ab.

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Geheimvertrag mit Crypto

Schliesslich nahm Bühlers Anwalt Verhandlungen mit Crypto AG auf, um eine Abgangsentschädigung auszuhandeln. Am 10. Dezember 1993, fast ein Jahr nach seiner Befreiung, unterschrieb er eine Auflösungsvereinbarung. Vereinbart wurde «absolute Vertraulichkeit», zudem war es Bühler untersagt, Kontakt zu früheren Arbeitskollegen aufzunehmen.

Im Gegenzug erhielt er eine Einmalzahlung von 250'000 Franken; allfällige Sozialabzüge müssten von den Parteien «je zur Hälfte getragen werden», wie es in der zweiseitigen Vereinbarung heisst.

SCHWEIZ CRYPTO CHIFFIERMASCHINE

Chiffriergerät der Crypto AG von 1952: Heute machen Chips und Sensoren die Arbeit.

Quelle: Rama
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Ein Lichtblick wars, als ihm die Exportförderagentur Osec (heute Switzerland Global Enterprise) eine Stelle anbot. Die Idee stammte gemäss Bühlers späteren Informationen aus Bundesbern («damit Ruhe sei»); die Osec war mehrheitlich durch Bundesgelder finanziert. Doch nach knapp einem Jahr war Schluss. «Angeblich solle es Druck aus Bern gegeben haben», schrieb Bühler frustriert in seinen Notizen.

Es war seine letzte Anstellung. Mit 53 Jahren war der einstige Topverkäufer bis zur Pensionierung ohne Arbeit und Verdienst. Angewiesen war er fortan auf die finanzielle Unterstützung seiner damaligen Partnerin und späteren Ehefrau.

Bühler suchte weiter nach den Gründen für seine Haft

Doch die Suche nach den Gründen seiner Haft liess ihn nicht los. Er traf ehemalige Entwicklungsingenieure und merkte schnell, dass die meisten Chiffriergeräte so manipuliert waren, dass die verschlüsselte Depechen durch BND und CIA mitgelesen oder abgehört werden konnten.

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Chiffriergeräte des Modells Typ-500 wurden direkt von Motorola aus den USA angeliefert. Zudem seien aus Übersee ständig Auflagen für Chiffrierkonzepte eingetroffen, notierte er. Auch seien in der Zuger Firma Kryptologen aus den USA ein- und ausgegangen. Intern war es längst kein Geheimnis, dass die CIA in Steinhausen die Fäden zog.

Als Bühler das Gehörte mit Journalisten teilte, reichte eine Anwaltskanzlei Verleumdungsklage ein. Die Behauptung, wonach Crypto unterwandert sei, wäre «ein infamer Vorwurf». Deshalb gehöre ihm umgehend ein «Maulkorb» verpasst. Die geforderte Genugtuung über 10'000 Franken würde Crypto Amnesty International überweisen - «um nicht in den Verruf zu kommen, sich am Beklagten bereichern zu wollen.»

Nach Prozessende schrieb der Cyrpto-Präsident in einer Imagebroschüre: Man habe sich mit Bühler aussergerichtlich geeinigt. Es gäbe keinen Grund mehr zu behaupten, deutsche oder amerikanische Geheimdienste hätten Crypto-Chiffriergeräte manipuliert. Und versicherte: «Die Firma hat keine Leichen im Schrank.» Es war eine nächste Lüge. Noch jahrelang war die CIA Eigentümerin der Firma.

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PS: Crypto International Group in Steinhausen hat mit der damaligen Crypto AG nichts zu tun.