Peter Spuhler

Impulsgeber: Wirtschaft

Veröffentlicht am 09.10.2019
Quelle: Daniel Winkler

Mit ihren Firmen erobern sie Europa und die Welt - und prägen so die Geschäftswelt jenseits von Grenzen.

Peter Spuhler (60): Europas Bahnbauer

Peter Spuhlers Zugfirma Stadler Rail ist aktuell drauf und dran, den ganzen Kontinent mit Schnell-, Vorort- und U-Bahnzügen auszurüsten. Obendrein liefert er Strassenbahnen und Lokomotiven mit Diesel- oder Strombetrieb in diese Kernmärkte, zum Beispiel Lokomotiven des Typs Euro 4001.

Der Name ist Programm: Der ehemalige Nationalrat verkauft sein Rollmaterial unter anderem nach Deutschland, Österreich, Grossbritannien, Frankreich, Polen, Slowenien, Norwegen, in die Niederlande, nach Finnland, Italien, Ungarn – und natürlich in der Schweiz. Sein Trumpf ist weniger der Endpreis – der ist tendenziell höher –, sondern der Kundenfokus. Denn auch bei der Eisenbahn ist Europa noch lange nicht integriert. Vielmehr kennt jedes Land, jede Region Spezifitäten beim Einstieg, bei der Verarbeitung, den Lärmvorschriften; ergo wird vom Zugbauer höchste Flexibilität erwartet. 

Stadler Rail kann sie bieten. Die Firma schafft es auch, die Liefertermine in der Regel einzuhalten, was den wenigsten Konkurrenten – siehe Bombardier – gelingt. Spuhler setzt dabei auf eine vernetzte Produktion, und zwar international. Stadler betreibt zwölf Werke sowie über 40 Servicestandorte.  In Berlin-Pankow steht eines seiner Schlüsselwerke mit 1600 Mitarbeitenden. Von hier aus werden Metropolen mit vielfarbigen Strassen- und Stadtbahnen beliefert. Die Ambitionen sind hoch, jüngst wurde eine nächste Ausbauphase gestartet.

Chefstratege, Geldgeber und VR-Präsident Spuhler und seine 10500 Mitarbeitenden sind in diesem weitverzweigten industriellen Setup auf offene Grenzen angewiesen; auch internationale Verträge über die gegenseitige Anerkennung von Sicherheits-, Gesundheits- und Umweltstandards sind für ihn essenziell. Schliesslich hat er unlängst 80 Millionen Franken in das neue Werk in St. Margrethen investiert, wo er von Fachkräften aus Vorarlberg und Baden-Württemberg profitiert. Im Dreiländereck werden die Kiss-Doppelstocktriebzüge und sämtliches Rollmaterial entwickelt und verschraubt.

Würde die Begrenzungsinitiative der SVP, jener Partei, für die er während Jahren politisierte, angenommen und in der Folge die Personenfreizügigkeit aufgekündigt, hätte dies wohl gröbere Auswirkungen auf das Rheintaler Bahnwerk. Sollten gar die Bilateralen kippen, würde das letzte ­Eisenbahnreich der Schweiz ausgerechnet im kleinen Heimmarkt aufs Stumpengleis zurollen. Denn für Spuhler sind die bilateralen Verträge Voraussetzung dafür, dass sich die Schweizer Wirtschaft weiter positiv entwickelt. Und er mit seiner Stadler Rail auch die nächsten Jahre ein industrielles Flaggschiff in Europa bleibt. 

Das Potenzial des einstigen 18-Mann-Betriebs ist gross. Das vermuten auch die Aktienmärkte. Diesen Frühling legte die Firma einen fulminanten Start an der Börse hin. Spuhler, der einen Teil seiner Aktien verkaufte, dürfte die Publikumsöffnung 2 Milliarden Franken eingebracht haben. Auch Kader wie Arbeiter profitierten vom Going Public: Das langjährige Mitarbeiter-Aktionärsprogramm umfasst gut 170 Kaderleute, welche über die Jahre Aktien als Teil des Bonus erhalten haben. 

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Für die Arbeiter gab es zum üblichen jährlichen Cash-Bonus immerhin einen zusätzlichen Monatslohn obendrauf. Wie lang der Boom in der Gruppe anhält, ist schwer abzuschätzen. Luft nach oben gibt es in Europa, wo die Schweizer einen Marktanteil von 15 Prozent halten.

Aude Pugin (45): In neuen Sphären

Aude Pugin kam 2009 zu Apco Technologies in Aigle. Die Waadtländer Firma ist auf die Entwicklung und Herstellung von hochwertigen Geräten für die Raumfahrtindustrie spezialisiert. Als Vertreterin der zweiten Generation des Familienunternehmens übernahm die 45-Jährige zuerst die Position der Finanz­direktorin. Acht Jahre später ersetzte sie ­ihren Vater an der Spitze. Pugin hat einen Master-Abschluss in Rechtswissenschaften der Universität Freiburg und war während rund zehn Jahren als Anwältin für verschiedene in Europa und den Vereinigten Staaten tätige Unternehmen in den Bereichen ­Finanzen, Immobilien, Seeverkehr und Luftfahrt tätig. Eigentlich prädestinierte sie ­wenig für diese Position als Firmenleiterin. «Ich bin keine technische Expertin, aber ich habe es im Laufe der Zeit gelernt. Ich verlasse gerne meine Komfortzone und vermeide monotone Tätigkeiten», sagte Aude Pugin 2017 in der Zeitung «Le Temps». Derzeit leitet sie 350 Mitarbeitende bei Apco Technologies, von denen einige ihren Sitz im europäischen Weltraumbahnhof in Kourou, Französisch-Guayana, haben.

Pugin
Quelle: Chantel Dervey / 24 heures

Pugin ist Mitglied der Eidgenössischen Raumfahrtkommission sowie des Regionalbeirats der Schweizerischen Nationalbank und hat im April 2018 als erste Frau das Präsidium der Waadtländer Industrie- und Handelskammer übernommen. Auf privater Ebene engagiert sie sich im Verein Afiro für die berufliche Wiedereingliederung von Menschen mit Behinderungen und unterstützt das Festival Images de Vevey. Aktiv, wie sie ist, schwimmt und läuft sie gerne.

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Adrian Locher (37): Berner AI-Investor

Ursprünglich aus Bern, versucht der 37-jährige Seriengründer Adrian Locher nun von Berlin aus, der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Merantix heisst seine Firma, und mit ihr unterstützt und finanziert er Start­ups, die im Bereich maschinelles Lernen und künstlicher Intelligenz (AI) unterwegs sind. Locher reizt es, etwas zu machen, «das einen grösseren Einfluss auf die Menschheit hat» als der reine E-Commerce, der den Anfang seine Karriere begründete. So engagiert sich Merantix etwa bei einem Radiologieprojekt im Gesundheitsbereich. Dank maschinellem Lernen sollen Radiologiebilder von Patienten besser, schneller und darüber hinaus auch noch zuverlässiger auf mögliche Diagnosen analysiert werden, als dies heute möglich ist. Merantix generiert Umsätze, hat aber einen Zehnjahreshorizont und schreibt in der aktuellen Aufbauphase noch immer Verluste. Zu Lochers grösstem Erfolg wurde bisher die Schnäppchenplattform Dein Deal, die er mitgegründet hat und 2015 an den Medienkonzern Ringier verkaufte. Einen guten Teil davon legte er in Aktien an, beteiligte sich an Startups und investierte in den Aufbau von Merantix.

 

Foto: Urban Zintel

Zu seinen Managementmaximen gehört, Fehltritte zu tolerieren:

«Ich habe gelernt, Fehler zuzulassen, Entscheidungen einfach mal zu treffen und Fehler in Kauf zu nehmen», sagt er der «Handelszeitung».

Noch immer ist er mit seiner betriebswirtschaftlichen Ausbildungsstätte, der Universität St. Gallen, verbunden. So coacht er HSG-Studierende, die jedes Jahr die Start­up-Konferenz Start Summit auf die Beine stellen, und fördert die in diesem Umfeld entstandene Idee, das Startup-Netzwerk Start Global europäisch zu verankern.

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Stefan Muff (57): Digital- Pionier

Der heute 57-jährige ETH-Absolvent aus Luzern gab Google Maps und Google Earth die Sporen. Und landete dann ­weitere Coups.
Nach einer kurzen Karriere im Bundesamt für Raumplanung gründete Muff 1988 sein Geodatenunternehmen Endoxon. Google wurde darauf aufmerksam – und kaufte sein Unternehmen 2006 für geschätzte gut 35 Millionen Franken.

Foto: Herbert Zimmermann für Magazin 25

Muff, der das Unternehmen zusammen mit seinem Bruder Bruno sowie Uli Sigg und mithilfe der Credit Suisse gegründet hatte, setzte sich nicht zur Ruhe. Er inte­grierte 2008 die Orell Füssli Wirtschafts­informationen (OFWI) in sein 2007 gegründetes Unternehmen Infopuls und dazu Teledata in seine 2008 geschaffene Holdinggesellschaft Axon Active mit Niederlassungen unter anderem in Wien und München. Die Gruppe entwickelt Lösungen im Bereich von Big Data. Anfang Jahr hat das Unternehmen aufgezeigt, wie Verspätungen im U-Bahnnetz von New York besser vorhergesehen und die Auswirkung einer Störung minimiert werden können. 2014 verkaufte er OFWI an das italienische Unternehmen Crif für schätzungsweise fünfzig Millionen Franken. Und baute zusammen mit seiner Familie in Eigenarbeit ein Schloss zum Firmensitz um. Es ist heute eine weitere Perle, made by Muff.

Martine Clozel (63): Bescheidene Forscherin

Martine Clozel verkörpert einige Eigenschaften, für welche die Schweiz steht – oder zumindest stehen möchte. Da ist zuvorderst ihre Bescheidenheit. Die Mitgründerin der Biotech-Unternehmen Actelion und Idorsia arbeitet gerne im Hintergrund. Die öffentlichen Auftritte überlässt sie ihrem Ehemann Jean-Paul. Nur selten gibt die Wissenschafterin Interviews, viel lieber widmet sie sich der Entwicklung neuer Medikamente. Und selbst wenn sie in diesem Gebiet auf ihre Erfolge angesprochen wird, gibt sie die Komplimente an das Gesamtteam weiter. Die zweite Eigenschaft ist das Unternehmertum – sowie der damit verbundene Fleiss und die Risikobereitschaft. Diesen Wesenszug bewies die dreifache Mutter und ehemalige Kinderärztin, als sie zusammen mit ihrem Mann und weiteren Partnern im Jahr 1997 Actelion gründete. Dank Kassenschlagern wie Tracleer, einem Arzneimittel zur Behandlung des Lungenhochdrucks, ist daraus ein Milliardenkonzern entstanden, den die Clozels 2017 für 30 Milliarden Dollar an den US-Riesen Johnson & Johnson verkauften – nicht ohne dabei den Grundstein für ihr nächstes Unternehmen, Idorsia, zu legen. Auch hier wirkt die gebürtige Französin im Hintergrund als Forschungschefin – und geht ihrer Leidenschaft, der Entwicklung neuer Medikamente, mit gros­ser Passion nach.

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Clozel
Quelle: Stéphan Lagoutte / Challenges REA / laif
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