Der Blick in die Statistiken des eidgenössischen Branchenverbands Fédération Horlogère (FH) lässt erkennen, dass die Bedeutung des nach der politischen Öffnung extrem boomenden russischen Markts in den vergangenen Jahren wieder nachgelassen hat. Aber auch hier brachte 2021 nach der Corona-Delle des Vorjahres wieder ein beträchtliches zweistelliges Wachstum (siehe Box). Ob das nach der Verbannung 2022 so bleiben wird, muss zum jetzigen Zeitpunkt jedoch stark angezweifelt werden. Kryptowährungen werden die so ausgelösten Probleme beim Zahlungsverkehr kurz- und mittelfristig nicht kompensieren können. Schwer vorstellbar ist zudem, dass millionenschwere Einfuhren von Luxusgütern mit Bargeld beglichen werden, ganz abgesehen vom sinkenden Rubel-Kurs und der in Russland grassierenden Inflation.

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Gebraucht hat dieses gefährliche politische Szenario nach den massiven pandemiebedingten Einbrüchen und der allmählichen Rückkehr zur Normalität niemand. Fehlen in der Szene wird das Geld der steinreichen Oligarchen, deren Handlungsspielräume durch die aktuellen finanzpolitischen Massnahmen eine deutliche Einengung erfahren. Nicht allein in Moskau – weltweit werden die Oligarchen beobachtet.

Damit sind wir bei einem gegenwärtig viel diskutierten Thema. Lebt die Luxusuhrenwelt in einer ausgeprägten Blase, welche über kurz oder lang zu platzen droht? Unsere Welt ist beträchtlich aus den Fugen geraten. Angesichts der Entwicklung stellt sich die Frage, ob die teilweise zu beobachtende Unmässigkeit fortschreiten oder die besagte Blase platzen wird.

Wenn es um das Investment in Luxusarmbanduhren geht, liegt ein Vergleich mit Aktien irgendwie nahe. Bis zum Russ-land-Ukraine-Konflikt kannten die einschlägigen Leitindexe nur eine Richtung: nach oben. Steiler aufwärts ging es jedoch mit manchen Armbanduhren von A. Lange & Söhne, Audemars Piguet (AP), Patek Philippe (PP), Richard Mille, Rolex und Vacheron Constantin. Konkreter gesagt mit solchen, welche man als Normalsterblicher im Fachhandel kurz- und sogar mittelfristig nicht erwerben kann. Wenn bei Bucherer in Luzern 600 potenzielle Kundinnen und Kunden auf der Warteliste für eine stählerne Daytona mit schwarzer Keramiklünette von Rolex stehen, die Genfer Marke pro Jahr aber nur zehn Exemplare davon liefert, lässt sich ausrechnen, welche Geduld Kaufwillige aufbringen müssen. Wirklich besitzen und tragen möchten diesen Automatikchronographen freilich nur einige wenige. Bei vielen Interessenten und Interessentinnen handelt es sich um Investoren und/oder Spekulanten, die ihren finanziellen Einsatz ohne viel Aufwand vervielfachen möchten. So gut wie keine Rolle spielen das Produkt selbst und die damit verknüpfte technisch-uhrmacherische Leistung. Hoher Stellenwert kommt der Marke zu. Die Situation lässt sich durchaus mit der Lage bei den Immo bilien vergleichen.

Zehnmal teurer als der offizielle Verkaufspreis

Völlig aus dem Ruder läuft das Geschehen gegenwärtig nicht allein bei Rolex (siehe Box unten), sondern auch bei den sportlich-eleganten Edelstahlklassikern von Patek Philippe und Audemars Piguet. Obwohl die Nachfrage das verfügbare Angebot überstiegen hat, stellte es bis 2015 kein unlösbares Problem dar, von PP eine Nautilus 5711/1A oder von AP eine ultraflache Royal Oak Jumbo 15202ST bei Konzessionären zu erwerben. Dann setzte der Boom ein. Eine 20-prozentige Preis steigerung im März 2018 fachte den Run auf die Stahl-Nautilus noch weiter an. Seit ihrer Einstellung Ende 2020 ist sie nur noch für sechsstellige Frankenbeträge erhältlich. Für die finale Edition mit grünem Zifferblatt boten Kaufinteressierte den Konzes sionären freiwillig das Zehnfache des offiziellen Ladenpreises von rund 31 000 Franken. Wohl wissend, dass sie hinterher deutlich mehr dafür bekommen würden. Noch irrationaler gestaltete sich die Situation rund um die Ende 2021 nur mit der Kleinstauflage von 170 nachgeschobenen Nauti-lus-Exemplare zum 170. Tiffany-Firmenjubiläum.

Seit AP-CEO François-Henry Bennahmias im Laufe des Jahres 2021 wissen liess, dass der Lebenszyklus endet und zum fünfzigsten Geburtstag der 1972 vorgestellten Royal Oak etwas Neues zu erwarten ist, explodieren die im Internet verlangten und – auch – gezahlten Preise. Unter 130 000 Franken sind selbst mehrere Jahre lang getragene Exemplare kaum noch zu bekommen. Durchaus bedenkliche Reaktionen zog die Vorstellung der Nachfolgereferenz 16202ST mit neuem Automatikkaliber 2171 und speziell gestaltetem Jubiläumsrotor nach sich.

Diese Aufzählung liesse sich problemlos fortsetzen. Durchgängig beträfe sie solche Armbanduhren, die nicht im Handumdrehen zu haben sind. Egal, ob limitiert oder unlimitiert hergestellt. Bezogen auf den gesamten Uhrenmarkt sind das quantitativ schätzungsweise nur 2 bis 3 Prozent. Eine untergeordnete Rolle spielt dabei, ob die begehrten Zeitmesser das verlangte Geld tatsächlich wert sind. Bei Luxusuhren bewegt sich der Kalkulationsfaktor zwischen sechs und zehn. Will heissen: Ein Ladenpreis von 20 000 Franken errechnet sich aus 3000 oder weniger Franken Herstellungskosten. Der Rest ist Marge auf verschiedenen Ebenen.

Für das Zahlen beträchtlicher Goodwill-Beträge über das offiziell Verlangte hinaus gibt es mehrere Gründe. Einmal sind da der menschliche Hedonismus und das Streben, Dinge zu besitzen, die andere liebend gerne hätten. Auf der anderen Seite geht es unabhängig vom Produkt selbst um Spekulation und die Gier nach raschem Gewinn. Gefördert von genügend Geld im Markt. 2021 zählte Forbes weltweit 2755 Milliardäre. Auch bei mehr als zehn Millionen Millionärinnen und Millionären sitzt das Geld grundsätzlich locker. Zusammen übersteigt das die Zahl der jährlich hergestellten Luxusuhren. Hinzu gesellen sich die Gutverdienenden. Im Zuge der Corona-Krise konnten sie ihre frei verfügbaren Budgets nicht oder nur schwer zum Beispiel für Reisen, Ferien, Konzerte oder Restaurantbesuche ausgeben. Alternativ steckten sie ihr Geld in Immobilien, Einrichtungsgegenstände, Kunst – und eben Luxusuhren.

Patek Philippe Nautilus Tiffany: Bis zum Zehnfachen des offiziellen Preises wird geboten.

Bewertungsmethoden gibt es für Uhren keine

Verglichen mit Aktien besitzen Uhren einen eher persönlichen, unter anderem auch von Knappheit definierten Wert. Er stimuliert die apostrophierte Begehrlichkeit. Allerdings existieren für Uhren keine anerkannten Bewertungsmethoden zur Ermittlung adäquater Preise. Im Fall umfassender wirtschaftlicher Probleme dürfte sich die verlustlose Veräusserung speziell dann schwierig gestalten, wenn der Einkauf deutlich über dem Ladenpreis erfolgte. Kommt es hart auf hart, achten nämlich auch wirklich Reiche auf ihr Geld.

Bleibt als Unsicherheitsfaktor die altbekannte Abhängigkeit luxuriöser Armbanduhren von Trends und Mode. «Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird rasch Wittwer», pflegte der dänische Philosoph Søren Kierkegaard Mitte des 19. Jahrhunderts zu sagen. In den 1970er Jahren krähte kaum noch ein Hahn nach mechanischen Armbanduhren. König Quarz hatte das Szepter übernommen. In diesem Sinne kann niemand sicher prognostizieren, ob Nautilus, Odysseus, Overseas, Oyster und Co. in zehn oder zwanzig Jahren immer noch begehrlich sind. Weil Luxusuhren keiner der gängigen Anlageklasse angehören, empfiehlt sich die Aufnahme nur solcher Objekte ins eigene Portfolio, für die das Herz tatsächlich schlägt und welche man wegen ihrer wahren Werte auch bei nachgebenden Preisen noch lieben und tragen wird. Niemand kann in die Zukunft schauen. Die Situation kann sich, wie es aktuell der Fall ist, innerhalb weniger Tage grundlegend ändern. Wer auf weiteren stürmischen Wertzuwachs wettet, ist demnach schlecht beraten.

Russland auf Platz 17

Embargos In der Rangliste der Schweizer Uhrenexporte steht Russland aktuell – bezogen auf die ersten beiden Monate dieses Jahres – auf dem 17. Platz und damit zwischen Australien und Kanada. Exportiert wurden gemäss dem Uhrendachverband Fédération de l’industrie horlogère Suisse (FH) in die Russische Föderation in der Startphase dieses Jahres Uhren im Wert von 42,7 Millionen Franken. Zum gleichen Zeitpunkt 2021 lagen die Vergleichswerte bei 38,5 (plus 11,0 Prozent) und 2020 bei 31,3 Millionen Franken (plus 36,3 Prozent).

2021 Gesamthaft wurden im vergangenen, noch immer stark von der Co-rona-Krise beeinflussten Jahr für 260,1 Millionen Franken Uhren nach Russland geliefert. Gegenüber 2020 entsprach dies einem Plus von 35,5 Prozent, gegenüber 2019 waren es 30,6 Prozent. Die Position Russlands in der FH-Exportliste war damals die gleiche wie jetzt im Januar und Februar. Das Wachstum war in den letzten Jahren stark, dennoch relativieren die vorliegenden Zahlen die Bedeutung des russischen Marktes auf die schweizerischen Uhrenexporte. Die Embargos (unter anderem schweizerisches Exportverbot für Luxusartikel), verbunden mit den Schliessungen von Markenboutiquen vor allem in Moskau, werden in den kommenden Monaten für einen starken Einbruch der Ausfuhren nach Russland sorgen.

Zuerst waren sie Ladenhüter, später zweistellige Preistreiber

Rolex Daytona Während der Quarzkrise lagen die mit Valjoux-Handaufzugswerken ausgestatteten Rolex-Chronographen wie Blei bei den Konzessionären. Nach zwölfjähriger Produktionspause gaben die Referenzen 16520, 16523 und 16528 mit modifiziertem Automatikkalibern von Zenith während der Basler Uhrenmesse 1988 ihren Einstand. Speziell bei der stählernen 16520 überstieg die Nachfrage das Angebot unverzüglich derart stark, dass überhöhte Graumarktpreise an der Tagesordnung waren und Fälschungen auf Basis eines Valjoux-7750-Werkes entstanden. Dieser Hype verstärkte sich im Jahr 2000, als die stählerne Daytona 116520 mit dem hauseigenen Automatikkaliber 4130 debütierte. Und er eskalierte 2016 mit dem Lancement der Referenz 116520 LN (Bild). Offiziell 13 800 Franken kostet diese Armbanduhr nach der neuerlichen Preiserhöhung Anfang 2022.

Rolex GMT-Master II Ähnlich verhält es sich bei anderen Armbanduhren mit Stahlgehäusen von Rolex. Besonders begehrt sind zum Beispiel die GMT-Master II, die Submariner oder die Sky-Dweller mit ihrem blauen Zifferblatt. Selbst die jahrelang wenig gefragte Explorer II reüssiert, des Weiteren die 2016 vorgestellte Air-King (Bild). Nach anfänglichen Erfolgen sank das Interesse an der optisch stark polarisierenden Referenz 116900. Gerüchte und Vermutungen, dass 2022 die Produk tion der relativ günstigen und im Fachhandel recht gut verfügbaren Rolex-Sportuhr enden könnte, liessen Nachfrage und Preise beinahe senkrecht in die Höhe schiessen. Verlangt wird zumeist das Doppelte der offiziell verlautbarten 6800 Franken. Offenbar lässt sich diese Preistreiberei mit Blick auf die relativ komfortable Einkommenssituation des Schweizer Kundenkreises durchaus verschmerzen ...

Eines kennt die Schweizer Uhrenindustrie, der drittwichtigste Exportzweig unserer Industrie, nicht: Transparenz. Was Umsätze, Stückzahlen oder Marktanteile betrifft, sind Beobachter seit je auf Schätzungen angewiesen. So auch die Experten von Luxeconsult mit Oliver R. Müller als Gründer sowie Morgan Stanley. Das Duo ermittelt jährlich den «Gesundheitszustand» der paar Dutzend wichtigsten Uhrenproduzenten aus dem Kreis der aktiven 150 Schweizer Marken. Früher wartete jeweils auch die Bank Vontobel mit Analysen der Uhrenbranche auf, in letzter Zeit aber blieb es zu diesem Thema still an deren Hauptsitz in Zürich. Allerdings: Eine Zahl des unangefoch tenen Branchenleaders Rolex aus der aktuellen Luxeconsult-Morgan-Stanley-Studie stimmt nicht. Entweder jene von 2021 (8,05) oder jene von 2020 (4,42 Milliarden Franken). Um 4 Milliarden Franken kann selbst Rolex, auch wenn Erfolgsgarant am Markt, innert eines Jahres nicht gewachsen sein. Künftig muss wohl die Umsatzschätzung für 2020 auf 6 Milliarden Franken oder leicht höher nachkorrigiert werden.