Handelszeitung
Brugger

Impulsgeber: Generation Zukunft

Veröffentlicht am 06.09.2019
Quelle: Noelle Guidon

Sie sind jung, selbstbewusst und engagiert - und setzen mit ihrer erfrischenden Art Akzente in Europa und der Schweiz.

Hazel Brugger (25): Poetin wider Klischees

Wenn jemand in San ­Diego (1,5 Millionen Einwohner, kalifornischer Sehnsuchtsort am Pazifik) zur Welt kommt und danach in Dielsdorf (6000 Einwohner, Zürcher ­Agglo) aufwächst, kann das eine entsprechende berufliche Karriere begünstigen. Vorstellbar wäre etwa eine Laufbahn als Geschäftsfrau, die das südkalifornische ­Surfer-Gefühl in eine Schweizer Boutiquenkette einbringt. Oder California Cuisine so geschickt mit Rösti und Raclette paart, dass dies die Eidgenossen vom Rheintal bis zum Jet d’Eau als harmonisch empfinden. Hazel Brugger ist in San Diego geboren und in Dielsdorf aufgewachsen. Aber Harmonie ist nicht die Sache der Slam-Poetin, Kabarettistin und TV-Knallcharge.

Was die Sache der Hazel Brugger ist: rotzfreche Auftritte. Staubtrockener Humor. Bitterböse Sprüche. Sätze wie ­Leberhaken. Während die ­zivilisierte Welt das Schweizer Wesen als etwas sehr Ausgeglichenes wahrnimmt und in aller Regel als Cocktail mit drei Teilen Diskretion, einem Teil sprödem Charme und einem Teil Diplomatie beschreibt, ist Bruggers Mix ein ganz anderer. Ein Teil: höf­licher Charme. Vier Teile: verbale Schläge in die Magengrube. 
Mit diesem Mix hat sich Hazel Brugger, 25, erstaunlich schnell eine grosse Fan­gemeinde geschaffen. Aus dem Palmarès der Hazel B.: Deutscher Comedypreis, Deutscher Kleinkunstpreis, Salzburger Stier, Swiss Comedy Award. Mit 17 legte Brugger als Slam-Poetin auf kleineren Bühnen der Deutschschweiz los, mittlerweile ist sie unter anderem ein gefeierter Star als ­Aussenstation-Rotzlöffel im ZDF-Nachrichtensatire-Format «Heute-Show». Und dies in perfektem Hochdeutsch. 

Was Hazel Brugger auszeichnet: In einer Kultur-Szene, die oft genug von Formaten lebt, die als blosse Wiederholung von bereits Erfolgreichem daherkommen, hat sich San-Diego-meets-Dielsdorf ihr eigenes Genre geschaffen: Unerschrockene Schweizerin, die selbstbewusst und pointengenau austeilt. Ob ihr der Ausdruck Shootingstar wohl passen würde? Eines jedenfalls ist klar: Dem Gesetz des «shoot to kill» gehorchen ihre Auftritte allemal. Wie etwa jüngst im deutschen Krefeld, als sie ihre One-Woman-­Show wegen grosser Nachfrage gleich zweimal zur Aufführung brachte. Und dabei Sätze abfeuerte, wie sie sich sonst wohl keine und keiner getraut. Etwa zum Verhältnis von Deutschland und der Schweiz, wie die «Westdeutsche Zeitung» erschrocken notierte: «Deutschland tut oft so, als wäre die Schweiz ein Hämorrhoiden-Säckchen, was daran baumelt.» Und das von einer Schweizerin! Der schreibenden Person der Zeitung fiel wohl fast der Kugelschreiber aus der Hand. Immerhin konnte sie noch titeln: «Hazel Brugger lässt in ­Krefeld kaum Zeit zum Luftholen». 


So etwas Schnelles, Böses und Hartes erwartet eben niemand aus der Schweiz. Schnelldenkerin und Scharfrednerin Hazel Brugger killt alle Klischees.

«Dort, wo es weh tut, fängt das echte Lachen doch erst an», sagt die US-Schweizerin, die aktuell wieder Säle in halb Europa rockt. Liebe Frau Brugger: Bitte hören Sie nie auf, uns weh zu tun.

Armin Steuernagel (28): Pionier der neuen Werte

Der junge Mann mit dem markanten Namen ist eine Aus­nahmeerscheinung. Bereits mit 16 Jahren führte Steuernagel sein erstes Unternehmen an der Waldorfschule: eine Online-Plattform für Holzspielzeug und Schulsachen. Sechs Jahre später rief er Mogli ins Leben: ein Bio-Label für Kinder, welches aktuell in über vierzig Märkten erhältlich ist. ­Heute forscht er, wie man «den Kapitalismus humanisieren und Europa wieder demokratisieren kann». Für Europa fordert er eine Neuorganisation. Der Kontinent brauche eine Graswurzelbehandlung. Um die EU vor dem Zerfall in Nationalstaaten zu bewahren, müssten die politischen Prozesse anders geregelt werden, hielt er mit dem Ökonomen Bruno S. Frey in der «Welt» fest.



 

Steuernagel
Quelle: Stephan Münnich

Steuernagel gehört zu den Pionieren ­einer neuen Führungskultur im deutschsprachigen Raum. Mehr noch: Er ist ein Impulsgeber. Einer, der mit seinen Ideen eine neue Generation von Führungskräften in Europa prägt. Mit seiner Purpose-Stiftung berät der 28-Jährige mit Studien in Phi­lo­sophie, Politik und Ökonomie Unternehmer darin, Eigentum neu zu denken, um langfristig ihren Werten treu zu bleiben. Zudem unterstützt er im Think Tank 30 des Club of Rome werteorientierte Firmen mit Investmentfonds. 


Steuer­nagel moniert den Status quo der Geschäftswelt und sagt: «Manager kontrollieren das Geschäft, fühlen sich damit aber nicht verbunden.» Stattdessen würden sie von den Aktienmärkten unter Druck gesetzt. Sinnhaftigkeit, wie er sie anstrebt, werde in immer mehr Firmen zum Geschäftsmodell. So hofft er, dass sich die Wirtschaft selber ändert: weg vom Gewinn als Selbstzweck, hin zur selbstbestimmten Firma mit Mitarbeitenden, die etwas zu sagen haben.

Léa Sprunger (29): Königin der Tartanbahn

Wie heisst es so schön? Nomen est omen. Léa Sprunger ist ein lebender Beweis hierfür: Sie ist die erste Schweizer Europameisterin in der Leichtathletik. Ihre ­Spezialität: Hürden. Den Titel hat die pfeilschnelle Romande – sie hält den Schweizer Rekord sowohl über 200 als auch über 400 Meter – schon zweimal geholt: Die Gold­medaille über 400 Meter an der Europameisterschaft 2018 in Berlin, vor 45 000 Zuschauern im Olympiastadion, Gold auch an der Hallen-EM über 400 flach in der Emirates Arena in Glasgow im März 2019. Zudem hat sie sich im März in Yokohama mit der 4 × 400-Meter-Staffel einen Startplatz für die Weltmeisterschaft in Katars Metropole Doha gesichert – eine Schweizer ­Premiere.

Foto: Noura Gauper

Die Erfolge sind schwer erkämpft. Für die gelernte, 1,83 Meter grosse Siebenkämpferin zahlt es sich aus, dass sie sich vor acht Jahren entschieden hat, sich zu fokussieren. Als Siebenkämpferin gehörte sie zu den Besten, als Hürdenläuferin ist sie die beste, die die Schweiz je hatte. Die Erfolge zeigen sich schnell, bereits in der zweiten Saison holt sie EM-Bronze. Dann aber ­stehen schwierigere Jahre an, ohne die sie heute allerdings nicht dort stehen würde, wo sie jetzt steht – als Europameisterin.


Als letztes grosses Ziel hat sich Sprunger im WM- und vorolympischen Jahr 2019 die Olympischen Spiele nächstes Jahr in ­Tokio gesetzt. Möglich, dass die Frau aus Gingins VD dort sogar einen Doppelstart wagen wird – über 400 Meter und 400 Meter Hürden. Sie wird, wie bereits früher in Europa, dann auch weltweit die sportlich wehende Fahne der Schweiz hochhalten und als grandiose Botschafterin des Landes agieren. Übertrumpft wird die Romande in der Disziplin positive Ausstrahlung bloss noch von Tennis-Crack Roger Federer.  


Reüssiert Sprunger auch in Tokio, wäre dies der krönende Abschluss ihrer Sportlerkarriere. Wenn die 29-Jährige an der Weltmeisterschaft brilliert, ist ihr der Titel «Schweizer Leichtathletin des Jahres» für 2019 sicher. Es wäre nach 2017 und 2018 das dritte Mal, dass Sprunger diese ehrenvolle Auszeichnung erhält. 
 

Océane Dayer (30): Stimme der Umwelt

Océane Dayer gehörte zur ersten Delegation junger Schweize­rinnen und Schweizer an der Konferenz der Vertragsparteien des Pariser Klimaübereinkommens. Das war 2015. Im selben Jahr – sie studierte damals noch – gründete sie die Non-Profit-Organisation Swiss Youth for Climate. Ihr erklärtes Ziel heisst, sich für eine «zielführende nationale und globale Klimapolitik» einzusetzen und der Jugend, die in zwanzig, dreissig Jahren mit den Entscheiden von heute leben muss, eine Stimme zu geben. Diese Stimme hat nun, 2019, mit Greta Thunberg ein Megafon bekommen; Millionen Jugendliche haben fürs Klima gestreikt, auch überall in der Schweiz hat das brisante Thema in diesem Jahr Tausende junger Leute mobilisiert.

Dayer
Quelle: Pierre Yves Massot / 13 Photo

Ihr Engagement für die Umwelt ist nicht neu: Schon in ihrer Kindheit in Landecy bei Genf war Dayer ­aktiv. Seit 2016 hat sie einen Master der Umweltnaturwissenschaften der ETH Zürich und steht beim WWF Schweiz unter Vertrag. Und seit 2017 ist sie Co-Präsidentin des Schweizer Ablegers im weltweiten Sus­tainable Development Solutions Network, das 2012 vom einstigen UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon gegründet worden ist. Das Netzwerk will dafür sorgen, dass die angepeilten Ziele auch erreicht werden, indem die Akteure aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft Know-how und Kräfte bündeln und an einem Strick ziehen. 

Flavia Kleiner (28): Politstar ohne Parteibuch

Die Annahme der Massen­einwanderungsinitiative war ihre politische Geburtsstunde. Seit jenem denkwürdigen Februar 2014 engagiert sich die Bernerin Flavia Kleiner für ein konstruktives Verhältnis der Schweiz zu Europa. Sie engagiert sich für eine weltoffene und progressive Schweiz. Zuwanderung ist ihr kein Schreck, sondern eine Bereicherung.

Foto: Daniel Winkler / 13 Photo

Die 28-Jährige ist das Gesicht der Operation Libero, bietet der SVP die Stirn und hat wiederholt an der Urne einen Punktesieg gegen konservative Europa-Gegner errungen. Dass keine andere Partei im Wahljahr über die EU sprechen will, missfällt der Zürcherin. Sie ist ein junger Politstar, stammt aus einer FDP-Politiker­familie, will sich aber kein Parteibuch zulegen und passt auch in keine Links-rechts-Schublade. Kleiner ist bestens vernetzt. Die Selbstbestimmungsinitiative der SVP bodigte sie Seite an Seite mit Heinz Karrer, dem Präsidenten des mächtigen Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Das Duo muss schon bald wieder in den Ring: Die SVP will die Personenfreizügigkeit kündigen. Die Unterschriften sind beisammen. Kleiner, die Historikerin, Juristin und Jungpolitikerin, will dagegenhalten. 

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