Der Blick reicht über den unteren Zürichsee bis in die Glarner Alpen. In dem Altbau am Sonnenhang von Jona hat die Musikerin und Pädagogin Christiane Dick ihr Atelier ­Musik-Oase eingerichtet. Ihr Beruf erschliesst sich spätestens im Musikzimmer im Dachgeschoss der sanft renovierten Maisonettewohnung. Auf einem Tisch sind Blockflöten in verschiedenen Grössen fein säuberlich auf einem Ständer aufgereiht. Ein kleiner Schatz mit einem Wert im mittleren fünfstelligen Bereich. Der Raum mit den weiss lasierten Dachbalken ist wie die übrige Wohnung liebevoll eingerichtet, strahlt Wärme aus und lädt ein.

Dies trifft auch auf die Art zu, wie Christiane Dick von ihrer Arbeit spricht. Ihre Leidenschaft gilt dem Unterricht von Menschen über 50. Den Fachbegriff dafür, Musikgeragogik, mag sie nicht besonders, wie sie gleich zu Beginn erklärt: «Gera­gogik wird zu oft mit Gebrechlichkeit assoziiert.» Lieber spricht sie vom Musizieren in der zweiten Lebenshälfte oder vom ­Musizieren 50 plus. Die Gründe, warum Menschen spät noch ein Instrument lernen, sind unterschiedlich: «Die einen möchten sich einen lang gehegten Traum erfüllen, weil als Kind in der Familie vielleicht das Geld dazu fehlte. Andere sagen sich einfach: Ich möchte etwas Neues und traue mir das zu.» Dann gibt es natürlich auch die Wiedereinsteiger.

Ihr Grundstudium auf der Blockflöte absolvierte Christiane Dick in Trossingen in Baden-Württemberg. Die Liebe zur alten Musik führte sie danach zum niederländischen Dozenten und Blockflötisten Kees Boeke an die Zürcher Hochschule der Künste, wo sie im Jahr 2000 ihr Konzertdiplom erlangte. In der Schweiz ist sie seither sesshaft geworden und als freie Musikerin, Blockflötenlehrerin und in der Lehrerausbildung tätig. Den Unterricht mit Erwachsenen hat sie schon immer ­gemocht. Ihr Erfolg misst sich in der Treue ihrer Zöglinge: «Eine Schülerin kommt seit 22 Jahren zu mir und ist bereits 79 Jahre alt.»

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Schweizweit Modellcharakter

Um ihren Erfahrungsschatz nochmals zu vertiefen, besuchte Christiane Dick vor zwei Jahren das CAS Musikgeragogik an der Hochschule Luzern. Es ist eine der ­ersten Weiterbildungen in der Schweiz auf diesem Gebiet. «Ich konnte mich da vertieft mit dem Thema auseinandersetzen.

«Erwachsene haben wirklich Lust, etwas zu lernen, sind motiviert und möchten viel Zeit investieren.»

Und es hat mir die vielen Einsatzmöglichkeiten aufgezeigt, ob im Spital, im Altersheim, im Familienbereich oder einfach an der Musikschule.» Gleichzeitig hat die einjährige Weiterbildung Türen geöffnet: Ab kommendem Herbst wird Christiane Dick den neuen Bereich Musizieren 50 plus an der Musikschule Weinfelden verantworten. Sie erzählt begeistert: «Das hat schweizweit Modellcharakter. Wir haben dafür einen eigenen Fachbereich aufgebaut.» Dazu gehören nebst Schnupper­lektionen und Einzelunterricht etwa auch Ensembles oder generationenübergreifendes Musizieren.

Menschen blühen auf

Die Ausgangslage mit Schülerinnen und Schülern in der zweiten Lebenshälfte unterscheidet sich erheblich von der mit Kindern: «Erwachsene haben wirklich Lust, etwas zu lernen, sind motiviert und möchten Zeit investieren.» Kinder hätten neben Schule und anderen Hobbys oft ­weniger Zeit. Gerade auf ältere Menschen muss Christiane Dick ganz anders eingehen. «Es ist viel mehr als einfach Wissensvermittlung.» Im Dialog zwischen Schüler und Lehrerin wird gemeinsam erörtert, in welche Richtung die Reise geht, wie die Lernziele definiert werden. Zu diesem ­individuellen Paket gehört, dass auch etwaige körperliche oder geistige Einschränkungen einbezogen werden. Die Bandbreite ist gross. «Das erfordert Geduld und Einfühlungsvermögen.» Gleichzeitig sieht sie, was der Instrumentalunterricht be­wirken kann: Die Beweglichkeit etwas steif gewordener Finger wird verbessert, kognitive Fähigkeiten werden unterstützt, angeregt und erhalten. Ein wichtiger Punkt für ältere Schülerinnen und Schüler ist auch der soziale Kontakt. Jede Person bringt ihren eigenen Lebensrucksack mit. Da wird die Lehrerin unter Umständen zu einer wichtigen Bezugsperson. «Man muss Menschen ganz einfach mögen und ihnen gerne zuhören, wenn sie aus ihrer Lebensgeschichte erzählen.» Als grosse Bereicherung erlebt Dick deshalb auch das gemeinsame Musizieren in der Gruppe. «Es macht die Menschen glücklich, wenn sie musizieren können. Sie erleben dadurch Freude und Lebensqualität. Es entstehen sogar oftmals neue Freundschaften.»

Christiane Dick

Name: Christiane Dick
Geboren: 31. Oktober 1971
Wohnort: Jona SG
Ausbildung: Grundstudiom Blockflöte, Trossingen D; Studium an der Zürcher Hochschule der Künste, Abschluss 2000 mit Konzert-Diplom; CAS Musikgeragogik Abschluss 2017, Hochschule Luzern
Funktion: Pädagogin und Musikerin

Mein FH-Profil: 
Ich gehe meinen eigenen Weg als Musikerin und Pädagogin, begleite und fördere auch meine Schüler auf ihrem Weg. In dieser Begegnung zwischen Mensch und Instrument vermittle ich die Leidenschaft und Vielfalt der Musik. 

Überrascht vom Interesse

Christiane Dick verfolgt den Grundsatz, dass jeder Mensch in jedem Alter ein Instrument lernen kann. Der Trend, dass sich das ältere Menschen immer häufiger auch zutrauen, und ihre absolvierte Weiterbildung – beides hat ihr ungeahnte neue Möglichkeiten eröffnet.

«Das CAS (Certificate of Advanced ­Studies) gibt mir die Sicherheit, mich auf dem Arbeitsmarkt zu zeigen und konkret diesen neuen Bereich zu bewerben.» Ein grosses Plus in einem Gebiet, auf dem es noch nicht so viele Experten gibt. Entsprechend begehrt sind ihre Qualifikationen an Musikschulen.

So hat man ihr auch in Horgen, wo sie ebenfalls ab Spätsommer Blockflöte unterrichten wird, signalisiert, dass man im darauffolgenden Jahr ein Angebot 50 plus lancieren möchte. Sie ist selber überrascht: «Ich hätte nie gedacht, dass das Interesse derart gross ist.»