Ava Women und ihre Mitgründerin Lea von Bidder standen in den vergangenen Jahren für alles, was der Start­up-­Standort Schweiz zu bieten hat: engagierte Gründerinnen, tolle Geschäftsidee, grosse Visionen, prominente Investoren.

Nun erlebt das mehrfach preisgekrönte Femtech-Startup seine grosse Bewährungsprobe. Das Unternehmen, das Bracelets für Frauen verkauft, die schwanger werden möchten und deshalb wissen wollen, wann ihre fruchtbaren Tage sind, musste sich im März von 24 Mitarbeitenden trennen und beschäftigt heute noch 60 Leute, gegenüber 100 diesen Frühling, wie Geschäftsführerin Lea von Bidder bestätigt.

Klar ist auch, dass eine Finanzierungsrunde nicht wie geplant durchgeführt werden kann. Von Bidder: «Wie zahlreiche andere Startups ­haben wir uns proaktiv dazu entschlossen, eine mögliche Finanzierung aufzuschieben, bis wir die Situation wieder als günstiger einschätzen.»

Das Rumoren im Startup hat auch die oberste Spitze erfasst: Mitgründer und Chief Operating Officer Philipp Tholen ist seit Juni nicht mehr an Bord, wie dem Handelsregister zu entnehmen ist. Auf der Website wurde das bis jetzt nicht kommuniziert. Diese werde nur periodisch aufdatiert, schreibt die Ava-Geschäftsführerin.



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Gut im Marketing

Ava Women – das war ein Höhenflug der Sonderklasse. Das Unternehmen konnte in sechs Finanzierungsrunden seit 2014 nicht weniger als 42,4 Millionen Franken einsammeln – ein be­eindruckender Betrag für Schweizer Verhältnisse, für Femtech ohnehin. Technologien im Bereich der Frauen­gesundheit haben zwar viel Potenzial, wie Marktbeobachter überzeugt sind, aber sie sind noch wenig etabliert. Das lockt findige Unternehmergeiste an.

Lange Zeit lief das Geschäft wie geschmiert: Expansion in die USA, Expansion nach Asien. Bei Ava Women schien der Geschäftsverlauf nur eine Richtung zu kennen: nach oben.
 Der Schlüssel zum Erfolg war ein forsches Marketing. Das Unternehmen mit seiner damaligen Marketingchefin Lea von Bidder warb mit dem Begriff «Ava-Baby». Es reklamierte so Schwangerschaften für sich, bei denen kaum rückverfolgbar war, inwieweit sie tatsächlich mit dem Tragen der Bracelets im Verbindung stehen. Zudem setzte Ava auf Prominente wie die amerika­nische Country-Sängerin und Schauspielerin Jana Kramer, die an­gaben, schwanger geworden zu sein, nachdem sie das Bracelet getragen hatten.


Doch die Turbo-PR stiess auch auf Kritik: «Das ist irreführend», sagte Jean Gabriel Jeannot, Arzt aus Neuenburg und Dozent für digitale Technologien in der Medizin an der Uni Lausanne. «Solche Aussagen sollte man belegen können.»

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Die Konkurrenz holte auf


Zudem holte die Konkurrenz auf. Ava Women, der Pionier beim Ferti­litätstracking, hatte sich gegen immer mehr, teilweise günstigere Wettbewerber durchzusetzen. Mehr noch: Die Konkurrenz setzte auf Abo-Modelle und generierte so kontinuierliche Einnahmen; Ava dagegen war auf permanente Abverkäufe ihrer Bracelets angewiesen. Der Preis: mehrere hundert Franken.


Überdies ist Ava, anders als ihre schwedisch-schweizerische Startup-­Kon­kurrentin Natural Cycles, nicht im viel grösseren Markt der Verhütung ­tätig. Bei der Ver­hütung sind die Zulassungshürden viel höher als bei einem Kinderwunsch-Device. Um eine Zulassung als Verhütungsmittel zu bekommen, braucht es klinische Studien – doch diese sind sehr aufwendig und teuer. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat bis jetzt erst ein technolo­gisches Verhütungsmittel zugelassen: jenes von Natural Cycles.

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24 Mitarbeiter weniger

Lea von Bidder schreibt dazu: Seit Tag eins sei das Ziel von Ava, Frauen einfachere und bessere digitale Produkte zur Verfügung zu stellen. Und: «Nicht hormonelle Verhütung ist klar ein Teil davon».



Im Frühling wurde es dann eng und enger. Die Covid-19-Krise habe grosse Unsicherheit ausgelöst, schreibt von Bidder. Ava habe deshalb im März ­einen «klaren Liquiditätsplan» erstellt, um das nachhaltige Bestehen sichern zu können. Gleichwohl habe man sich «schweren Herzens dazu entschlossen, uns von 24 Mitarbeitenden zu trennen».


Von Bidder gibt sich zuversichtlich. Inzwischen hätten sich die Umsätze stabilisiert – und einzelne Stellen seien wieder besetzt worden, teilweise auch mit ehemaligen Mitarbeitenden. Und: «Im nächsten Jahr erwarten wir erneut ein Wachstum».

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