Mindestens so aktiv wie das Virus selber ist die Debatte um die Deckung von Reiseversicherungen, wenn Passagiere ihre Flüge nach China aufgrund des aktuellen Virenausbruchs in Wuhan verschieben bzw. absagen möchten. Erste Fluggesellschaften bieten immerhin Entschädigungen für Passagiere, auch weil die Flüge nach Wuhan gänzlich eingestellt sind.

Reisende in benachbarte Länder können nicht auf solche Ansprüche wie volle Rückerstattungen nach dem Rücktritt von einer Reise hoffen. Eine Ausnahme ist Manila auf den Philippinen: Der jüngste Vulkanausbruch fand lediglich 60 Kilometer vom Flughafen entfernt statt und damit näher als die 120 Kilometer, die für das Auslösen der Reiseversicherung erforderlich sind, wie ein Reisender berichtet.

Schwelle überschritten

Einen Präzedenzfall gab es vor einem Jahr, als es einen Ebola-Ausbruch in Kongo gegeben hatte. Damals war der Pandemic Emergency Financing (PEF) Cat-Bond der Weltbank ausgetriggert worden, weil die Anzahl der Toten die Schwelle von 250 überschritten hatte. Beim Coronavirus war diese Schwelle in den vergangenen Tagen bereits passiert worden. Für China sind indes keine entsprechenden Cat-Bonds der Weltbank emittiert worden, und Ebola zählt zur Klasse der Filoviren (und nicht der Coronaviren wie beim aktuellen Ausbruch in China). Schliesslich soll der Weltbank-Fonds den ärmsten Ländern der Welt zugutekommen. China zählt aber nicht dazu.

Am World Economic Forum (WEF) in Davos sagten vergangene Woche Vertreter von grossen Erst- und Rückversicherungen, dass es für eine Abschätzung von Schäden und Belastungen noch zu früh ist. Christian Mumenthaler, CEO von Swiss Re, erklärte gegenüber Bloomberg-TV, dass man den Zahlenangaben der WHO folge und dass es gegenwärtig noch sehr schwierig sei, die genauen Auswirkungen auf die Versicherungen abzuschätzen.

Beträchtliche Risiken

Gemäss den Analysten von Morgan Stanley hat Swiss Re aufgrund ihrer starken Position beträchtliche Risiken. Anlässlich des Swiss-Solvency-Testberichts der Versicherung hat man auch ein Szenario durchgerechnet, wie es sich lediglich alle 200 Jahre ergeben würde. Das grösste Risiko wären Hurrikane aus dem Atlantik, welche die US-Küsten treffen würden; das maximale zu erwartende finanzielle Risiko läge hier bei 5,9 Milliarden Dollar. Eine tödliche Pandemie würde die Bücher mit höchstens 2,8 Milliarden Dollar belasten, entsprechend rund 10 Prozent des regulatorisch vorgeschriebenen Kapitals. Die Prämien kommen in erster Linie von Deckungen gegen Mortalitätsrisiken (62 Prozent), kritischer Erkrankung und Behinderungen als Folgeschäden (je 11 Prozent).

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Bei Munich Re kommen rund 2,3 Milliarden Euro, entsprechend 5 Prozent der ganzen Prämieneinnahmen aus der Life-&-Health-Sparte. In dieser Sparte konzentrieren sich denn auch die grössten Pandemie-Risiken bei Munich Re. Beim französischen Rückversicherer Scor kommen rund 7 Prozent der gesamten Prämieneinnahmen aus dem Asiengeschäft der Life-&-Health-Sparte. Eine Pandemie, wie sie gemäss Modell-Rechnungen lediglich alle 200 Jahre auftritt, würde das Eigenkapital jedoch so stark schwächen wie kaum ein anderes rückversichertes Ereignis bei Scor. Hier liegt mit einem Anteil von 79 Prozent der Schwerpunkt der Deckung bei Mortalität.

Hannover Rück weist ähnlich hohe Prämieneinnahmen aus dem Life-&-Health-Bereich aus wie Scor. Man hat sich indes hier über indexierte ILS so organisiert, dass ein Teil der Pandemie-Risiken an die Kapitalmärkte weitergegeben wurde. Der Anteil der Morbidität an den Prämieneinnahmen liegt indes bei lediglich 42 Prozent.

Hoher Ansteckungsfaktor

Erste Berechnungen von Universitäten ergaben für das Coronavirus Ansteckungsfaktoren von 2,5. Damit besteht weiterhin eine grosse Gefahr, dass es eine weltweite Pandemie gibt. Zu Wochenbeginn verloren die Aktien von Swiss Re und Zurich bei einem schwachen Gesamtmarkt überdurchschnittlich viel an Terrain.

Offen sind noch die Schäden, die sich aus indirekten Belastungen ergeben. Dazu zählt das Business-Interruption-Risiko, das dann eintritt, wenn globale Lieferketten zumindest temporär reissen. Das wäre indes eher ein Problem für globale Erstversicherungen. Weil in der globalen Wirtschaft die Schäden an einem ganz anderen Ort auftreten können als das Virus, ist es hier für erste Abschätzungen der Belastungen laut Analysten erst recht zu früh.

Die Gefahr einer weltweiten Pandemie besteht weiterhin.