Bei den Steuern wird es ganz schnell ganz kompliziert. Das weiss auch Severin Schwan, studierter Ökonom und promovierter Jurist. Also greift er beim jährlichen Ausfüllen seiner Steuerformulare schon mal auf fachkundige Beratung zurück. Das tun andere Topmanager auch, doch bei Schwan und seinen Kollegen in der Roche-Geschäftsleitung ist es etwas anders: Die Kosten der individuellen Steuerberatung werden von der Firma übernommen, Lohnbestandteil. Bei Schwan betrug das Beratungshonorar letztes Jahr 28'056 Franken.

Auch bei den Steuern des von ihm geführten ­Pharmariesen wird es schnell komplex. Eine Beratung kostet da nicht nur ein paar zehntausend Franken. Bei Weltkonzernen wie Roche, Zurich oder Nestlé verschlingt die externe Steuerberatung locker 10 bis 30 Millionen, wie in den Geschäfts­berichten nachzulesen ist. Schliesslich geht es beim Tax-Management ums Eingemachte. Nur wer die Steuergesetze in aller Welt kennt, mit den Abschreibungsmethoden, Rechnungslegungsstandards, Doppelbesteuerungsabkommen und OECD-Verrechnungsregeln vertraut ist und obendrein zäh verhandelt, kommt glimpflich über die Runden. Denn ein globaler Konzern mit Tochterfirmen ist in Dutzenden Jurisdiktionen abgabepflichtig. Und die Steuersätze werden regelmässig verändert, immerhin selten nach oben, meistens nach unten.

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé mit Mark Schneider an der Spitze hat es allein mit 140 nationalen Steuerbehörden zu tun, die sich möglichst viel vom weltweiten Steuersubstrat in der Höhe von 3159 Millionen Franken sichern wollen. Bei ständig ändernden Vorschriften und Interessen sind Streitigkeiten an der Tagesordnung, erzählen Steuerexperten. Mitunter ­nehmen diese Dispute Jahre in Anspruch. Aus gutem Grund: Es geht um Hunderte Millionen Franken.

Schwan, Schneider, Greco sind die Stars

Für den obersten Steuerjäger der Schweiz, Ueli Maurer, sind Konzerne besonders interessant, wenn sie ihren globalen Hauptsitz im Land haben, hoch profitabel sind, eine oder zwei Fabriken vor Ort betreiben und obendrein Spitzenlöhne zahlen. In dieses Beutemuster gehören Roche, Novartis oder Nestlé. Sie sind wie die Goldesel aus Gebrüder Grimms Märchenwelt: Zusammen liefert dieses Trio 2350 Steuermillionen im Jahr ab, der grösste Anteil liegt bei Roche (900 Millionen). Die Firma zahlt geschätzt ­einen Viertel der globalen Steuerlast in der Schweiz. Werden noch die Stempelsteuern, Mehrwertsteuern, Kapitalsteuern und Grundstücksteuern addiert, wird schnell das Doppelte daraus.

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Neben diesen Indus­trie­riesen verströmt auch eine Handvoll Finanzfirmen unwiderstehlichen Charme. Zu ihnen gehören die Grossbanken UBS und Credit Suisse sowie die Versicherungen Swiss Re, Swiss Life und Zurich. Letztere hat sich unter Mario Greco zum globalen Powerhouse entwickelt. «Super-Mario», wie der gebürtige Neapolitaner in Finanzkreisen heisst, brilliert mit Zahlen aller Art: Seit Antritt vor fünf Jahren hat er den Gewinn um 80 Prozent gesteigert und die globale Steuerkraft des Unternehmens wuchs um 45 Prozent – auf fast 1,9 Milliarden Franken.

Linke Städte wie Basel oder Zürich profitieren

Die Schweiz gilt als Land der Kleinfirmen – hier ein Sanitärbetrieb, dort eine Beiz. All diese KMU beschäftigen 80 Prozent der Arbeitnehmenden, aber die meisten dieser Firmen sind für den Fiskus wenig attraktiv. Wie mager ihre Rendite ist, zeigt der Run auf die vom Staat verbürgten Covid-19-Kredite. Kaum hatte der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» ausgerufen, ging manchem KMU die Liquidität aus. Neu ist die Schmalbrüstigkeit vieler Kleinbetriebe nicht. Bereits 2016 konstatiert der Thurgauer Fiskus: «Die Hälfte der juristischen Personen im Kanton ist ohne steuerbaren Gewinn.» Und liefert ergo keine Ertragssteuern ab. Oder andersrum: Es sind im Thurgau bloss 2 Prozent der Firmen, die einen steuerbaren Gewinn von über 1 Million ausweisen. Zu den wenigen guten Steuerzahlern gehört Peter Spuhlers Eisenbahnfirma Stadler Rail, die weltweit 20 Millionen Franken an Ertragssteuern abliefert, davon wohl die Hälfte in Bern, Frauen­feld und Bussnang.

Was im ländlichen Thurgau gilt, trifft auch in ­Basel-Stadt zu. Auch hier drückt die Hälfte der Betriebe keine Gewinnsteuern ab; dafür decken gerade mal 0,8 Prozent der Basler Firmen 80 Prozent der Steuereinnahmen der juristischen Personen ab. Sie stammen in den meisten Fällen aus der Pharma- und Biotech-­Branche.

Diese krassen Verhältnisse – Klein kleckert, Gross klotzt – treiben kantonale Wirtschaftsförderer an, mit Werbesprüchen und Goodies Grossfirmen auf ihr Terrain zu locken. Für die Finanzdirektoren in Basel oder Zürich sind die Konzerne längst ein Klumpenrisiko: In beiden Städten bespielen die Big Player ­einen Drittel der gesamten Steuereinnahmen. Schwächeln Roche, Novartis, Zurich, Swiss Re, UBS oder Credit Suisse, haben die von linken Mehrheiten regierten Grossstädte ein gröberes Problem. Es ist abzusehen: Auch die Grossen werden in Corona-Zeiten Federn lassen müssen. Je länger der Lockdown dauert, desto nervöser werden Ueli Maurer und die Finanzdirektoren in den Städten und Kantonen.

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Firmen treiben bei Dritten Steuern ein

Es kommt nicht nur auf die Konzernsteuern an. Es geht auch ums Personal, das hoch bezahlt ist und von Tag eins an als fiskalpositiv gilt – und ergo mehr einbringt, als es kostet. Von all den Finanzexperten, Forschern und Versicherungsmathematikern profitieren besonders die Wohnkantone Basel, Genf, Schwyz, Zug oder Zürich. Dank der Steuerprogression und Konsumkraft kommt bei ihnen einiges zusammen: Allein die 21'500 Angestellten der UBS in der Schweiz liefern 1400 Millionen in Form von Einkommens- und Vermögenssteuern ab. Bei der Bank Vontobel, die 2000 Mitarbeitende beschäftigt, sind es nach Firmenschätzungen 100 Millionen, die mehrheitlich in Zürichs Kantonskasse hängen bleiben.

Steuererträge der Firmen explodieren

Welche Einnahmequellen des Bundes seit 1999 wie stark an anlegten. (in Prozent)

Grafik zu den Steuererträgen von Schweizer Firmen

Entwicklung indexiert (1990 = 100), 2020 bis 2023 Prognose

Quelle: EFV 2019

Es werden obendrein auch Drittsteuern über­wiesen, und zwar nicht zu knapp. Denn viele Firmen agieren im Behördenauftrag als Steuereintreiber bei ihren Kunden und Lieferanten. Besonders engagiert sind die Versicherer. Der Zurich-Konzern sammelte letztes Jahr 6 Milliarden bei Dritten ein, in der Schweiz war es 1 runde Milliarde. Dabei geht es um Mehrwertsteuern, Verrechnungssteuern, Ertragssteuern auf Versicherungsprodukte, Quellensteuern oder Pre­mium Taxes, die in manchen Ländern auf Lebensversicherungen erhoben und via Versicherer direkt an den Staat abgeführt werden. Spitzenreiter in dieser Dis­ziplin «Tax Collecting» ist wiederum der Nahrungsmittelmulti Nestlé. Der liefert dem Fiskus alljährlich 8,8 Steuermilliarden ab, die bei seinen Lieferanten und Konsumenten anfallen.

Fast jeder Steuertrick ist erlaubt

Der Kampf ums globale Steuersubstrat ist hart –und mit den leeren Staatskassen in der Post-Co­rona-Zeit wird er noch härter. Donald Trump legte 2018 vor, als er die amerikanischen Unternehmenssteuern von 35 auf 21 Prozent reduzierte und manchem Schweizer Multi eine Steuerentlastung bescherte.

Auch der Kleinstaat Schweiz weiss sich zu wehren. Virtuos spielt er mit den Steuersätzen und Schlupf­löchern. Unter dem Druck der OECD eliminierten die Kantone zwar die im Ausland verpönten Sonder­gewinnsteuersätze für ausländische Firmen, doch im Gegenzug reduzierten sie die Steuersätze grad für alle Firmen. Dieser smarte Schritt zur Erhaltung der Attraktivität wird sich erstmals in diesem Jahr bemerkbar machen. Allerdings ist das Timing suboptimal. In normalen Zeiten würden bei sinkenden Steuersätzen die Steuereinnahmen steigen. Mit dem Coronavirus wird dieser positive Effekt nun ein, zwei Jahre auf sich warten lassen.

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