Die Präsidentenwahl findet erst Mitte Oktober statt, wenn überhaupt. Doch die Wogen schlagen schon hoch in der Elfenbeinküste. Am lautesten trommeln «Les Amis de Tidjane Thiam», die den früheren Credit-­Suisse-Chef lieber heute als morgen im Präsidentenpalast in Abidjan sehen möchten. Ein Superöko­nom sei er, ein Champion Afrikas, schwärmen seine zumeist jungen Anhänger im westafrikanischen Staat.

Ihr Hoffnungsträger, «ein integrer Leader», habe eben noch für seine Arbeit einen Bonus über 30 Millionen Franken gekriegt, wird ebenfalls vermeldet. Allerdings nicht mit ätzendem Unterton wie hierzu­lande, sondern mit echter Bewunderung. Selbst das als nüchtern geltende Magazin «Jeune Afrique» stimmte in die Eloge ein und titelte kürzlich nicht ohne Stolz: «Die Elfenbeinküste erwartet die Rückkehr ihres verlorenen Sohnes.» Kein Portal, keine Gazette, so scheint es, die Thiam dieser Tage nicht im Strahlenlicht erhellt. So viel Lob heimste er in den gesamten fünf Jahren an der Spitze der Zürcher Grossbank nie ein.

Die Euphorie entfachte der ehema­lige CS-Chef, der immer noch in seiner Villa an der Zürcher Goldküste wohnt, mit seiner Forderung nach «einer signifikanten Schuldenerleichterung» für Afrika. Sonst drohe den chronisch überstrapazierten Staaten ein Notstand, der leicht in eine humanitäre Katastrophe münden könnte.

Augustin Thiam (mit blauer Krawatte): Der zweitälteste Bruder von Tidjane Thiam studierte Medizin. Er arbeitet als Frankreich-Korrespondent beim Magazin «Jeune Afrique» und ist seit 2011 Gouverneur von Distrikt und Hauptstadt Yamoussoukro.

Quelle: Flurina.Rothenberger
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Es brauche jetzt auch eine gewisse Flexibilität der Regulatoren der Banken und Pensionskassen in den Gläubigerstaaten. Diese für einen Banker eher ungewohnte Forderung hat Thiam via Instagram lanciert, sekundiert von ehemaligen NGO-Chefs, Notenbankern und Finanzministern, die er aus seinen Ministertagen in der Elfenbeinküste kennt. Doch er fordert mehr, nämlich den raschen und koordinierten Zukauf von Gesichtsmasken und Beatmungsgeräte für Afrikas Spitäler.

Es waren Forderungen, mit denen er sich nicht nur in die Zeitungen in Abidjan oder Nairobi brachte, sondern auch in die «Financial Times» in London. Das Rauschen durch den Blätterwald blieb nicht ungehört: An Ostern berief Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa in seiner Funktion als Prä­sident der Afrikanischen Union Tidjane Thiam zum Sondergesandten der 55 Staaten umfassenden Union. Damit ist der Banker zu einer Schlüsselfigur in der Bekämpfung der Corona-Krise aufgestiegen.

Verhandlungen mit Finanzprominenz

Die wahren Hintergründe Thiams, der Mitte Februar die Credit Suisse verlassen musste und bis August noch auf der Payroll der Grossbank figuriert, sind schwer zu ergründen. Gut, er hat sich bereits als Entwicklungsminister in der Regierung der Elfenbeinküste Ende der 1990er Jahre intensiv mit Wachstumsplänen und In­frastrukturprojekten beschäftigt. Wahr ist auch, dass er selbst während seiner steilen Managerkarriere in Paris, New York oder London immer wieder prestigeträchtige Krisenmandate übernahm.

Der britische Premier Tony Blair holte ihn 2004 – damals war er Europa-Chef des britischen Versicherungskonzerns Aviva – in seine Commission for Africa, die für einen Schuldennachlass in den Entwicklungsländern plädierte. Aushängeschild von Blairs Entschuldungs-Initiative war Live-Aid-Gründer und Boomtown-Rats-­Leadsänger Bob Geldof.

Der frühere UNO-­Generalsekretär Kofi Annan holte Thiam – nun war er Chef des britischen Ver­sicherungskonzerns Prudential – ins Af­rica Progress Panel, eine Schweizer Stiftung zur Förderung des Unternehmertums in Afrikas Städten. Auch hier war Thiam mit Prominenz aus Politik und Wirtschaft vereint, darunter Michel Camdessus, ehemaliger Chef des IWF, Graça Machel, Witwe von Nelson Mandela, und Robert Rubin, Finanzminister unter Bill Clinton.

Das Netzwerk, das Thiam über die Jahre gestrickt hat, ist global. Und wirkungsvoll. Vor wenigen Tagen griff die fran­zösische Regierung das Verschuldungsthema auf und forderte – ganz auf Thiam-­Linie – ein Schuldenmoratorium. Kaum ein Zufall. Der frühere Rothschild-Banker Emmanuel Macron ist ein Thiam-Vertrauter. Ein Involvierter sagt: «Da wird noch mehr kommen; es werden weitere Länder auf diesen Kurs einschwenken.»

Die Familie soll für Thiam sondieren

Gut möglich auch, dass Thiam über das Humanitäre hinaus Ambitionen hegt und – wie «Les Amis de Tidjane Thiam» inständig hoffen – aufs Präsidentenamt in seiner alten Heimat zielt. In Politkreisen wird jedenfalls herumgeboten, dass Vertraute sondierten, ob der Banker aus der Schweiz überhaupt Chancen hätte, von der führenden Mitte-Rechts-Partei für den herbstlichen Wahlkampf aufgestellt zu werden.

Yamousso Thiam: Die jüngste Schwester ist Gründerin und Chefin der Schmuckboutique Yuxe West Africa in Abidjan. Sie war Kulturberaterin im Kabinett von Präsident Laurent Gbagbo und zuvor Unternehmensberaterin.

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An vorderster Front sollen Familienmitglieder weibeln, darunter seine jüngere Schwester Yamousso Thiam-Berthod, die im Geschäftszen­trum Abidjans eine angesagte Schmuck- und Uhrenboutique mit Schweizer ­Edelmarken wie Blancpain, Jaeger-LeCoultre, Patek Philippe oder Rolex betreibt. Gleichzeitig präsidiert sie einen Zirkel, der das Museum von Staatsgründer Félix Houphouët-Boigny finanziell unterstützt. Er, der erste Präsident nach der Unabhängigkeit Frankreichs im Jahr 1960, gehörte zur engsten Verwandtschaft: Thiams Mutter war seine Nichte, Thiams Vater sein Botschafter und Minister.

Unterstützung erfährt der Banker aus dem Norden gemäss dem Nachrichtennetzwerk «Africa Intel­ligence» weiter von seinem älteren Bruder Abdel Aziz Thiam, ehemaliger Verkehrsminister und aktuell Westafrika-­Chef des Schweizer Logistikkonzerns Navitrans. Und da wäre noch Bruder Augustin Thiam, einflussreicher Gouverneur der unabhängigen Region Yamoussoukro, die flächenmässig doppelt so gross ist wie der Kanton Zürich.

Womöglich ist der Wirbel um seine Kandidatur nur von kurzer Zeit. Denn am 23. Juni hält der französische Modekonzern Kering (Brioni, Gucci, Saint Laurent) in Paris seine Generalversammlung ab. Gemäss Traktandum 8 soll Thiam dann in den Verwaltungsrat gewählt werden.