Jetzt wird es hässlich. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen haut am virtuellen WEF auf den Putz. Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn droht mit einer Genehmigungspflicht für die Ausfuhr von Covid-19-Impfstoffen. Echt jetzt? Spahn, liberaler Hoffnungsträger der CDU, einer Partei, die sich zum freien Handel bekennt, kann sich vorstellen, einen Transporter mit Impfstoff an der Grenze nach Grossbritannien, der Schweiz oder einem anderen «Drittland» abzufangen, um diesen der eigenen Bevölkerung zu «verimpfen»? Nur weil das Werk, in dem er produziert wurde, auf belgischem oder deutschem Boden steht.

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Das würde das Trauerspiel vom Frühling, als sich die Europäer Plastikhandschuhe und Masken gegenseitig streitig machten, noch toppen. Mit dem Unterschied, dass es sich diesmal um eine angekündigte Knappheit handelt. Was die Streiterei noch unverzeihlicher macht.

Daran, dass im Moment in Europa – und in der Schweiz – nicht einmal genügend Impfstoff gibt, um besonders gefährdete Gruppen wie ältere Menschen und das Gesundheitspersonal zu impfen, ist nicht AstraZeneca schuld, wie uns die EU-Kommission gerade wortreich weis machen will. Ebenso wenig die Wissenschaft oder irgendein anderer Impfstoffhersteller.

«Wenn Grossbritannien nun mehr Bürger impfen kann als der Kontinent, dann sind keine dunklen Mächte am Werk.»

Wissenschaft und Industrie haben in nicht einmal einem Jahr ein Virus sequenziert, mehrere Impfstoffe entwickelt, getestet und parallel dazu – oft auf eigenes Risiko notabene – Produktionskapazitäten hochgefahren, die ausreichen, um hunderte Millionen Menschen innert kürzester Zeit gegen das Virus zu schützen. Und das auch noch mit einer Zuverlässigkeit, welche die vieler bereits existierender Impfstoffe in den Schatten stellt. Das ist eine Meisterleistung.

Wenn Grossbritannien nun mehr Bürger impfen kann als der Kontinent, dann sind keine dunklen Mächte am Werk. Boris Johnson hat ganz einfach früher zugeschlagen, wie wir dank eines Interviews wissen, das die italienische «La Repubblica» gestern mit Pascal Soriot führte, dem CEO von AstraZeneca. Und zwar zögerten die EU-Politiker danach noch ganze drei Monate.

Die Impfstoffe fehlen, weil die Europäer zu spät und zu wenig eingekauft haben: Too little, too late. Europa war ganz einfach mit einem zu kleinen Portemonnaie unterwegs, als es darum ging, mit den Herstellern Vorverträge abzuschliessen.

«Was sprach denn dagegen, im Frühling bei Lonza hundert Millionen Impfstoffdosen zu bestellen – und notfalls die überzähligen Chargen in einer grossen humanitären Geste an arme Länder zu verschenken?»

Eine deutsche Wissenschaftlerin hat ausgerechnet, was es die EU gekostet hätte, im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres bei der Handvoll Hersteller mit den vielversprechendsten Impfstoffkandidaten so einzukaufen, dass in jedem Fall alle 500 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen umgehend hätten geimpft werden können. Es sind keine zehn Milliarden Euro. Ein Klacks, gemessen am wirtschaftlichen Schaden, den die Pandemie und die Lockdowns verursachen.

Schöner Nebeneffekt: Statt über Ausfuhrbeschränkungen würden wir nun darüber diskutieren, wie wir überzählige Impfstoffdosen an die Menschen in Entwicklungsländern verteilen und damit verhindern, dass sich diese mit zweitklassigen Impfstoffen schützen müssen.

Das Gleiche gilt für die Schweiz. Was sprach denn dagegen, im Frühling bei der Basler Lonza fünfzig oder hundert Millionen Impfstoffdosen zu bestellen, ihr damit die finanziellen Ressourcen zu liefern, um ihre Produktionskapazitäten hochzufahren und die überzähligen Chargen nun in einer grossen humanitären Geste nach Indien oder Kolumbien zu verschenken? Es wäre uns gut angestanden.