Bis zu 85 Prozent aller Hautprobleme lassen sich laut Dermatologen vergleichsweise einfach per Ferndiagnose erklären, führt Philipp Wustrow aus. Den HSG-Betriebswirtschaftler und seinen Fachkollegen Tobias Wolf hat diese Erfahrung des Dermatologen Paul Scheidegger vor gut anderthalb Jahren dazu animiert, gemeinsam mit diesem Onlinedoctor.ch zu starten. Es handelt sich um eine Website, auf der Patienten den Fachärzten ihr Hautproblem schildern. Geführt durch einen interaktiv gestalteten Fragebogen und mit drei Fotos des Hautproblems erstellt einer der rund hundert auswählbaren Hautärzte innerhalb von 48 Stunden eine erste allgemeine Beurteilung des Hautproblems. Die Dermatologen nutzen die Plattform insbesondere als Prozessoptimierungs- und Triage-Werkzeug.

Die Vorteile liegen darin, digital die überwiegende Mehrheit der Hautprobleme als das zu erkennen, was sie sind: Bagatellen. Nur rund 15 bis 20 Prozent der Patienten müssen effektiv eine Arztpraxis aufsuchen. So profitieren vom digitalisierten Hautcheck Patienten und Ärzte gleichermassen. Die einen erhalten für 55 Franken rasch eine erste Einschätzung, die anderen haben mehr Zeit für komplexe Fälle. Zudem zeigt das Projekt für die Nische der Dermatologie, wie die Digitalisierung direkt die seit Jahren steigenden Gesundheitskosten reduzieren kann.

Das ganz auf die Digitalisierung setzende Unternehmen (siehe «Handelszeitung» Nr. 24 vom 13. Juni 2019) hat Investoren angezogen, ist im Wachstum begriffen, internationalisiert sich und erschliesst sich immer neue Kundenkreise. Im Gespräch zeichnet Philipp Wustrow den Weg nach, den das Startup bisher gegangen ist.

«Wir wollen die User Experience der Telemedizin verbessern»

Wie kam es dazu, dass Sie das Unternehmen gegründet haben?

Philipp Wustrow: Der Kontakt zu unserem Mitgründer Paul Scheidegger entstand im Rahmen eines von uns an der HSG durchgeführten Unternehmerseminars für Ärztinnen und Ärzte vor etwa drei Jahren. Darin haben wir mehrfach von Visionen für künftige digitale Geschäftsmodelle gesprochen. Im Anschluss an das Seminar nahm Paul diese Diskussion auf und schilderte uns alltägliche Herausforderungen, mit denen er sich in seiner Praxis konfrontiert sah.

Worum ging es ihm?

Er stand vor dem Problem, immer öfter mit Anfragen von Patienten und Spitälern konfrontiert zu sein, die ihm Fotos von Hautproblemen mit der Bitte um eine schnelle Einschätzung schickten. Derartige Anfragen kamen jedoch häufig über unprofessionelle Kanäle wie das private E-Mail, Whatsapp oder SMS. Ein typisches Phänomen der Digitalisierung, weil die digitalen Kanäle heute wie selbstverständlich zum Alltag gehören.

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Für den Arzt ist dies allerdings eine grosse Herausforderung, denn derartige Anfragen waren meist unstrukturiert und unvollständig. Scheidegger musste nachfragen, um etwa zu erfahren, wie lange das Hautproblem schon bestand, wo es aufgetreten war oder auch ob Medikamente eingenommen wurden. Zudem stand er vor der Frage, wie er die Anfragen abrechnen oder auch nur gesetzeskonform archivieren sollte. Um diese Situation in den Griff zu bekommen, schien ihm eine professionelle digitale Lösung notwendig.

Wie ging es dann weiter?

Das Thema schien uns spannend und relevant zu sein. Für uns war es wichtig herauszufinden, ob die Problematik flächendeckend bei den Dermatologen vorhanden ist. Wir machten eine stichprobenartige Umfrage und fragten auch in unserem Verwandtenkreis nach. In der Tat stellte sich heraus, dass den Dermatologen bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei professionelle digitale Plattform zur Abwicklung solcher Anfragen zur Verfügung stand. Das Bedürfnis danach war allerdings sehr gross.

Obwohl über viele Jahre erprobte digitale Gesundheitslösungen bestehen, wie sie beispielsweise Telemedizin-Anbieter wie Medgate anbieten?

Ja, das ist richtig. Unser Ansatz ist neu und unterscheidet sich in wesentlichen Aspekten von bestehenden Lösungen grosser Telemedizinanbieter.

Wie sehen die Unterschiede denn aus?

Zum einen liegt unser Fokus rein auf den Fachärzten und wir haben selber keine angestellten Ärzte. Plattformen, die primär mit Allgemeinärzten zusammenarbeiten, stiften auch einen grossen Nutzen, bei vielen Fragen ist jedoch die Einschätzung eines Facharztes notwendig. Und genau diese Lücke haben wir besetzt.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal liegt darin, dass wir nicht auf Videokonsultation setzen, sondern auf die asynchrone Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Unser Anspruch war ausserdem, die User Experience der Telemedizin zu verbessern. Unsere Form der Digitalisierung der Medizin soll zudem Spass machen. Dafür haben wir ein sehr niederschwelliges Angebot aufgebaut, dass die Nutzererfahrung so intuitiv wie möglich gestaltet. Es geht also nicht einfach nur darum, einen vergleichsweise faden Fragebogen auszufüllen. Für die Umsetzung all dieser Ansprüche haben wir ein eigenes fachärztliches Advisory Board aufgebaut und dessen Erfahrungen in unsere Prozesse einfliessen lassen. Also gleichsam die in den Köpfen der Dermatologen existierenden «Beurteilungs-Algorithmen» digitalisiert.

Adressieren Sie also insbesondere die digitalaffine junge Generation?

Der Grossteil unserer Nutzer ist zwischen 25 und 45 Jahren alt. Für diese Altersgruppe gehört der Umgang mit digitalen Lösungen zum Alltag. Gleichzeitig war es spannend für uns zu erkennen, dass auch eine grössere Zahl älterer Menschen Onlinedoctor nutzt. Dabei agieren beispielsweise Altersheimmitarbeitende als Intermediäre, helfen also den Bewohnern, die Plattform zu verwenden. Das verhilft den Patienten zur schnellen Diagnose und sie können sich in vielen Fällen den Arztbesuch und somit auch Kosten und mühsame Anfahrtswege sparen. Ähnlich funktioniert das übrigens auch mit Spitälern, die beispielsweise über keine eigene dermatologische Klinik verfügen. Wie das Kantonsspital Baden, für das wir den Konsiliararzt-Service digitalisiert haben. Auch hier adressieren wir also keineswegs nur die unter dreissigjährigen Patienten.

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Lassen Sie uns noch einmal einen Schritt zurückgehen. Wie gestaltete sich die Firmengründung?

Im Dezember 2016 haben wir zu dritt die Onlinedoctor AG gegründet. Haben dann in rund sieben Monaten eine Betaversion entwickelt und sie anschliessend mit ausgewählten Dermatologen und unter anderem auch mit dem Kantonsspital Baden 2017 intensiv getestet. Nachdem wir festgestellt hatten, dass die Plattform und der Business-Case funktionierten, ging es an den weiteren Ausbau. Da wir den nicht aus dem laufenden Cashflow bezahlen konnten, haben wir uns für eine externe Finanzierungsrunde entschieden. Das gelang uns nicht zuletzt deshalb, weil wir bereits eine funktionierende Lösung und Kunden hatten.

Und Investoren gabs?

Ja. Unsere Ausgangslage machte es möglich, Investoren aus der Schweiz zu überzeugen. Hierbei hat uns auch das Netzwerk der HSG geholfen und wir konnten mit diesen ersten 600 000 Franken die Plattform deutlich im sogenannten Front-End und Back-End ausbauen. Das heisst, es war uns möglich, auf das Fachwissen von speziell ausgebildeten Software-Developern zurückzugreifen. Schliesslich ist noch zu erwähnen, dass wir uns ab 2018 erstmals auch Löhne auszahlen konnten. Notabene sind inzwischen auch zwölf Mitarbeitende hinzugekommen, sodass wir in den Bereichen Business Development, Sales und Marketing weiterwachsen konnten.

Und wie soll es weitergehen?

Vor kurzem konnten wir eine erneute Finanzierungsrunde erfolgreich bewältigen und werden ab September mit einem starken Team nach Deutschland expandieren. Zudem werden wir das Team wachsen lassen und hierbei insbesondere weitere IT-Kompetenzen insourcen. Damit kommen wir schon bald auf etwa 15 Mitarbeitende. Dann haben wir die Möglichkeit, das Produkt für die Dermatologen und Patienten weiter zu optimieren und deren Feedback umzusetzen. Ausserdem möchten wir die Zusammenarbeit mit noch mehr Spitälern ausbauen. Dann wollen wir auch die Krankenkassen mit ins Boot holen, um uns noch breitere Kundenkreise zu erschliessen. Dies sind aber nur einige Aspekte, die aber jeweils ganz spezifische Ansprüche bei der Realisierung stellen. Kurz gesagt, stehen wir derzeit vor der Aufgabe, das starke Wachstum zu managen. Auf diese Herausforderung freuen wir uns.

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